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CDU-Parteitag hat begonnen: Annegret Kramp Karrenbauer – einsam auf weiter Flur

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 15.01.2021 Robert Birnbaum

Zum Auftakt des Parteitags durften auch Vorsitzkandidaten nur fernsehen. Sie sahen eine scheidende CDU-Vorsitzende, die über ihren Rückzug sagt: „Das schmerzt.“

Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU). © Foto: imago images/sepp spiegl Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU).

Annegret Kramp-Karrenbauer stand in ihrer kurzen Amtszeit öfter ziemlich einsam da. Aber so alleine auf weiter Flur wie am Freitagabend hat man selbst die scheidende CDU-Chefin selten gesehen.

„Wir senden hier live aus dem CDU-Studio in Berlin“, sagt Kramp-Karrenbauer in die fast leere Berliner Messehalle hinein. Tatsächlich hat der erste digitale CDU-Parteitag viel Ähnlichkeit mit einer Fernsehshow. Nur dass die Jury nicht mit im Studio sitzt, sondern in bis zu 1001 Wohnzimmern und Büros in der ganzen Republik

Die Jury darf erst mal etwas üben. Formalien werden normalerweise im Vorbeigehen erledigt, Hände kurz hoch, weitermachen. diesmal braucht es für die Zustimmung zu Antragfristen und Tagungspräsidium jedesmal einen Klick in der „digitalen Wahlkabine“.

Klappt aber. Paul Ziemiak schaut erleichtert. Der Generalsekretär hat nach Kramp-Karrenbauers Rückzug ein Jahr lang ständig neue Parteitage vorbereitet, live in Stuttgart, Reservestandort im Osten, weil dort Corona damals noch selten war, sogar ein hybrides Format. Ziemiak wird im Amt bleiben; jeder neue Chef braucht ihn als Organisator für den nahenden Wahlkampf.

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Seine alte Chefin hält nach genau drei Jahren ihre letzte Rede im Amt. Kramp-Karrenbauer macht es kurz. Sie erinnert an ihren überraschenden Sieg in Hamburg und an ihre Niederlagen, zuletzt das Desaster in Thüringen, als die Landes-CDU sich mit der AfD einließ. „Es ging um die Seele unserer Partei“, sagt sie.

Die Kamera zeigt AKKs Seelenlage in Nahaufnahme

Als sie sich nicht durchsetzen konnte, sei der Rückzug die einzig richtige Konsequenz gewesen. „Das schmerzt, auch heute noch“, sagt die Saarländerin. Jeder kann das sehen, als Parteivize Volker Bouffier ihr die Laudatio hält - „du warst eine sehr mutige Parteivorsitzende“. Die Nahaufnahme zeigt eine mühsam Beherrschte.

Erst beim Abschiedsfilm muss sie kichern, weil der mit den Schnipseln internationaler Nachrichten beginnt und mit Sprechern, die sich abmühen mit dieser „Ännegreat Kamm-Karrrrenbur“.

Die Weltpresse wird es mit ihrem Nachfolger in der Beziehung leichter haben. Die drei Kandidaten sind aber am ersten Tag noch nicht dran. Auch sie müssen fernsehen.

Friedrich Merz darf man sich dabei gut gelaunt vorstellen. In der Vorbesprechung der Baden-Württemberger hat sich Wolfgang Schäuble für ihn ausgesprochen. Die Begründung ist kleine Münze: Merz könne für die Landtagswahl in acht Wochen im Südwesten am Besten für die CDU mobilisieren. Aber kleine Münze ergibt in Summe auch Stimmen.

Auch über die Stimmungslage von Armin Laschet und Norbert Röttgen lässt sich mit gewisser Berechtigung mutmaßen. Beiden wird kaum entgangen sein, dass sogar sehr ernsthafte Christdemokraten es inzwischen für keineswegs ausgeschlossen halten, dass der Außenpolitiker aus dem Rhein-Sieg-Kreis in die Stichwahl gegen Merz geht und nicht der NRW-Ministerpräsident.

Welchen Namen Laschets Wähler dann anklicken würden, ist völlig unklar. Zeit zum Überlegen bleibt ihnen nicht; der zweite Wahlgang folgt sofort.

Röttgen twittert jedenfalls frohgemut jedes Probevotum zu seinen Gunsten, und sei es bloß bei der Jungen Union im niedersächsischen Northeim. Laschet-Anhänger wiederum berichten von Anrufen des Kandidaten Merz, nur so, für alle Fälle.

Wie es am Samstag wirklich ausgeht, traut sich keiner vorherzusagen. Bouffier ist offener Laschet-Unterstützer, erklärt aber glaubwürdig schon vor dem Start alle Vermutungen über die innerparteilichen Kräfteverhältnisse für „rein spekulativ“.

Der Familienfaktor macht die Wahl noch unberechenbarer

Das hat auch viel mit dem digitalen Experiment zu tun.

Normalerweise, beschreibt es ein Spitzenfunktionär, bekomme man bei den Vortreffen Tendenzen mit, selbst wenn keiner sie offen ausspreche. Später im Saal könne sich daraus eine Stimmung aufbauen. Diesmal sitzen alle daheim. Die Bewerber reden ins abgedunkelte Nichts; ob ihre Gags zünden oder verstören, wissen sie nicht. Digitale Likes sind auch nicht vorgesehen. Und statt der Stuhlnachbarn aus dem Landesverband rezensiert bei den stimmberechtigten Zuhörern womöglich die Familie die Auftritte der Kandidaten. „Ich vermute, meine Frau hätte andere Vorlieben als ich“, sagt ein Delegierter nur halb im Scherz.

Ein offenes Rennen also mit sehr vielen Unbekannten. Angela Merkel lässt sich nicht bei einer offenen Wahlempfehlung ertappen - mit dem "Team", das sie erwähnt, könnte ja genauso gut der neue Vorstand gemeint sein. Die Kanzlerin wird per Video aus dem Kanzleramtsbüro zugeschaltet. Sie hält eine Kanzlerinnenrede und wünscht sich und der Christdemokratie ansonsten, „dass dieser Parteitag die richtigen Entscheidungen für die Zukunft trifft.“

Fehlt also nur noch Markus Söder. Das Grußwort der Schwesterpartei gehört zur Tradition. Dass die in der Flüchtlingskrise ausgesetzt war, damit es nicht knallt, ist Geschichte. Heute hat der CSU-Chef unter Unionswählern erheblich mehr Fans als jeder einzelne der CDU-Bewerber.

Söder hat in einem Interview direkt vor dem Parteitag durchblicken lassen, wen er aus dem Trio jedenfalls für den Falschen hielte. „Jeder, der glaubt, durch einen Bruch mit Angela Merkel die Bundestagswahl gewinnen zu können, begeht einen fundamentalen Fehler", erklärte der Bayer in der WAZ. Und: Unter den Bewerbern gebe es in der Haltung zur Kanzlerin durchaus Unterschiede.

Er kann sich also jetzt aufs geschwisterlich Korrekte beschränken. Alle Bewerber seien prima, mit jedem könnte er „super zusammenarbeiten“. Ansonsten interessiere in der Corona-Pandemie selbst die Kanzlerkandidaten-Frage die Menschen nicht so sehr.

Hinter Söder schaut Franz Josef Strauß in Bronze in die Kamera. Es wirkt ganz so, als würde die Büste still in sich hineinschmunzeln.

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