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Klimacamp im Berliner Regierungsviertel: Aktivisten drohen, ab Donnerstag nicht mehr zu trinken

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 22.09.2021 Jan Skaletzka

Wochenlang verzichteten mehrere Aktivisten auf Essen, sechs von sieben brachen den Streik nun ab. Sie fordern ein Gespräch mit den Kanzlerkandidaten.

Sechs der sieben jungen Aktivisten, die in den Hungerstreik getreten waren, haben mittlerweile aus körperlichen und psychischen Grünen aufgegeben. © Foto: imago images/epd Sechs der sieben jungen Aktivisten, die in den Hungerstreik getreten waren, haben mittlerweile aus körperlichen und psychischen Grünen aufgegeben.

Auf dem Holzschild am Eingang des improvisierten Camps zu Füßen des Paul-Löbe-Hauses in Mitte hängt ein Holzschild mit der Aufschrift „Hungerstreik“. Die Strichliste darunter wird immer länger. 24 Striche sind es bereits am Mittwoch. Jeder Strich steht für einen Tag, an dem mehrere junge Klimaaktivist:innen keine Nahrung zu sich nehmen. Nach über drei Wochen haben sechs der ursprünglich sieben Aktivist:innen den Streik beendet.

Der einzig verbliebene, der 21-jährige Henning Jeschke, will allerdings noch weiter gehen: Sollten die drei Kanzlerkandidat:innen ein von den Hungerstreikenden gesetztes Ultimatum nicht erfüllen, will er ab Donnerstagabend auch nichts mehr trinken. Dabei unterstützt ihn eine weitere junge Aktivistin, die sich erst diese Woche dem Streik angeschlossen hat.

Donnerstagabend um 19 Uhr ist der Termin, den die Aktivist:innen für ein öffentliches Gespräch mit Annalena Baerbock (Grüne), Armin Laschet (CDU) und Olaf Scholz (SPD) bestimmt haben. Dass dieses zustande kommt, ist unwahrscheinlich: Bislang haben die drei Kanzlerkandidat:innen lediglich Einzelgespräche nach der Wahl angekündigt. Den Klimaaktivist:innen reicht das nicht. Sie planen am Donnerstag einen Protest mit leeren Stühlen.

Seit 24 Tagen im Hungerstreik

Henning Jeschke liegt am Mittwoch, dem Tag vor Ablauf des Ultimatums, auf einer dünnen Matratze, die durch Holzpaletten vor dem feuchten Grasboden geschützt wird. Er ist dick eingepackt in einen Schlafsack, orangene Decken und schwarze Handschuhe. Vor ihm stehen Teekannen und sein Smartphone. Noch nimmt er Flüssigkeit zu sich: Tee, Wasser, aufgelöste Salze. Zum Aufstehen reicht seine Kraft nicht mehr.

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„Wir können es uns nicht leisten, ignoriert zu werden“, sagt Henning Jeschke. Er fordert ein ehrliches Gespräch über den Kampf gegen die Klimakrise. Die bislang von der Politik geplanten Maßnahmen zum Klimaschutz würden nicht ausreichen, sagt er. Wenn Unrecht geschehe, etwa wie in dem Fall dass das Pariser Klimaschutzabkommen gebrochen werde, müsse man zu harten Mitteln wie eben einem Hungerstreik greifen.

„Das Massenaussterben, das uns droht, ist mit dem Aussterben der Dinosaurier vergleichbar“, formuliert es Jeschke drastisch. Über seinen körperlichen Zustand sagt er, dass dieser sehr labil sei. Er habe in den vergangenen Wochen fast elf Kilogramm Gewicht verloren. „Meine Beine schmerzen und mir wird sehr schnell kalt“, beschreibt er.

Merkel ist mitverantwortlich für die Klimakrise

Hannah Lübbert ist Sprecherin der Klimaaktivist:innen. Sie spricht von einer belastenden Situation. Oft würden sich Passant:innen am Infozelt informieren, auch Bundestagsabgeordnete seien schon vor Ort gewesen. Doch das ersetze nicht das Gespräch mit den Kanzlerkandidat:innen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich kürzlich besorgt über den Hungerstreik gezeigt.

Darauf angesprochen muss Lübbers lachen. „Genau wie sie sich Sorgen um uns macht, machen wir uns Sorgen. Es ist lächerlich, dass sie Sorgen äußert. Seit 16 Jahren ist sie an der Macht und damit mitverantwortlich für die Klimakrise“, sagt sie.

Evangelische Kirche zeigt sich besorgt

Auch die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat die Klimaaktivist:innen dazu aufgerufen, ihren Hungerstreik zu beenden. Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm sprach von großer Sorge, die ihm der Hungerstreik bereite. Gleichzeitig wertete er den Hungerstreik als Alarmzeichen für die Gesellschaft.

„Viele junge Leute sehen keine Zukunft mehr, weil sie den Veränderungswillen nicht sehen, der notwendig wäre, um die ökologische Zerstörung noch umzukehren“, sagte Bedford-Strohm.

Klimastreik für Freitag angekündigt

Unter dem Motto #AlleFürsKlima soll am Freitag ein weltweiter Klimastreik stattfinden. In Berlin sind dafür bislang 20.000 Menschen angemeldet. Auch die Klimaaktivistin Greta Thunberg wird erwartet. Die Demonstration beginnt um 12 Uhr am Platz der Republik und führt über Unter den Linden, Friedrichstraße, Kronprinzenbrücke, Otto-von-Bismarck-Allee Richtung Bundestag. Dort wird der Demozug um 14:15 Uhr enden. Unterstützt werden die Aktivist:innen von den Musiker:innen Nura, Clueso, Emily Roberts und der Gruppe Brass Riot.

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