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Der gefährlich prominente Joe Biden

SZ.de-Logo SZ.de 25.04.2019 Von Hubert Wetzel, Washington
Der 76-jährige ehemalige Vizepräsident Joe Biden glaubt, als Vertreter der © AP Der 76-jährige ehemalige Vizepräsident Joe Biden glaubt, als Vertreter der

• Der ehemalige US-Vizepräsident Biden wird Medieninformationen zufolge noch diese Woche seine Präsidentschaftskandidatur bekanntgeben.

• Neben Biden wollen mehr als 20 weitere Bewerber für die Demokraten gegen den republikanischen Präsidenten Trump antreten.

• Biden ist in der Partei gut vernetzt. Allerdings hat er zuweilen Positionen vertreten, die bei den Demokraten heute nicht mehr beliebt sind.

Joe Biden hat sich lange geziert, doch jetzt will er die Geheimnistuerei offenbar beenden. Biden, so berichten die amerikanischen Medien unwidersprochen, werde an diesem Donnerstag offiziell seine Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten erklären. Überraschend kommt dieser Schritt nicht - dass der 76 Jahre alte ehemalige Senator und Vizepräsident im November 2020 gegen den republikanischen Amtsinhaber Donald Trump antreten möchte, ist seit Langem bekannt. Ebenso, dass Biden sich von allen Demokraten für denjenigen hält, der die besten Chancen hat, Trump auch tatsächlich zu schlagen.

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Allerdings gab es immer wieder Spekulationen, wann genau Biden seine Kandidatur erklären würde. Möglichst früh, um andere Mitbewerber abzuschrecken? Eher spät, um seine herausgehobene Position zu unterstreichen? Die Antwort lautet jetzt: Biden hat bis zum letztmöglichen Zeitpunkt gewartet. Das demokratische Bewerberfeld ist so groß wie nie, fast 20 Frauen und Männer rangeln bereits darum, Präsidentschaftskandidat der Partei zu werden. Viele haben sich schon in Frage-und-Antwort-Sendungen im Fernsehen vorgestellt, die Wähler machen sich zunehmend mit ihnen vertraut, einst wenig bekannte Namen wie Kamala Harris, Pete Buttigieg und Beto O'Rourke klingen inzwischen nicht mehr so exotisch.

Im Januar 2020 beginnen die parteiinternen Vorwahlen

Insofern wurde es höchste Zeit für Biden, sich zu erklären. In einigen Wochen findet die erste Kandidatendebatte statt. Im Januar 2020 beginnen dann die parteiinternen Vorwahlen. In diesen Primaries bestimmen die demokratischen Parteianhänger ihren Präsidentschaftskandidaten. Bundesstaaten wie Iowa, New Hampshire und South Carolina, in denen früh gewählt wird, werden von anderen Bewerbern bereits intensiv beackert.

Biden geht mit einem großen Vorteil ins Rennen: Jeder kennt ihn. Niemand fragt, wenn sein Name genannt wird: Joe wer? Biden ist seit mehr als vier Jahrzehnten in der Politik, er hat den Bundesstaat Delaware im Senat vertreten und war Vizepräsident von Barack Obama. Er hat auch schon mehrmals versucht, Präsidentschaftskandidat der Demokraten zu werden. Als eines der Alphatiere der Demokraten ist Biden gut in der Partei vernetzt, es dürfte etliche Politiker, Funktionäre und Spender geben, bei denen er den einen oder anderen Gefallen einfordern kann. In einem eng gedrängten Feld, in dem viele Bewerber um Aufmerksamkeit, Unterstützung und vor allem Geld buhlen, ist das ein Plus.

Bidens Plan dürfte daher sein, die anderen Bewerber durch seine schiere Prominenz und politische Wucht zu verdrängen und sich dadurch die Kandidatur zu sichern. Das könnte klappen. Umfragen zufolge liegt er seit Monaten konstant an der Spitze des Kandidatenfelds.

Biden ist kein frisches Gesicht

Biden geht aber auch mit einem großen Nachteil ins Rennen: Jeder kennt ihn. Ein frisches Gesicht ist Biden bestimmt nicht - schon gar nicht im Vergleich zu seinen Mitbewerbern, unter denen es Frauen, Schwarze oder zumindest deutlich jüngere weiße Männer gibt. Zudem hat der eher konservative Biden in seinen vier Jahrzehnten als Politiker zuweilen Positionen vertreten, die heute in der nach links gerückten demokratischen Partei nicht mehr beliebt sind. Das kann ihm noch schaden.

Biden wirbt für sich mit dem Argument, er sei als älterer weißer Mann, aufgewachsen im Arbeitermilieu, der beste Kandidat, um die 2016 zu Trump abgewanderten älteren weißen Arbeiter im Rostgürtel und Mittelwesten wieder für die Demokraten zu gewinnen. Das ist kein unplausibles Argument. Zudem rechnet er wohl damit, dass viele Amerikaner sich nach vier Jahren Trump-Chaos nach einem verlässlichen, freundlichen und nicht allzu aufregenden Politiker sehnen - mithin nach ihm.

Allerdings ist offen, ob auch die Parteianhänger und -aktivisten, welche die Vorwahlen dominierten, die Rückgewinnung der Trump-Wähler für ein erstrebenswertes Ziel halten. Es gibt Wahlstrategen bei den Demokraten, die sagen, die Partei solle diese Wähler als verloren abschreiben und sich darauf konzentrieren, im November 2020 mehr Schwarze, Latinos, Frauen und liberale, gebildete Weiße an die Wahlurnen zu bekommen. Zudem sehnen sich viele Parteianhänger nach Kampf und einer klaren linksliberalen Linie, nicht nach Versöhnung und einer vagen Politik der Mitte. Unter diesen Vorzeichen wäre Biden eher der falsche Kandidat gegen Trump.

Eine Garantie, dass Biden das Feld aufrollen und die Kandidatur quasi als legitimer Erbe Obamas zugesprochen bekommen wird, gibt es daher nicht. Auch Hillary Clinton dachte 2008, sie sei jetzt dran - nur um erleben zu müssen, wie Obama ihr die Kandidatur wegschnappte. Bei den Republikanern stand 2016 der Kandidat zu Beginn der Vorwahlen auch schon fest: Jeb Bush. Dann kam Donald Trump. Es ist also denkbar, dass Biden am Donnerstag mit großem Pomp ins Rennen einsteigt, dann aber scheitert.

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