Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Die Frustration über das Zögern der Nato – und Deutschlands

WELT-Logo WELT 30.11.2022 Christoph B. Schiltz
„Der ukrainische Außenminister hat sehr deutlich gesagt, er möchte Patriots“, sagt WELT-Korrespondent Christoph B. Schiltz. Sie seien deutlich potenter als die aktuell gelieferten IRIS-T-Systeme. Die Dringlichkeit würde von Außenministerin Baerbock nicht gesehen. Quelle: WELT/ Carsten Hädler, Christina Lewinsky © WELT/ Carsten Hädler, Christina Lewinsky „Der ukrainische Außenminister hat sehr deutlich gesagt, er möchte Patriots“, sagt WELT-Korrespondent Christoph B. Schiltz. Sie seien deutlich potenter als die aktuell gelieferten IRIS-T-Systeme. Die Dringlichkeit würde von Außenministerin Baerbock nicht gesehen. Quelle: WELT/ Carsten Hädler, Christina Lewinsky

Während die Nato-Außenminister in Bukarest über den Ukraine-Krieg berieten, gingen die Kämpfe südlich der Stadt Bachmut im Donbass am Mittwoch mit bisher kaum gekannter Intensität weiter. Es geht um viel: Sollte es den russischen Truppen gelingen, die ukrainische Verteidigungslinie – wie schon zuvor an zwei anderen strategisch wichtigen Punkten – bei Bachmut zu durchbrechen, steigt die Gefahr, dass Russland in das weitgehend ungeschützte Hinterland der Ukraine vorrückt.

Gleichzeitig hält der Raketenbeschuss auf ukrainische Energie-Infrastruktur an: Millionen Ukrainer sitzen mittlerweile im Dunkeln und in der Kälte. Dabei fängt der Winter in dem Land gerade erst an. In Kiew liegen die Tagestemperaturen derzeit etwa bei minus zwei Grad Celsius, nachts sind es minus sechs Grad. „Das ist ein schrecklicher Beginn des Winters für die Ukraine“, sagte Nato-Chef Jens Stoltenberg in Bukarest.

Für die Ukraine hat jetzt ein Wettlauf gegen die Zeit begonnen. Die entscheidende Frage ist dabei: Wird es den ukrainischen Streitkräften nach wichtigen militärischen Erfolgen zuletzt im Süden bei Cherson gelingen, Moskau von einer weiteren flächendeckenden Zerstörung der Infrastruktur abzuhalten, damit die Versorgung der Zivilisten irgendwann nicht endgültig zusammenbricht.

Die Not der Menschen drängt zum Handeln. Die Nato-Außenminister beschlossen darum, die praktischen Hilfen für das Land deutlich zu verstärken: Es sollen Treibstoff, hunderte Generatoren und Transformatoren, aber auch Decken, Krankenwagen und Material zur Reparatur von zerstörter Energie-Infrastruktur geliefert werden.

Das ist wichtig. Aber es ist nicht das, was die Außenminister in ihrem offiziellen gemeinsamen Statement bei diesem Treffen vollmundig versprochen hatten. Man werde der Ukraine helfen, heißt es darin, „ihre Widerstandsfähigkeit zu stärken, ihre Bevölkerung zu schützen und den Desinformationskampagnen und Lügen entgegenzutreten“.

Patriots und Transformatoren

Ukraines Außenminister Dmytro Kuleba hatte beim Abendessen mit seinen Nato-Kollegen am Dienstagabend klar formuliert, was sein Land dringend benötigt, um die Menschen zu schützen: „Kurz gesagt: Patriots und Transformatoren sind das, was die Ukraine am meisten braucht.“ Und fügte hinzu: „Wir begrüßen, was bisher getan wurde, aber der Krieg geht weiter.“ Es ist nicht leicht, tausende Transformatoren und Generatoren auf die Schnelle aufzutreiben, aber die Nato-Staaten wollen es zumindest versuchen.

Beim hochmodernen Luftabwehrsystem Patriot vom Typ PAC 3 stößt die Ukraine dagegen bei der Allianz bisher auf Granit. Dabei braucht die Ukraine jetzt dringend eine schlagkräftige Flugabwehr, damit sie die russischen Drohnen, Kampfflugzeuge, Marschflugkörper und ballistischen Raketen von der Zerstörung ihrer Strom-Gas- und Wasserwerke abhalten kann.

Die Patriot-Luftabwehrsysteme sind wirkungsvoller als die bisher in kleiner Stückzahl gelieferten Flugabwehrraketen Iris-T aus Deutschland und den Nasams aus den Vereinigten Staaten. Ihre Zerstörungskraft ist größer, sie fliegen bis zu 160 Kilometer weit und sie können auch ballistische Raketen ausschalten. Allerdings kostet ein solcher Lenkflugkörper bis zu fünf Millionen Euro und es sind 70 bis 90 gut ausgebildete Soldaten nötig, um das System bedienen zu können. Die Ausbildung dürfte Wochen dauern.

Baerbock tritt auf die Bremse

Aber ausgerechnet Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne), die sicherlich zu den stärksten Unterstützern der Ukraine in der Bundesregierung gehört, trat auf die Bremse. Sie verwies auf die Lieferung der Iris und auf den Schutz des Bündnisgebietes, wobei Patriots in der Luftverteidigung eine wichtige Rolle spielen. Rein formal stimmen beide Argumente.

Aber die Ukraine überzeugen sie nicht: Denn bisher wurde nur Exemplar der Iris T geliefert, was viel zu wenig ist und zudem wäre Russland derzeit gar nicht in der Lage, ein Nato-Land ernsthaft anzugreifen. „Die Patriots sollten jetzt dort eingesetzt werden, wo sie am dringendsten gebraucht werden – in der Ukraine“, sagte ein hoher Militär WELT.

| Anzeige
| Anzeige

Die Welt

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon