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Deutschlands guter Ruf in Polen ist dahin

WELT-Logo WELT 03.06.2020 Philipp Fritz
Quelle: Infografik WELT, Getty Images © Infografik WELT, Getty Images Quelle: Infografik WELT, Getty Images

Das Vorurteil ist beinahe so alt wie die deutsch-polnischen Beziehungen der Neuzeit: Polen sei rückständig und chaotisch, seine Menschen faul und unorganisiert.

Dieses negative Bild aus dem 18. Jahrhundert, kultiviert vor allem in Preußen, konnte sich ins Deutschland des 20. Jahrhunderts hinüberretten. Und ist bis heute noch nicht ganz ausgestorben – wie zum Beispiel Witze über Autodiebe zeigen.

Langsam aber sicher wird es verdrängt von einem anderen Bild: Nämlich dem, einer dynamischen Wirtschaft. Seit Polens Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 2004 ist sie ununterbrochen gewachsen, teils mehr als fünf Prozent pro Jahr. Die Beziehungen zu Deutschland sind währenddessen enger geworden; überdies hat Polen seinen Nachbarn etwa in Sachen Digitalisierung längst abgehängt.

Deutsche, die die Hauptstadt Warschau besuchen, sind oft beeindruckt von der sauberen, gläsernen Hochhausmetropole. Das Bild, das Deutsche von Polen haben, wird seit Jahren besser, die Sympathien für das Nachbarland nehmen zu.

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Umgekehrt sieht das inzwischen jedoch ganz anders aus: Positive Meinungen über Deutschland werden seltener. Mehr noch: Erstmals empfinden weniger Polen Sympathien für Deutschland als Deutsche für Polen, nämlich 42 gegenüber 55 Prozent der Befragten.

Das ist das Ergebnis der repräsentativen Studie „Deutsch-Polnisches Barometer 2020“, die WELT vorliegt. Und die Ergebnisse dürften viele Deutsche erschrecken. So verbindet zum Beispiel die größte Gruppe der befragten Polen, nämlich 30 Prozent, mit Deutschland oder „dem Deutschen“ die Begriffe „Besatzer“ oder „Angreifer“.

Dieses Ergebnis kommt nicht von ungefähr: Denn die Zahl derer, für die der Zweite Weltkrieg von großer historischer Bedeutung ist, nimmt in Polen seit Jahren zu.

Zwar war das Deutschlandbild in Polen auch früher schon stark von der Erinnerung an die Verbrechen geprägt, die Deutsche während der Zeit des Nationalsozialismus in Polen begangen haben.

Daneben jedoch dominierten gerade in der Zeit nach der Wende auch positive Deutschlandbilder: eine innovative Wirtschaft, Sauberkeit und ein Gesellschaftsmodell, dem es sich nachzueifern lohnt. Doch das scheint sich geändert zu haben.

Die Haltung vieler Polen gegenüber Deutschland ist, wie es in der Studie heißt, inzwischen „ambivalent“. Im deutsch-polnischen Verhältnis haben sich die Vorzeichen verändert.

Flüchtlingskrise steht für Chaos in Deutschland

Für Polen spielt seit einigen Jahren das Thema Reparationszahlungen eine größere Rolle; die deutsch-russische Gaspipeline Nord Stream 2 als Bedrohung beeinflusst das Deutschlandbild, genauso wie seit 2015 die Flüchtlingskrise, die viele Polen mit Chaos und Unsicherheit in Deutschland verbinden.

„Es ist kein Zufall, dass diese Entwicklung mit der Regierungszeit von Recht und Gerechtigkeit (PiS) zusammenfällt“, erklärt Agnieszka Lada im Interview mit WELT.

Die stellvertretende Direktorin des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt war an der diesjährigen Studie maßgeblich beteiligt. Das Deutsch-Polnische Barometer trägt bereits seit zwanzig Jahren Daten zur Wahrnehmung von Polen in Deutschland und Deutschland in Polen zusammen.

Agnieszka Lada, Vize-Direktorin des Deutschen Polen-Instituts Quelle: Grzegorz Litynski © Grzegorz Litynski Agnieszka Lada, Vize-Direktorin des Deutschen Polen-Instituts Quelle: Grzegorz Litynski

Beteiligt an dem Projekt sind das Institut für Öffentliche Angelegenheiten in Warschau, die Konrad-Adenauer-Stiftung, die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit und seit diesem Jahr auch das Deutsche Polen-Institut.

„Die Nationalkonservativen legen eine bestimmte Rhetorik gegenüber Deutschland an den Tag“, so Vizedirektorin Lada. Bereits 2015 nutzten die PiS und ihr nahestehende Medien Bilder von Flüchtlingen, die die Grenze nach Deutschland überqueren für ihre Zwecke, behaupteten, Terror und Krankheiten würden eingeschleppt.

Der mächtige Parteichef Jaroslaw Kaczynski sagte damals, „diese Menschen“ würden „Cholera“ und „Parasiten“ nach Europa tragen. Es war auch die Angst vieler Polen vor Überfremdung die seiner Partei den Sieg bei den Parlamentswahlen 2015 einbrachte, 2019 wurde sie wiedergewählt.

Das TV-Programm prägt die negative Meinung

Seit mehr als vier Jahren dominieren Flüchtlingskrise und die Forderung nach Weltkriegsreparationen Berichte über Deutschland im staatlichen Fernsehen. Die Darstellung ist klar negativ. Und sie wirkt, weil sich die meisten Polen über diesen Kanal ein Bild von Deutschland machen, 31 Prozent über Filme oder Serien, 30 Prozent über TV-Sendungen.

PiS-Wähler oder Polen, die regelmäßig die Programme des staatlichen Fernsehens TVP schauen, haben ein deutlich negativeres Deutschlandbild, auch zeigen sie weniger Sympathien den Deutschen gegenüber“, sagt Lada.

Anhänger der oppositionellen Bürgerplattform (PO) sehen die Bundesrepublik deutlich positiver. In Deutschland hingegen lassen die Daten keinen Schluss darüber zu, dass der Konsum eines bestimmten Mediums das Polenbild der Deutschen besonders positiv oder negativ prägen würde.

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Hingegen spielt es durchaus eine Rolle, ob ein befragter Deutscher schon mal in Polen war oder ob er in Ost- oder Westdeutschland lebt. Bundesbürger, die noch nie in Polen waren und diejenigen, die in den „alten“ Bundesländern leben, haben tendenziell ein schlechteres Bild von ihrem Nachbarland.

Eine Ansicht findet in beiden Ländern eine Mehrheit, nämlich die, dass die deutsch-polnischen Beziehungen grundsätzlich in einem guten Zustand sind: 55 Prozent der Befragten in Deutschland und sogar 72 in Polen sind dieser Meinung.

Ein überraschendes Ergebnis angesichts der Tatsache, dass die Sympathien auf polnischer Seite für Deutschland tendenziell nachlassen. Viele Polen scheinen offenbar durchaus zwischen mangelnden Sympathien für das Land und seine Bürger sowie den bilateralen Beziehungen auf politischer Ebene zu unterscheiden.

Auch seien, erklärt Agnieszka Lada, persönliche Kontakte von Deutschen und Polen nicht so stark von der Entwicklung betroffen. Jeweils mehr als 80 Prozent der befragten Polen würden einen Deutschen als Mitarbeiter, Nachbarn oder Freund „akzeptieren“, wie es in der Studie heißt.

Ist das deutsch-polnische Verhältnis also gut? Es ist zumindest nicht schlecht; das Bild von Deutschland aber ist relativ betrachtet schlechter geworden. Dabei bewegen Deutsche und Polen sich auf gewisse Weise aufeinander zu.

Während nach dem EU-Beitritt 2004 die Angst groß war, Polen könnten Arbeitsplätze in Deutschland besetzen, herrscht heute Respekt vor polnischen Facharbeitern vor, wohingegen die Strahlkraft Deutschlands in Polen abgenommen hat.

Nur noch 14 Prozent der Polen verbinden mit Deutschland Wirtschaft und Wohlstand. Deutsche werten Polen seltener im Sinne des alten Vorurteils von der „polnischen Wirtschaft“ ab, Polen verklären Deutschland nicht mehr so sehr wie noch vor einigen Jahren.

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Wenn Polen und Deutsche jetzt öfter miteinander ins Gespräch kämen, wäre beiden Seiten geholfen – vor allem, was die schmerzhafte deutsch-polnische Geschichte angeht. „Es ist ein Phänomen, dass mehr und mehr Polen der Geschichte eine große Bedeutung beimessen, die Deutschen hingegen sind stärker gegenwarts- und zukunftsorientiert. Das führt zu Problemen in der Kommunikation“, sagt Lada.

Am eindrucksvollsten illustriert das der Begriff „Krieg“, den 30 Prozent der befragten Polen mit Deutschland verbinden. Die Deutschen hingegen sehen Polen heute in erster Linie als Urlaubsland.

Über die Geschichte sollte trotzdem gesprochen werden, so sieht es zumindest Agnieszka Lada. „Polen sind an dieser Stelle empfindlich“, sagt sie. In diesem Punkt könnten die Deutschen ihr Image im Nachbarland wieder etwas aufpolieren. Zu spät ist es dafür gewiss nicht.

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