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Die Befragung des „Ohrenzeugen“ wird zum Justizthriller

WELT-Logo WELT 19.11.2019 Daniel Friedrich Sturm
Die Zeugen hatten das umstrittene Telefonat von Trump mit dem ukrainischen Präsidenten Selenski mitgehört. Trump hatte Selenski darin zu Ermittlungen gegen den Sohn seines Rivalen, des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers Joe Biden, ermuntert. Quelle: Reuters © Reuters Die Zeugen hatten das umstrittene Telefonat von Trump mit dem ukrainischen Präsidenten Selenski mitgehört. Trump hatte Selenski darin zu Ermittlungen gegen den Sohn seines Rivalen, des demokratischen Präsidentschaftsbewerbers Joe Biden, ermuntert. Quelle: Reuters

Es ist mucksmäuschenstill, als Alexander Vindman zum Ende seines vorbereiteten Statements kommt. Dienstagvormittag, Washington, Raum 1100 des Longworth Gebäudes des US-Kongresses. Vor Vindman sitzt der 22-köpfige Geheimdienstausschuss des Repräsentantenhauses, neben ihm sein Anwalt.

Hinter Vindman verfolgen Abgeordnete und Mitarbeiter des Kongresses die Aussage, außerdem zahlreiche Reporter, die Sitzung wird live auf diversen Kanälen übertragen. Auch im Weißen Haus dürften ein paar Zuschauer die Aussage verfolgen.

Vindman nämlich, muss man wissen, arbeitet im West Wing des Weißen Hauses, genauer gesagt: im Nationalen Sicherheitsrat. Knapp zehn Minuten lang hat er sein Statement verlesen. Jetzt, um 9.45 Uhr, wendet sich der 44-jährige Oberstleutnant mit emotionalen Worten an seinen Vater, redet ihn in der zweiten Person direkt an.

Dass er hier heute vor den Abgeordneten sitze, sagt Vindman, beweise, „dass Du vor 40 Jahren die richtige Entscheidung getroffen hast, die Sowjetunion zu verlassen, um hierher in die Vereinigten Staaten von Amerika zu kommen, um ein besseres Leben für unsere Familie zu suchen“.  

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Beide Parteien versuchen, politisches Kapital zu schlagen

Der Geheimdienstausschuss ist wieder einmal in öffentlicher Sitzung zusammengekommen, er ermittelt für ein mögliches Amtsenthebungsverfahren gegen den amerikanischen Präsidenten.

Vindman ist ein Zeuge, Jennifer Williams, außenpolitische Beraterin von Vizepräsident Mike Pence, eine weitere. Beide hatten das umstrittene Telefonat zwischen Donald Trump und dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski am 25. Juli im Lagezentrum des Weißen Hauses mitgehört. Sie sind sozusagen Ohrenzeugen.

Genau um dieses Telefongespräch dreht sich die gut vierstündige Anhörung – auch wenn viele andere Dinge zur Sprache kommen, Ablenkungsmanöver und Versuche beider Parteien, politisches Kapital aus dem Vormittag zu schlagen.

Und immer wieder geht es um den bewegenden Lebensweg Alexander Vindmans, der als Dreijähriger mit seinem Vater und seinem Zwillingsbruder aus der damaligen ukrainischen Sowjetrepublik in die USA kam, um in New York den amerikanischen Traum zu leben. Er studierte in Harvard, wurde Soldat, weswegen er heute seine Uniform trägt, begann für die Regierung zu arbeiten.

Für die einen ein Held, für die anderen ein Ziel von Aggression

Schon während seiner Eröffnung wendet sich der Ausschussvorsitzende, der Demokrat Adam Schiff an Vindman, würdigt dessen „Loyalität“ und seine Leistungen als Soldat: im Irak-Krieg war er 2003 verwundet worden.

Vindman hat schon in nicht-öffentlicher Sitzung die Bitte Trumps an Selenski, die Ukraine möge gegen die Familie seines möglichen Herausforderers Joe Biden zu ermitteln, als „nicht angemessen“ bezeichnet. Seitdem ist er bei den Demokraten ein Held, die Republikaner behandeln ihn distanziert bis aggressiv.

Alexander Vindman (l.) mit seinem Zwillingsbruder Jewgeni (r.) Quelle: AP/Julio Cortez © AP/Julio Cortez Alexander Vindman (l.) mit seinem Zwillingsbruder Jewgeni (r.) Quelle: AP/Julio Cortez

Devin Nunes, der führende Republikaner im Geheimdienstausschuss, aber widmet sich in seinem Statement gar nicht Vindman, sondern ganz anderen Dingen: den „Mainstream-Medien“, die Marionetten der Demokraten seien, dem anonymen Whistleblower, der Trumps Telefonat mit Selenski erst publik gemacht hat, der „Kampagne gegen Trump“. Mancher versucht an diesem Dienstagvormittag, seine eigene Realität zu schaffen. Man wird das in den kommenden Stunden noch öfter spüren.

National Security Council aide Lt. Col. Alexander Vindman, takes a break as he testifies beforebefore the House Intelligence Committee on Capitol Hill as part of the impeachment inquiry into U.S. President Donald Trump, in Washington, U.S., November 19, 2019. Jacquelyn Martin/Pool via REUTERS © Pool via Reuters National Security Council aide Lt. Col. Alexander Vindman, takes a break as he testifies beforebefore the House Intelligence Committee on Capitol Hill as part of the impeachment inquiry into U.S. President Donald Trump, in Washington, U.S., November 19, 2019. Jacquelyn Martin/Pool via REUTERS

Ein „ungewöhnliches“ Telefonat

Zunächst werden beide Zeugen eingeschworen, dann haben sie das Wort. Es folgt jeweils eine 45-minütige Fragerunde für Demokraten und Republikaner, dann fünfminütige Fragerunden. Jennifer Williams, 42, schildert ihre Karriere. Nach diversen Auslandsstationen ist die Diplomatin seit dem Frühling als Pences Beraterin für Europa- und Russlandfragen tätig.

Sie erlebte das Hin und Her, ob der US-Vizepräsident an der Amtseinführung Selenskis im Mai teilnähme, was Trump kurzfristig verhinderte. Und sie empfand dessen Telefonat mit Selenski als „ungewöhnlich“, im Gegensatz stehend zu anderen Telefonaten anderer Präsidenten.

Auch Vindman schilderte seinen Lebensweg, der ihn im Juli 2018 in den Nationalen Sicherheitsrat führte. Als „unangemessen“ habe er das Telefonat wahrgenommen, mit Auswirkungen auf die nationale Sicherheit Amerikas. Er habe sauber arbeiten, seine Pflicht erfüllen wollen, „ich hätte nie gedacht, einmal hier zu sitzen und auszusagen“.

Staatsbesuch nur im Gegenzug für Ermittlungen gegen Biden

Amerikas EU-Botschafter Gordon Sondland habe bei einem Treffen im Juli im Büro des damaligen Sicherheitsberaters John Bolton erkennen lassen, ein Empfang Selenskis im Weißen Haus werde es nur geben, sofern die Ukraine gegen die Bidens ermittle, sagte Vindman.

Bolton habe darauf den Termin beendet. Ob denn Trumps Bitte an Selenski, ihm einen „Gefallen“ zu tun, als Aufforderung zu verstehen sei, fragt Schiff. Er komme aus der militärischen Kultur, antwortet Vindman, da sei solch ein „Gefallen“ als Befehl, nicht als Bitte zu verstehen.

Also: Ukrainische Ermittlungen gegen Biden für einen Empfang Selenskis im Weißen Haus. Bisher hat es übrigens weder das eine noch das andere gegeben, während Trump für Staatschefs weit weniger bedeutendere Länder immer wieder allerhand Zeit aufwendet.

Vindman ist die wichtigere Figur

Die meisten Fragen an diesem Vormittag richten sich an Vindman, nur ab und an wenden sich die Abgeordneten Williams zu. Vindman ist die wichtigere Figur, er äußert sich prägnanter, ist kenntlicher als seine Nachbarin auf der Anhörungsbank.

Die Demokraten sehen in Vindman einen verlässlichen Zeugen, eine Quelle für gut verwertbare Video-Ausschnitte. Im Gegenzug versuchen die Republikaner, ihm unglückliche oder angreifbare Formulierungen zu entlocken. So funktioniert die gegenwärtig zutiefst parteiische politische Kultur in den USA. 

So passt es, dass sich Republikaner Nunes erst gar nicht auf Vindman fokussiert, sondern auf Hunter Biden, den Sohn des früheren Vizepräsidenten Joe Biden, der einst im Aufsichtsrat des ukrainischen Energiekonzerns Burisma gesessen hatte.

Die erste Frage, die Nunes an beide Zeugen richtet: „Haben Sie jemals über Ihre Erkenntnisse mit der Presse geredet? Mit der New York Times, der Washington Post, CNN, Politico?“ Nein, antworten beide.

Dann schnappt Nunes‘ Falle zu

Doch schon wenig später gelingt Nunes ein politischer Fang. Ob er über das Telefonat vom 25. Juli auch mit Personen „außerhalb des Weißen Hauses“ geredet habe, will er von Vindman wissen. „Ja, das habe ich“, sagt der, verweist auf den US-Spitzendiplomaten George Kent – und einen Angehörigen der Geheimdienste, dessen Namen er aber nicht nenne.

Aus welchem der 17 Geheimdienste diese Person stamme, hakt Nunes nach. Just in diesem Moment grätscht der Ausschussvorsitzende Schiff in die Befragung hinein, untersagt weitere Fragen in diese Richtung. „Wir müssen den Whistleblower schützen“, sagt Schiff, der dessen Identität kennt. Es kommt zu einem giftigen Dialog.

„Herr Vindman, Sie haben in Ihrer eidesstattlichen Aussage bezeugt, dass Sie den Whistleblower nicht kennen.“ Vindman hält dem Obmann entgegen, „Oberstleutnant Vindman, bitte“. Später fragt ein republikanischer Abgeordneter: „Bestehen Sie immer darauf, von Zivilisten mit Ihrem militärischen Rang angeredet zu werden?“

Er wisse nicht, wer der Whistleblower sei, sagt Vindman. Für die Verschwörungstheoretiker aber ist der Whistleblower-Moment ein gefundenes Fressen. Sollte Vindman diesen nicht doch kennen? Sollte Vindman ihm sogar von dem Telefonat berichtet haben?

Verschwörungstheorien natürlich auch gegen Vindman

Manch stramm rechter Trump-Anhänger stellt ohnehin die Seriosität Vindmans infrage, verdächtigt ihn, ein ukrainischer Spion zu sein, eine doppelte Loyalität zu haben. Er nimmt das erstaunlich sportlich, antwortet etwa auf eine Frage, welche Sprachen er spreche: „Russisch, Ukrainisch und ein bisschen Englisch.“ Das ist natürlich ironisch gemeint, Vindman beherrscht ein perfektes Englisch.

Der Republikaner Devin Nunes befragte Vindman und Williams Quelle: AP/SHAWN THEW © AP/SHAWN THEW Der Republikaner Devin Nunes befragte Vindman und Williams Quelle: AP/SHAWN THEW

Steve Castor, der Anwalt der Republikaner, aber unternimmt einen neuen Versuch. Ob es stimme, dass ein früherer Berater Selenskis Vindman einst dreimal das Amt des ukrainischen Verteidigungsministers angeboten habe? Er habe das sogleich zurückgewiesen, seinem Vorgesetzten mitgeteilt, und es sei wohl mehr ein Scherz gewesen. „Ich bin ein Amerikaner“, sagt Vindman, „ich kam als Kleinkind hierher.“

Präsident Trump, versucht Republikaner-Anwalt Castor, in seinen Fragen darzulegen, gehe es eben um Korruption in der Ukraine – also nicht spezifisch um die Bidens. Um die monatelang zurückgehaltene US-Militärhilfe an Kiew zu erklären verweist er auf Trumps Forderung nach einer gerechten Lastenverteilung unter den westlichen Alliierten.

Trumps Transkript ist nur eine Zusammenfassung

Die Fünf-Minuten-Fragerunden prägen Wortgefechte und parteiische Monologe. Jim Jordan, Trumps Liebling im Geheimdienstausschuss, behauptet, dieser habe das Transkript des strittigen Telefonates vom 25. Juli veröffentlicht. Es ist aber nur eine Zusammenfassung, die etwa den Namen des Energiekonzerns Burisma nicht enthält, obwohl er in dem Gespräch Vindman zufolge fiel. 

Die meisten Fragesteller fragen so, dass sie eine medial verwertbare Antwort bekommen. Die Demokraten beziehen sich auf einen Tweet Trumps, in dem dieser Vindman angriff. Ein „Never Trumper“, also ein heftiger Kritiker sei Vindman, hatte der Präsident behauptet. „Ich bezeichne mich selbst als niemals parteiisch“, antwortet Vindman knapp.

Der Republikaner John Ratcliffe kritisiert die – hier gar nicht anwesende – Sprecherin des Repräsentantenhauses, Nancy Pelosi. Diese habe Trump lange ein „quid pro quo“ im Umgang mit der Ukraine vorgeworfen, spreche nun stattdessen von Bestechung. Kein Zeuge aber habe das Trump vorgeworfen. Schiff hält dem entgegen: „Das ist unsere Entscheidung“, sprich: Dieses Urteil treffen nicht die Zeugen.

Ein paar Punktsiege gehen an die Republikaner

Doch die Republikaner verstehen es sehr wohl, einige Punkte zu machen. Ihr Abgeordneter Chris Stewart widerspricht Vindmans Auffassung, Trumps an Selenski gerichtete Bitte um einen „Gefallen“, sei als Befehl zu verstehen. Vindman spreche vor seinem militärischen Hintergrund.

„Ist Präsident Trump ein Militärangehöriger?“ „Nein“, sagt Vindman. „Donald Trump hat niemals im Militär gedient“, sagt Stewart. Schon erstaunlich, womit sich Republikaner im Herbst 2019 so brüsten.

Wie unabhängig aber Vindman und Williams agieren, offenbaren ihre Antworten auf die Frage des Republikaners Devin Nunes. Ob Hunter Bidens Tätigkeit im Burisma-Aufsichtsrat nicht einen Interessenkonflikt offenbart habe, will dieser wissen. „Ja“, sagt Williams. Vindman antwortet: „Es hat gewiss dieses Potenzial, ja.“

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Am Ende dieses langen Vormittags, kurz bevor Adam Schiff mit einem Hammerschlag die Sitzung schließt, kommt Alexander Vindman noch einmal auf seine eigene Biografie zurück. Warum er keine Angst habe auszusagen, wird er gefragt. „Weil wir hier in Amerika sind“, antwortet Vindman, „dem Land, dem ich gedient und das ich verteidigt habe. Und hier bedeutet Recht etwas.“

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