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Donald Trump muss das Lincoln Project fürchten: Angriff aus den eigenen Reihen

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 15.08.2020 Ralf Neukirch

Das Lincoln Project ist eine Initiative republikanischer Wahlstrategen - ihr Ziel: die Wiederwahl Donald Trumps zu verhindern. Kaum jemand setzt dem Präsidenten derzeit so unbarmherzig zu wie die "Never Trumper".

© Leah Millis/ REUTERS

Das Video zeigt mit Tüchern bedeckte Leichen, aufgegebene Stadtviertel, leere Einkaufsstraßen. Das Ganze ist mit düsterer Musik unterlegt. "Amerika trauert", sagt eine sonore Männerstimme. "Unter der Führung von Donald Trump ist unser Land schwächer und kränker und ärmer."

Das Video stammt vom Lincoln Projekt, einer Gruppe früherer republikanischer Strategen und Berater. Manche der Gründer des Projekts sind noch in der Partei, andere haben sie nach der Wahl Trumps vor vier Jahren verlassen. Sie eint ein großes Ziel: Donald Trumps Wiederwahl zu verhindern.

Die Reaktion des Präsidenten auf das Video lässt vermuten, dass er seine Widersacher ernst nimmt. "Das sind alles Loser", schäumte er auf Twitter. "Das Lincoln Project ist eine Schande." Deutlicher hätte er nicht demonstrieren können, dass ihn das Video getroffen hat.

"Wir wissen, wie Trump tickt"

"Wir wissen, wie Trump tickt", sagt Steve Schmidt, Wahlkampfmanager des früheren republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain und einer der Gründer des Projekts. "Wir wissen, wie man ihn auf die Palme bringt."

Lange wurden Trumps Gegner unter den Republikanern, die sogenannten Never Trumper, nur belächelt. Selbst die prominentesten unter ihnen, wie der frühere Gouverneur von Ohio, John Kasich, oder ehemalige Außenminister Colin Powell, hatten wenig Einfluss auf die Stimmung im konservativen Lager.

Das hat sich spätestens seit Beginn der Coronakrise geändert. Trumps Ansehen bei den moderaten Wählern der Republikaner ist beständig gesunken. Seither sind die "Never Trumper" im Aufwind. Pikantes Detail: Einer von ihnen ist George Conway, der Ehemann von Trumps Kommunikationschefin Kellyanne Conway.

Das Lincoln Project ist ihre mit Abstand wirkungsmächtigste Formation. "Wir sind selbst überrascht", sagt Geschäftsführerin Sarah Lenti. "Dass wir zu einer Massenbewegung werden würden, haben wir nicht unbedingt erwartet."

Beim ersten virtuellen Townhall-Treffen waren die 10.000 verfügbaren Zoom-Teilnehmerplätze schnell vergeben. Das Video dazu wurde auf YouTube mehr als 400.000-mal aufgerufen.

Ein Drittel der Unterstützer sind Republikaner

Aber sind das nicht möglicherweise nur Leute, die Trump ohnehin nicht gewählt hätten? "Wir haben den Vorteil gegenüber Ländern wie Deutschland, dass wir ganz andere Daten erheben können", sagt Lenti. "Wir wissen, dass ein Drittel unserer Unterstützer Republikaner sind."

Seit ihrer Gründung im vergangenen Dezember hat die Gruppe ein Video nach dem anderen produziert. Sie legen Trumps Schwächen unbarmherzig offen.

"Trump geht es nicht gut", heißt es in einem Video. Man sieht den Präsidenten, wie er nach einer Rede vor Soldaten in West Point auf wackeligen Füßen eine Rampe hinuntergeht. "Er zittert, er ist schwach", sagt eine Stimme. "Warum tun die Reporter, die über das Weiße Haus berichten, so, als sähen sie Trumps Niedergang nicht?"

Das ist von einer Brutalität, wie sie sich der demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden nie erlauben würde. Bis dahin war es Trump, der sich über die angebliche Senilität Bidens lustig gemacht hat. Das Lincoln Project hat den Spieß umgedreht.

"Bedürfnis nach ein bisschen Blut"

"Republikaner haben schon immer einen härteren Wahlkampf geführt", sagt Schmidt. "Es gibt ein Bedürfnis danach, dass jemand dem Schulhofschläger mal auf die Nase haut und ein bisschen Blut fließt."

Die Debatten der Demokraten bei den Vorwahlen hätten ihn und seine Mitstreiter mit Sorge erfüllt, weil sie so unfokussiert gewesen seien, sagt Schmidt. "Es muss klar sein, dass es bei dieser Wahl nur drei Themen gibt: Trump, Trump und Trump."

Bis Ende Juni hat die Initiative bereits mehr als 18 Millionen Euro an Spenden eingesammelt. Der Hauptteil des Geldes soll vor allem in sechs umkämpften Staaten eingesetzt werden: in Wisconsin, Michigan, Pennsylvania, Arizona, North Carolina und Florida.

Videos für Trump

"Es gibt drei Wählergruppen, die für unsere Botschaft empfänglich sind", sagt Mike Madrid, ein weiteres Gründungsmitglied des Lincoln Projects. Republikaner mit Collegeabschluss, die Älteren und religiöse Wähler: "In allen drei Gruppen haben wir derzeit Erfolge", sagt er. "Es reichen ja vier bis fünf Prozent, um die Wahl zu drehen."

Es gibt noch eine weitere Zielgruppe, die Madrid nicht erwähnt. Sie besteht aus nur einer Person. Die TV-Zeiten für die Spots des Lincoln Projects werden so gebucht, dass Trump sie in Washington und in Bedminster, wo einer seiner Golfklubs ist, sehen kann.

Das funktioniert. Auf einer Wahlveranstaltung in Tulsa versuchte der Präsident 15 Minuten lang zu erklären, warum er die Rampe in West Point so langsam heruntergegangen war. Dass das Lincoln Project ihm zusetzt, war nicht zu übersehen.

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