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Die Terrorerben der IRA

WELT-Logo WELT 21.04.2019 Julia Smirnova
In Londonderry, im äußersten Nordwesten Nordirlands, ist bei gewaltsamen Ausschreitungen eine 29-Jährige ums Leben gekommen. Der Tod wird als „terroristischer Vorfall“ behandelt. Quelle: WELT / Eybe Ahlers © WELT / Kevin Knauer In Londonderry, im äußersten Nordwesten Nordirlands, ist bei gewaltsamen Ausschreitungen eine 29-Jährige ums Leben gekommen. Der Tod wird als „terroristischer Vorfall“ behandelt. Quelle: WELT / Eybe Ahlers

Der Mord an Lyra McKee hat die nordirische Stadt Derry in einen Schockzustand versetzt. Die 29-jährige Journalistin wurde in der Nacht auf Karfreitag im katholischen Wohnviertel Creggan erschossen. Am Donnerstagabend hatten hier nach einer Durchsuchungsaktion der Polizei schwere Ausschreitungen begonnen, Autos wurden in Brand gesetzt. McKee stand mit anderen Journalisten zusammen und beobachtete die Szene, als sie von Kugeln getroffen wurde, die ein vermummter Mann auf die Polizisten abfeuerte. Sie starb auf dem Weg ins Krankenhaus.

21 Jahre zuvor war das Karfreitagsabkommen geschlossen worden, das dem Konflikt zwischen Katholiken und Protestanten ein Ende setzte. Die Gewalt von Derry zeigt, dass der Frieden in Nordirland brüchig ist, auch noch nach so langer Zeit.

Die Polizei spricht von einem „terroristischen Akt“ und vermutet, dass hinter der Tat die paramilitärische Gruppe New IRA steht. Sie gehört zu den sogenannten Dissidenten unter den irischen Republikanern, die das Karfreitagsabkommen ablehnen. In den vergangenen Jahren verübte die Gruppe mehrere Anschläge. Doch ausgerechnet der Tod der jungen Journalistin könnte dazu führen, dass sich viele Menschen in Derry von den gewalttätigen Republikanern abwenden.

Die ermordete Journalistin Lyra McKee Quelle: AFP/JESS LOWE © AFP/JESS LOWE Die ermordete Journalistin Lyra McKee Quelle: AFP/JESS LOWE

Die Irisch-Republikanische Armee (IRA), die in der Zeit der großen Unruhen mit Gewalt für die Wiedervereinigung von Irland kämpfte, unterstützte das Friedensabkommen und hat ihre Waffen längst niedergelegt. Doch schon in den 80ern und 90ern spalteten sich kleine Gruppen von der IRA ab, denen der neue gemäßigte Kurs von IRA und deren politischem Arm Sinn Féin nicht weit genug ging. Diese Abspaltungen werden als „Dissidenten“ oder „radikale Republikaner“ bezeichnet.

Die 2012 gegründete New IRA ist die neueste und die größte unter den paramilitärischen Gruppen, die in Nordirland aktiv sind. Zu ihren Mitgliedern gehören sowohl alte IRA-Kämpfer als auch junge Leute, die die großen Unruhen gar nicht persönlich miterlebt haben. Nach dem Tod von McKee nahm die Polizei am Samstag zwei junge Männer fest – im Alter von 18 und 19 Jahren.

Mord an Lyra McKee in Nordirland: Die Terrorerben der IRA © AFP/PAUL FAITH Mord an Lyra McKee in Nordirland: Die Terrorerben der IRA

Erst im März hatte die New IRA die Verantwortung für jene Paketbomben übernommen, die an die Londoner Flughäfen Heathrow und City sowie den Bahnhof von Waterloo und die Universität von Glasgow geschickt worden waren. Die Bomben waren zu klein, um jemanden zu töten oder zu verletzen.

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Das Ziel dieser Aktion war eher, die Aufmerksamkeit auf die Gruppe zu lenken. Im Januar hatte die New IRA eine Autobombe vor einem Gericht in Derry zur Explosion gebracht – zum Glück wurde niemand verletzt. Doch die Gruppe hat auch bereits Morde auf dem Gewissen. 2012 wurde in der Grafschaft Armagh ein Gefängniswärter erschossen, und 2016 starb ein Kollege von ihm, nachdem in seinem Auto eine Bombe explodierte. In beiden Fällen übernahm die New IRA die Verantwortung.

„Die Aktivität hält sich bisher auf niedriger Stufe, aber sie ist konstant“, sagt Marisa McGlinchey, sie forscht an der Universität Coventry zu paramilitärischen Gruppen in Nordirland. Für ihr neues Buch „Unfinished Business“ (Unerledigte Aufgaben) hat sie rund 90 Interviews in der Dissidentenszene geführt. Gruppen wie der New IRA gehe es vor allem darum, die Kontinuität des republikanischen Kampfes gegen die britische Herrschaft zu demonstrieren.

Die Explosion in Derry passierte etwa am 100. Jahrestag des Irischen Unabhängigkeitskrieges. Die Ausschreitungen in Derry in dieser Woche wiederum begannen vor dem Osterwochenende, an dem irische Republikaner traditionell dem Osteraufstand von 1916 gedenken.

Viele vermuten auch, der britische Ausstieg aus der Europäischen Union befeuere die neuen Unruhen in Nordirland. Expertin McGlinchey widerspricht. „Sie sehen den Brexit eher als eine große Chance für sich, weil er die Frage nach der Grenze zurück in die Nachrichten katapultierte.“

Nachdem die Journalistin verstarb, veröffentlichte die Gruppe Saoradh, die als politischer Arm der New IRA gilt, eine Erklärung. Darin spricht sie den Angehörigen ihr Beileid aus, rechtfertigt aber die Gewalt vom Donnerstag. Die Journalistin sei „zufällig“ erschossen worden, als ein „republikanischer Freiwilliger die Menschen vor der Polizei zu schützen versuchte“. Die Polizei wird in der Erklärung als „Arm der britischen Krone“ bezeichnet und für die Konfrontation verantwortlich gemacht.

Womöglich sind sie damit den berühmten Schritt zu weit gegangen. Sogar alte, erbitterte Gegner schließen nun nach dem jüngsten Mord die Reihen. Am Freitag stand Mary Lou McDonald, die Präsidentin der republikanischen Partei Sinn Féin, neben Arlene Foster, der Vorsitzenden der unionistischen Partei DUP, auf einer Trauerveranstaltung in Derry. Die alten Feinde wissen genau, dass sie den Frieden nicht so leichtfertig wieder aufgeben wollen.

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