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Annegret Kramp-Karrenbauer folgt Angela Merkel

dw.com-Logo dw.com 07.12.2018 Christoph Strack

Wieder eine Frau. Annegret Kramp-Karrenbauer setzt sich im Kampf um die Spitze der Christlich Demokratischen Union gegen Friedrich Merz durch. Eine knappe Entscheidung des CDU-Parteitags. Eine Richtungsentscheidung.

Provided by Deutsche Welle © Reuters/K. Pfaffenbach Provided by Deutsche Welle

Und dann fällt sie ihrem Mann in die Arme. Annegret Kramp-Karrenbauer ist neue Vorsitzende der CDU. Nach einem langen Wahlkampf, einem dramatischen Wahltag, der dieser Partei so viel Gemeinsamkeit wie Zerreißprobe bescherte. Erneut steht eine Frau an der Spitze der Christdemokraten. Damit hat die CDU erstmals seit mehr als 40 Jahren eine Vorsitzende, die nicht dem Bundestag angehört.

Der CDU-Bundesparteitag wählte die 55-Jährige Saarländerin im zweiten Wahlgang mit zur Nachfolgerin der 63-jährigen Angela Merkel. Sie setzte sich in der entscheidenden Abstimmung mit 517 zu 482 Stimmen gegen Friedrich Merz durch. Zuvor hatte sie nach allgemeiner Einschätzung die stärkste Rede der drei Bewerber gehalten, während Merz länger verkrampft wirkte. In einem flammenden Appell hatte AKK, wie sie sich selbst gelegentlich auch nennt, den Parteitag aufgefordert, die CDU müsse "starke Volkspartei" bleiben. "Die natürliche Denkfabrik der Politik, das muss die Volkspartei sein." Und sie warb für ein "starkes Europa, offen nach innen und sicher nach außen", mit europäischem Sicherheitsrat und europäischer Armee. Kramp-Karrenbauer, wahlkampfversiert, zog rasch durch die Themen. Digitalisierung, starker Staat, Absicherung von Arbeitern. Und: "Eine starke CDU, keine, die beliebig ist."

Ihre Rede vor der Wahl © Reuters/K. Pfaffenbach Ihre Rede vor der Wahl

Bodenhaftung im Saarland

Sie verkörpert Nähe zur Basis und Bodenhaftung. In ihrer saarländischen Heimat ist sie dafür bekannt. Als Sozia ihres Mannes Helmut, mit dem sie seit 34 Jahren verheiratet ist und drei heute bereits erwachsene Kinder hat, ist sie gelegentlich auf dem Motorrad unterwegs. Mal sieht man sie beim Fußball oder beim Eishockey in Mannheim. Ihr Mann, ein Bergbau-Ingenieur, gab seinen Beruf auf, um sich um die Kinder zu kümmern und seiner Frau den Rücken freizuhalten. Beim Parteitag in Hamburg saß Helmut Karrenbauer im Gästebereich.

Die bisherige Generalsekretärin hatte nach der Rückzugsankündigung Merkels Ende Oktober als erste bekanntere CDU-Politikerin ihren Hut in den Ring geworfen und ihre Kandidatur erklärt. Ihr Amt als Generalsekretärin der Partei ließ sie seitdem ruhen. Im informellen Wahlkampf gegen die beiden konservativer auftretenden Konkurrenten Friedrich Merz und Jens Spahn betonte sie vor allem soziale Aspekte und die Grundwerte, für die die CDU mit dem "C" (für christlich) stehe.

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Verfechterin der "Volkspartei"

Und immer wieder pochte AKK darauf, dass die Christdemokraten als letzte verbliebene "Volkspartei" in der Mitte der Gesellschaft verankert sein müsse. Einen "Rechtsruck" der Partei lehnte sie stets ab.

Gegen zwei Mitkonkurrenten setzte sie sich durch: Friedrich Merz (links) und Jens Spahn © picture-alliance/dpa/C. Schmidt Gegen zwei Mitkonkurrenten setzte sie sich durch: Friedrich Merz (links) und Jens Spahn

Kramp-Karrenbauer gilt als enge Vertraute der Kanzlerin. Aber vor allem ist sie auf allen Ebenen politischer Arbeit erfahren. Die studierte Politikwissenschaftlerin und Juristin war 1998 ein halbes Jahr Abgeordnete des Bundestages, ging dann aber, gefördert vom damaligen Ministerpräsidenten und heutigen Bundesverfassungsrichter Peter Müller, zurück in die saarländische Landespolitik. Innerhalb von zwölf Jahren leitete sie als Ministerin vier verschiedene Ressorts quer durch die Landespolitik und verbindet heutige Reden immer wieder mit Erfahrungen dieser Zeit. Innenpolitik, Familie und Frauen, Bildung und Kultur, Arbeit und Soziales, Justiz. Als Nachfolgerin Müllers wurde sie 2011 Ministerpräsidentin des Saarlandes. Sie war die zweite Unions-Frau überhaupt, die an der Spitze eines Bundeslandes stand.

Wahlsiegerin im Schicksalsjahr

Zu Jahresbeginn 2017, neun Monate vor der Bundestagswahl, schien die CDU bundesweit schon mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Auf SPD-Seite rollte die Kampagne für Merkel-Herausforderer Martin Schulz, der Lauf der CDU dagegen stockte. Die erste Landtagswahl im März galt schon als Schicksalswahl. Mit 40, 7 Prozent gewann Kramp-Karrenbauer sensationell, ihre CDU legte fünf Prozentpunkte zu. Das war eine Weichenstellung von bundespolitischer Bedeutung. Und als während der vergangenen Wochen Friedrich Merz selbstbewusst äußerte, er traue sich zu, die derzeit unter 30 Prozent dümpelnde CDU bei Bundestagswahlen wieder auf 40 Prozent zu führen, entgegnete Kramp-Karrenbauer trocken, sie wisse, wie ein solcher Wahlerfolg gelingen könne und wie wunderbar sich das anfühle.

Im saarländischen Landeswahlkampf, hier 2012 © Reuters Im saarländischen Landeswahlkampf, hier 2012

"Ich kann, ich will"

Im Februar 2018 wechselte Kramp-Karrenbauer dann nach Berlin ins Amt der CDU-Generalsekretärin. "Ich kann, ich will und ich werde. Und deswegen stelle ich mich gern in den Dienst der Partei", sagte sie dem Parteitag in der Hauptstadt, der sie stürmisch feierte und ins neue Amt wählte. Vom kleinen Saarland auf die große Bühne, die sie als selbstbewusstes Mitglied im Parteipräsidium seit 2010 kennengelernt hatte. Die "Generalin" machte sich als Vermittlerin zwischen den oft rivalisierenden Parteiflügeln und Interessen in der CDU einen Namen.

Ihr bisher wichtigstes Projekt war es dabei, ein neues Grundsatzprogramm auszuarbeiten. Es soll den konservativen Markenkern der CDU neu bestimmen, nachdem die Partei unter Kanzlerin Merkel vor allem bei konservativen und wirtschaftsliberalen Wählergruppen Vertrauen eingebüßt hat. Für dieses Projekt zog sie mit einer "Zuhör-Tour" durch Deutschland und traf sich in 50 Städten mit Ortsvereinen zum Austausch. Während der Wahlkampfwochen für die Merkel-Nachfolge, als sich die drei Konkurrenten bei acht Regionalkonferenzen bundesweit der Basis vorstellten, kam sie immer wieder auf diese direkten Kontakte zu sprechen. Die Zuhör-Tour - ein Projekt wie gemacht für AKK – wirkt im Rückblick wie ein langer Anlauf an die Parteispitze.

Im saarländischen Landeswahlkampf, hier 2012 © Reuters Im saarländischen Landeswahlkampf, hier 2012

Angriffe auf die Grünen

Kramp-Karrenbauer, Katholikin aus dem katholischsten aller deutschen Bundesländer, gibt sich konservativ in einem fortschrittlichen Sinne. Wenn sie in den letzten Wochen eine andere Partei kritisierte, dann die auf der Erfolgsspur daherziehenden Grünen. Denen habe die CDU fälschlicherweise das Thema "Bewahrung der Schöpfung" überlassen, das ein genuines C-Thema sein müsse.

Kramp-Karrenbauer dankte den beiden Konkurrenten für einen "fairen Wettbewerb, den wir uns geliefert haben!. Nun folgt sie Merkel, ihrer Vertrauten. Beide werden einander auch offiziell begegnen, bei Koalitionsgesprächen im Kanzleramt oder Vorstandssitzungen der CDU. Zuletzt hatte AKK angekündigt, Politik müsse in der CDU wieder von unten nach oben geprägt werden. Da könnte es in der Europa- oder Bildungspolitik oder beim Thema Wohnungsbau zum ersten Konflikt der beiden kommen. Man darf gespannt sein.

Autor: Christoph Strack

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