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Bernie Sanders: Radikal erfolgreich

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 20.02.2019 Jörg Wimalasena

Fast im Alleingang hat Bernie Sanders die Demokraten nach links gezogen. Beim zweiten Anlauf auf die Präsidentschaftskandidatur ist er deshalb kein Außenseiter mehr.

US-Senator Bernie Sanders © Drew Angerer/Getty Images US-Senator Bernie Sanders

Dass diesmal, beim zweiten Mal, alles anders ist, lässt sich sich schon daran erkennen, wie es beginnt: Als Bernie Sanders 2015 seine Kandidatur für die US-Präsidentschaft ankündigte, war das keine große Sache. Seine Konkurrentin, die ehemalige Außenministerin Hillary Clinton stieg mit einer akribisch inszenierten Show in New York ins Rennen um die Nominierung der Demokraten ein. Sanders hingegen startete seine Kampagne fast beiläufig. Bei einer improvisierten Pressekonferenz vor dem US-Kapitol erzählte er kurz, wie er sich die Zukunft des Landes vorstellte – was nicht sehr feierlich wirkte, weil im Hintergrund Passanten durchs Bild liefen. Dann musste Sanders schnell weiter zu einem anderen Termin.

Sanders Forderungen wirkten damals exotisch und weltfremd. Eine staatliche Krankenversicherung für alle, ein Mindestlohn von 15 Dollar, eine drastisch höhere Besteuerung der Reichen im Land. Ideen, die bei demokratischen Wählern jedoch überraschend gut ankamen. Vom Außenseiter wurde der selbsternannte "demokratische Sozialist" nach Beginn der Vorwahlen schnell zum Mitfavoriten – und verlor am Ende nur knapp.

Deshalb ist diesmal alles anders. Drei Jahre nach seinem ersten Versuch will Sanders erneut Präsidentschaftskandidat der Demokraten werden. Seine Kandidatur gab er aber dieses Mal nicht nebenbei bekannt, sondern vor einem Millionenpublikum im Fernsehsender CBS. Auf die Frage, was dieses Mal anders als laufen solle als beim vergangenen Mal antwortete Sanders nur trocken: "Wir werden gewinnen".

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Die neue Mitte der Demokraten

Der Senator aus Vermont hat gute Gründe, mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein in den Vorwahlkampf zu ziehen. Laut Umfragen gehört er seit zwei Jahren zu den beliebtesten Politikern des Landes und lässt in der Wählergunst regelmäßig die meisten demokratischen Präsidentschaftskandidaten hinter sich. Lediglich Ex-Vizepräsident Biden – über dessen Kandidatur ebenfalls spekuliert wird – kann es in den Erhebungen mit Sanders aufnehmen.

Nicht nur das CBS-Interview und die Umfragen zeigen, dass er längst kein Außenseiter mehr ist. Ganz im Gegenteil: Sanders ist es fast im Alleingang gelungen, den politischen Mainstream seiner Partei nach links zu ziehen. 15 Dollar Mindestlohn und eine Krankenversicherung für alle ist als Forderung von weiten Teilen der Partei übernommen worden. Bernie Sanders ist kein Radikaler mehr – er repräsentiert mit seinen Ideen die neue Mitte der Demokraten.

Es ist zwar noch lange hin bis zur Entscheidung über die Präsidentschaftskandidatur, und gerade die vergangenen Vorwahlen zeigen, wie schnell und massiv sich die ersten Umfragewerte noch drehen können. Sanders ist noch weit davon entfernt, Favorit auf den Sieg zu sein. Aber er hat zumindest schon ein paar gute Argumente auf seiner Seite.

Da ist zum einen seine treue und aktive Anhängerschaft. Schon 2016 konnte Sanders sich auf Hunderttausende junger engagierter Wahlkampfhelfer verlassen, die seine politischen Botschaften durch die USA trugen. Seitdem hat Sanders seine Graswurzelbewegung professionalisiert. Kurz nach der knappen Niederlage gegen Clinton 2016 gründeten seine Mitstreiter die Organisation "Our Revolution" ("Unsere Revolution"), die seitdem linken Kandidaten im Wahlkampf hilft –mit großem Erfolg. Our Revolution unterstützte 2018 mehr als 300 Kandidaten für lokale, regionale und nationale Ämter, von denen etwa 40 Prozent erfolgreich waren – zum Beispiel die New Yorker Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez, die mit gerade einmal 29 Jahren nicht nur ins Repräsentantenhaus einzog, sondern schon jetzt als große Hoffnung der Parteilinken gilt.

Die Organisation hat Listen mit den Emailadressen potenzieller Wähler und Unterstützer aus vergangenen Wahlkämpfen und exzellente Kontakte zu zahlreichen linken Organisationen. Die Erfahrungen aus anderen Wahlkämpfen sollen nun die "Revolution" zum ultimativen Erfolg führen – dem Einzug eines Sozialisten ins Weiße Haus. Man werde eine Graswurzelbewegung auf die Beine stellen, "die es so noch nie in der amerikanischen Geschichte gegeben hat", versprach Sanders im CBS-Interview. Eine Million Menschen will er mobilisieren. Und ebendiese Menschen sollen auch seinen Wahlkampf bezahlen. Wie 2016 dürfte Sanders seine Kampagne hauptsächlich mit Kleinspenden finanzieren. Das wirkt authentisch.

Zwar könnte es dieses Jahr auch noch weitere linke Bewerber auf die Präsidentschaftskandidatur geben, aber das ihm deshalb die Anhänger weglaufen, das muss Sanders eher nicht fürchten. Er gilt als Kultfigur, seine Anhänger wollen nur ihn. Womöglich gräbt er anderen linken Kandidaten Stimmen ab – und nicht umgekehrt.

Was Sanders ebenfalls besonders macht und ihm nutzen könnte: Der 77-Jährige scheut den Pathos, der die politische Auseinandersetzung in den USA sonst prägt. Statt großer Erzählungen aus seinem Leben oder bedeutungsschwangerer Selbstinszenierung setzt er nüchtern auf soziale und wirtschaftliche Themen, die viele US-Amerikaner im Alltag beschäftigen – also Schulden, Armut, Arbeitsbedingungen und Gesundheit. Das macht ihn auch für Menschen wählbar, die sonst nicht demokratisch wählen. Umfragen zeigen, dass seine Ideen auch bei republikanischen Wählern gut ankommen.

Gegenwind aus der eigenen Partei

Dem gesellschaftlichen RechtspopulismusDonald Trumps könnte Sanders einen ökonomischen Linkspopulismus entgegensetzen, der nicht Weiße gegen Schwarze, Männer gegen Frauen und Migranten gegen Einheimische ausspielt, sondern Reiche gegen Arme und Unternehmer gegen Beschäftigte. Er steht für eine Polarisierung entlang von Klassengrenzen und nicht für einen Kulturkampf um die Mitte. Mit der gemäßigten Kandidatin Hillary Clinton schnitten die Demokraten bei der letzten Wahl gegen Donald Trump zuletzt bekanntlich eher schlecht ab. Sanders steht für das Alternativmodell.

Doch seine Kampagne hat auch Schwächen. Gerade wegen des chauvinistischen Auftretens des aktuellen US-Präsidenten haben die Demokraten derzeit das Bedürfnis, dem alten, weißen Mann Donald Trump einen jugendlichen nicht-weißen Kandidaten oder eine Kandidatin entgegenzusetzen. Der 77-jährige Sanders erfüllt diese demografischen Anforderungen nicht.

Gerade wegen seiner dezidiert linken Haltungen in Steuerfragen droht Sanders auch Gegenwind aus der eigenen Partei und der US-Wirtschaft, die seine radikal linken Positionen ablehnen. Howard Schultz, Milliardär und ehemaliger Chef der Kaffee-Kette Starbucks, hat angekündigt, dass er seine unabhängige Kandidatur für die Präsidentschaft möglicherweise zurückziehen werde, wenn die Demokraten einen zentristischen Bewerber aufstellen. Das könnte man als Drohung verstehen. Wenn jemand wie Sanders kandidiert, wird Schultz versuchen, einen demokratischen Wahlsieg mit einer eigenen Kampagne zu verhindern. Die Wiederwahl Donald Trumps zu verhindern, scheint zumindest für Schultz nicht die einzige Priorität zu sein.

Aber ein gewisser Gegenwind und eine Antipathie des vermeintlichen Establishments können einer Kampagne auch den Rücken stärken. Wer in Washington und New York nicht gemocht wird, genießt gelegentlich auch ohne eigenes Zutun eine gewisse Sympathie im Rest der USA. Dass man damit auch große Wahlen gewinnen kann, das bewies zuletzt ein gewisser Donald Trump.

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