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Die Konsequenzen eines „Hard Brexit“ werden furchterregend sein

WELT-Logo WELT 15.07.2019 Nicolas Baverez
Boris Johnsen will die EU zum 31. Oktober auf jeden Fall verlassen, notfalls auch ohne Vereinbarung mit Brüssel. Ein privater Vorfall mit seiner Freundin hat den Anwärter auf die May-Nachfolge jedoch einige Sympathiepunkte gekostet. Quelle: WELT © WELT Boris Johnsen will die EU zum 31. Oktober auf jeden Fall verlassen, notfalls auch ohne Vereinbarung mit Brüssel. Ein privater Vorfall mit seiner Freundin hat den Anwärter auf die May-Nachfolge jedoch einige Sympathiepunkte gekostet. Quelle: WELT

Anmerkung der Redaktion: Bei den in diesem Artikel dargestellten Meinungen handelt es sich um die Ansichten des Autors, wie sie von unserem Partner publiziert wurden. Sie widerspiegeln nicht die Meinung von Microsoft News oder Microsoft.

Während sich seit den Wahlen im Mai die gesamte Aufmerksamkeit auf die schwierige Bildung einer neuen Führungsriege der Europäischen Union konzentriert, ist und bleibt der Brexit eine Zeitbombe, die nicht nur Großbritannien, sondern auch Europa bedroht.

Der Rücktritt Theresa Mays als Premierministerin am 7. Juni hat die politische Krise in keinster Weise beendet – im Gegenteil: Er hat sie noch vergrößert. Die Wahl ihres Nachfolgers an der Spitze der Regierung wird von 160.000 Aktivisten der Konservativen Partei getroffen – also 0,3 Prozent der Wähler –, und das kurz nachdem die Tories bei den Europawahlen eine historische Niederlage mit nur neun Prozent der Wählerstimmen hinnehmen mussten. 

Die Hypothese eines Brexit ohne Abkommen am 31. Oktober wird also immer wahrscheinlicher. Es scheint kaum möglich, dass der künftige Premierminister in wenigen Wochen das erreichen wird, was Theresa May in drei Jahren nicht geschafft hat: ein Einverständnis mit der EU zu erzielen und dieses dann durchs Parlament zu bringen. 

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Dabei werden die Konsequenzen eines „Hard Brexit“ nach wie vor unterschätzt oder gar verschleiert. Und sie werden noch um einiges furchterregender sein, weil die britische Regierung sich genauso wenig darauf vorbereitet hat.

Der Brexit, der ja noch nicht einmal wirklich vollzogen ist, hat das Vereinigte Königreich und seine Bürger bereits eine Menge Geld gekostet. Der Wachstumsverlust seit 2016 liegt bei 2,5 Punkten des BIP. Das britische Pfund ist um 20 Prozent gefallen und hat so eine erneute Inflation nach sich gezogen.

Es besteht nicht der geringste Zweifel daran, dass ein Brexit ohne Abkommen in der Wirtschaft zu einer Rezession führen wird und damit auch zu einem Schock in der City, da es keinerlei Übergangsphase geben würde, in der man die finanziellen Verbindungen mit der EU regeln kann.

Noch ernster dürften die politischen Auswirkungen sein. Der Brexit wird sich weiterhin wie eine Massenvernichtungswaffe auf die britische Demokratie auswirken. Die Instabilität der Regierung wie die Lähmung des Parlaments werden sich weiter fortsetzen.

Der forcierte Rücktritt von Kim Darroch, dem Botschafter Großbritanniens in Washington, der zum Opfer von bewusst gesteuerten Informationslecks wurde, beweist, dass der Staat und der höhere Dienst vom Verfall der politischen Klassen und ihrer Sitten stark beeinflusst wird, die die übergeordneten Interessen des Landes schon längst nicht mehr respektieren.

Sogar die Einheit der Nation selbst scheint aufgrund der unvermeidlichen Wiederbelebung des Unabhängigkeitsanspruchs von Schottland sowie der möglichen Wiederaufnahme des bewaffneten Kampfes der IRA in Nordirland in Gefahr.

Es droht ein neuer Schock auf den Finanzmärkten

In wirtschaftlicher Hinsicht ist Großbritannien systemisch. Die Rezession könnte in dem Moment, in dem die Beschäftigung in Deutschland in eine Art Luftloch rutscht, auch den Kontinent erreichen. Der „Hard Brexit“ könnte außerdem einen erneuten Schock auf den Finanzmärkten auslösen.

Elf Jahre nach dem Konkurs der Lehman Brothers wird das Weltwirtschaftssystem einerseits von der Drosselung der Aktivitäten dominiert, auf der anderen Seite jedoch auch von einem raketenartigen Anstieg von Risiken: der unkontrollierten Geldmengenausweitung, den aufgeblähten Spekulationsblasen (mit Bilddaten eines Schwellenwertes von 3000 Punkten, der vom S&P 500 überschritten wurde), einer Asset-Volatilität, dem Anstieg der öffentlichen und privaten Schulden über 300.000 Milliarden Dollar, der Entwicklung eines unkontrollierten Schattenbankenwesens und immer mehr geopolitischen Krisen zwischen den Vereinigten Staaten und China, Russland oder dem Iran.

Der Brexit ist somit ein Gift, das nicht nur im Vereinigten Königreich zu spüren sein wird und dessen Lehren ausgiebig studiert werden müssen.

1. Populismus kann nicht als Gegenmittel wirken, er sorgt nur wiederum für Populismus. Der Brexit zerstört nicht nur die Wirtschaft Großbritanniens, sondern auch seine Demokratie, die Gefahr läuft, auf die Konfrontation zwischen drei Demagogen reduziert zu werden: Boris Johnson, Jeremy Corbyn und Nigel Farage.

2. Der gordische Knoten des Brexit wird letztendlich nur vom Votum der britischen Bürger zertrennt werden können, und zwar durch allgemeine, aber auch gefährliche Wahlen.

3. Der Brexit ist und bleibt eine perfekte historische Fehlinterpretation, denn das Vereinigte Königreich und seine 66 Millionen Einwohner haben nicht die geringste Chance, ihr Schicksal angesichts der Imperien, die das 21. Jahrhundert dominieren, selbst zu meistern.

4. Die mit einem „Hard Brexit“ untrennbar verbundenen Bedrohungen unterstreichen, wie dringend notwendig ein Ausbau der Europäischen Union und der Euro-Zone ist. Die Union muss in einer von Nationalismus und Protektionismus dominierten Welt umdenken, was Macht und Souveränität betrifft.

Letztlich liegt es an Christine Lagarde

Die Euro-Zone muss sich einem effizienten Stabilisierungsmechanismus widmen, vor allem aber die Banken- und Kapitalmarktunion vorantreiben. Letztendlich wird es an Christine Lagarde liegen, die jetzt, in diesem kritischen Moment mit seinen enormen wirtschaftlichen, finanziellen und politischen Risiken, wieder die Spitze der Europäischen Zentralbank übernimmt und sich auf eine besonders brutale Feuertaufe einstellen muss.

Aus dem Französischen von Bettina Schneider

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