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„Die Lage ist komplett außer Kontrolle“

WELT-Logo WELT 08.08.2022 Ibrahim Naber
Erneut haben sich Moskau und Kiew gegenseitig den Beschuss des AKWs in Saporischschja vorgeworfen. Unklar ist, ob die Russen selbst auf das Gelände feuern oder die Ukrainer den Schutzschild ihrer Angreifer treffen wollten. Quelle: WELT/Paula Hiendl, Jan Funk © WELT/Paula Hiendl, Jan Funk Erneut haben sich Moskau und Kiew gegenseitig den Beschuss des AKWs in Saporischschja vorgeworfen. Unklar ist, ob die Russen selbst auf das Gelände feuern oder die Ukrainer den Schutzschild ihrer Angreifer treffen wollten. Quelle: WELT/Paula Hiendl, Jan Funk

Vom Ufer in Nikopol ist Europas größtes Atomkraftwerk in Sichtweite. Nur ein paar Kilometer des Dnepr trennen die ukrainisch kontrollierte Stadt von den Reaktoren, die Strom für rund vier Millionen Haushalte erzeugen können. Schon zu Beginn des Kriegs hatten russische Truppen das Gelände eingenommen. Doch nie zuvor war die Lage in der umkämpften Region so angespannt wie in diesen Tagen.

Am Wochenende kam es zum Beschuss des AKW. Während sich Kiew und Moskau gegenseitig die Schuld zuweisen, warnt die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) mit Nachdruck vor einer möglichen Katastrophe. Es ist bislang keine unabhängige Expertenmission vor Ort zugelassen. WELT beantwortet die wichtigsten Fragen und erklärt, warum die Situation auch militärische Auswirkungen hat.

Welchen neuen Vorwurf erhebt die Ukraine?

Am Montag verbreitete sich über Twitter Tausendfach eine Warnung der ukrainischen Regierung. Demnach hätten russischen Truppen in Teilen des Kernkraftwerks in Saporischschja Sprengstofffallen platziert. Der russische Kommandant soll vor Soldaten angekündigt haben, das AKW unter bestimmten Voraussetzungen in die Luft zu jagen. Entweder bleibe das Gelände unter russischer Kontrolle oder man hinterlasse „verbrannte Erde“, so wird der Befehlshaber zitiert. Die Angaben ließen sich bislang nicht unabhängig prüfen.

Laut russischen Angaben soll das AKW weiterhin in Betrieb sein. Vertreter des Militärs und der russischen Atomaufsicht seien vor Ort, zitiert die Nachrichtenagentur Interfax einen vom Kreml eingesetzten Verantwortlichen in der Region. „Wir haben von ihnen die Information, dass alles im normalen Modus funktioniert.“ Auch diese Angaben lassen sich nicht überprüfen.

Was ist über bisherige Angriffe auf das AKW bekannt?

Fest steht, dass es am Wochenende erneut zum Beschuss des Atomkraftwerks gekommen ist. Laut der ukrainischen Atombehörde Energoatom gab es einen Einschlag in der Nähe des Lagers für abgebrannte Brennelemente. Es hieß zudem, dass ein Block des AKW nach dem Beschuss einer Hochspannungsleitung zwischenzeitlich abgeschaltet werden musste. In mehreren Gebieten der Region sei es zudem zum Stromausfall gekommen. Die genauen Darstellungen beider Seiten gehen aber auseinander.


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Der ukrainische Betreiber wirft Russland vor, auf die Behälter gezielt zu haben – und damit auch die eigenen Truppen gefährdet zu haben. Im Gegensatz dazu weist Russland jede Verantwortung für den Beschuss von sich. „Der Beschuss der Atomanlage durch die ukrainischen Streitkräfte ist potenziell äußerst gefährlich“, sagte ein Kreml-Sprecher am Montag. Er warnte vor möglichen „katastrophalen Folgen für ein großes Gebiet, einschließlich europäischen Territoriums.“

Schon zuvor war es zum Beschuss des AKW gekommen. Mitte Juli erklärte die Ukraine, militärisches Gerät und russische Soldaten auf dem Gelände mit einer sogenannten Kamikaze-Drohne erfolgreich attackiert zu haben.

Wie gut sind die Reaktoren geschützt?

Das Kernkraftwerk wurde zu Sowjetzeiten gebaut und stand bis zur russischen Invasion unter Kontrolle des ukrainischen Betreibers. Laut verschiedenen Berichten sollen sich bis heute ukrainische Techniker auf dem Gelände befinden. Wolfgang Raskob, Experte für nukleare Sicherheitsforschung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), sagte im Gespräch mit WELT, dass das AKW Saporischschja einen sogenannten „Containment“-Schutz habe. „Das heißt: wenn eine verirrte Granate dort einschlägt, sollte kein größerer Schaden entstehen. Wenn aber eine große Rakete einschlägt, ist das was ganz anderes.“ Dann würde es zu Problemen im Reaktor kommen.

Raskob weist darauf hin, dass wie in Fukushima auch der mögliche Wegfall der Stromzufuhr ein großes Risiko sei. „Wenn die Stromversorgung extern einfach gekappt wird, weil etwa eine Granate den Masten trifft, dann bleibt nur noch der Notstromdiesel, um den Reaktor zu kühlen.“ Gewöhnlich sei Diesel für zwei Tage vorrätig. Aufgrund der russischen Besatzung aber habe man derzeit keine Informationen über die Lage vor Ort.

Welche Auswirkungen hätte eine Katastrophe?

UN-Generalsekretär António Guterres sagte am Wochenende, dass jeder Angriff auf das AKW „einer Selbstmordaktion“ gleiche. IAEA-Chef Rafael Grossi erklärte, die Lage sei „komplett außer Kontrolle. Er sprach von einer aktuell „sehr realen Gefahr einer nuklearen Katastrophe, die die öffentliche Gesundheit und die Umwelt in der Ukraine und darüber hinaus bedrohen könnte.“ Der ukrainische Energoatom-Leiter Petro Kotin warnte, die Lage könnte zu einer Katastrophe wie in „Fukushima oder Tschernobyl“ führen.

Konkret wäre durch eine potenzielle Freisetzung vor allem die lokale Bevölkerung bedroht. „Es gäbe eine Zone von 50 bis 100 Kilometern, in denen der Aufenthalt lange nicht mehr möglich wäre. Mehrere 100 Kilometer entfernt würde die Umwelt immer noch signifikant kontaminiert werden“, sagt KIT-Forscher Raskob, der mit speziellen Systemen täglich berechnet, in welche Richtung der Wind bei einer Freisetzung weht. „Nach unseren Berechnungen weht der Wind in weniger als 10 Prozent der Fälle in Richtung Westen, also Richtung Deutschland“, sagt Raskob. An vielen Tagen richte sich der Wind „voll nach Osten Richtung Russland.“ Es wären bei einer Katastrophe also auch russische Gebiete bedroht.

Warum steckt die Ukraine militärisch im Dilemma?

Saporischschja befindet sich im Südosten des Landes und ist eines der Gebiete, in denen die Ukraine Vorbereitungen für eine größere Gegenoffensive trifft. Seit Wochen schon haben sie russische Munitionsdepots und Nachschublinien im Süden mit amerikanischen HIMARS-Mehrfachraketenwerfern zerstört.

Seit ein paar Wochen haben die russischen Truppen Stellungen rund um das AKW errichtet, von denen sie feuern. Zudem gibt es Satellitenbilder, die zeigen, wie die Russen schweres militärisches Gerät auf dem Gelände anhäufen. Die Ukrainer haben das Problem, dass sie darauf kaum reagieren können. Denn jeder Beschuss kann zur Katastrophe führen. US-Außenminister Antony Blinken hat den Russen darum vorgeworfen, das AKW als „nuklearen Schutzschild“ zu instrumentalisieren.

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