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Eine Studie, die ganz Deutschland helfen könnte

WELT-Logo WELT 31.03.2020 Kristian Frigelj
Der Virologe Hendrick Streeck verspricht sich viel von einer Studie im Kreis Heinsberg. Da man wisse, wann genau das Virus den Ort erreicht habe, biete sich eine einmalige Chance, die Dunkelziffer der Corona-Infektionen zu errechnen. Quelle: WELT © WELT Der Virologe Hendrick Streeck verspricht sich viel von einer Studie im Kreis Heinsberg. Da man wisse, wann genau das Virus den Ort erreicht habe, biete sich eine einmalige Chance, die Dunkelziffer der Corona-Infektionen zu errechnen. Quelle: WELT

Bisher gilt der Kreis Heinsberg in Deutschland als symbolträchtigster Ort für die Corona-Krise: Die ländliche Region im Westen von Nordrhein-Westfalen, in der etwa 250.000 Menschen leben, ist beim Robert Koch-Institut als einziges „besonders betroffenes Gebiet“ in Deutschland ausgewiesen.

Heinsberg wird als „Hotspot“, als „Epizentrum“ bezeichnet. Hier sind bisher mehr als 1280 mit dem neuartigen Coronavirus infizierte Menschen bekannt und mehr als 30 Covid-19-Erkrankte verstorben.

Landrat Stephan Pusch (CDU) will sich mit diesem Stigma nicht abfinden. Er bemüht sich in der Not zu demonstrieren, wie man mit einer solch dramatischen Situation vorbildlich umgeht. Nach seinem morgendlichen Besuch beim Krisenstab wendet sich der Christdemokrat täglich in einer Videobotschaft auf der Homepage des Kreises und bei Facebook an seine Mitbürger. Pusch gibt den aktuellen Stand der Lage bekannt und muntert die Menschen auf.

Will im Kampf gegen das Virus in die Offensive kommen: Landrat Stephan Pusch (CDU) Quelle: dpa © dpa Will im Kampf gegen das Virus in die Offensive kommen: Landrat Stephan Pusch (CDU) Quelle: dpa

„HS be strong“ lautet seine Losung: „Heinsberg, bleib stark.“ Seit Ende Februar ist das öffentliche Leben in der Region fast zum Erliegen gekommen; hier schlossen Schulen, Einrichtungen und Geschäfte wesentlich früher als in der übrigen Bundesrepublik.

Mittlerweile scheint sich die Zahl der Neu-Infektionen zu verlangsamen; fast 600 Corona-Kranke sind wieder genesen. Und nun wird der Kreis zu einer bundesweit einzigartigen Forschungsregion. Studenten der Universität Bonn werden unter Federführung des Direktors des Instituts für Virologie, Hendrik Streeck, die Verbreitung des Coronavirus in Heinsberg erforschen, die Effizienz der Maßnahmen untersuchen und Handlungsempfehlungen erarbeiten. Auftraggeber ist die nordrhein-westfälische Landesregierung.

Unter der Leitung von Professor Hendrik sollen Studenten der Uni Bonn erforschen, wie die Corona-Krise am besten überwunden werden kann Quelle: picture alliance/dpa © picture alliance/dpa Unter der Leitung von Professor Hendrik sollen Studenten der Uni Bonn erforschen, wie die Corona-Krise am besten überwunden werden kann Quelle: picture alliance/dpa

„Der Kreis Heinsberg kann uns als Forschungsbeispiel und Modellregion dienen, wissenschaftlich fundiert herauszufinden, welche Maßnahmen sinnvoll sind, um die Bürgerinnen und Bürger optimal zu schützen und gleichzeitig zu ergründen, welche der ergriffenen Maßnahmen und tiefen Einschnitte in das Leben der Bürger weiterhin virologisch und epidemiologisch sinnvoll sind – und welche nicht“, erklärte Ministerpräsident Armin Laschet (CDU).

Die wissenschaftliche Arbeit hat am Dienstag begonnen und konzentriert sich auf die Gemeinde Gangelt, in der am 15. Februar die traditionelle „Kappensitzung“ mit etwa 300 Personen stattgefunden hatte. An der Karnevalssitzung nahm auch ein Ehepaar teil, das sich zuvor bereits mit dem Coronavirus infiziert hatte, aber noch nichts davon ahnte. Dies wurde erst diagnostiziert, nachdem der 47-jährige Mann am 24. Februar mit schweren Lungenproblemen ins Krankenhaus eingeliefert worden war.

11.03.2020, Nordrhein-Westfalen, Heinsberg: Blick auf das Ortschild. Im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen ist ein weiterer mit dem Coronavirus infizierter Patient gestorben - es ist der dritte bekannte Todesfall in Deutschland. Foto: Roberto Pfeil/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ © dpa/Roberto Pfeil 11.03.2020, Nordrhein-Westfalen, Heinsberg: Blick auf das Ortschild. Im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen ist ein weiterer mit dem Coronavirus infizierter Patient gestorben - es ist der dritte bekannte Todesfall in Deutschland. Foto: Roberto Pfeil/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Der Kreis alarmierte damals öffentlich die Veranstaltungsgäste, bat um eine Rückmeldung und riet ihnen, sich in Quarantäne zu begeben. An die 300 Personen mit ihren Familien waren betroffen. Der Landrat verfügte sofort eine Schließung aller Schulen und Kindertagesstätten, dann aller Einrichtungen und Geschäfte. Bisher wurden im Kreis Heinsberg 8000 Corona-Tests durchgeführt.

Pusch: „Wir tappen bei den Maßnahmen noch im Dunkeln“

Heinsberg ist der Entwicklung in Deutschland um mehrere Tage, wenn nicht sogar Wochen voraus. Für die wissenschaftliche Pilotstudie sollen mindestens 1000 Personen befragt und auch Speichelproben zur Untersuchung entnommen werden. Landrat Pusch ist zuversichtlich, dass sich ausreichend Menschen beteiligen werden. Es seien schon viele Anfragen aus der Bevölkerung beim Kreis eingetroffen. Erste Ergebnisse für Teilbereiche sollen Ende kommender Woche vorliegen. Die komplette Studie soll in vier Wochen präsentiert werden.

Die Untersuchung soll nicht nur für den Kreis Heinsberg „Aussagekraft haben, sondern im besten Fall für Nordrhein-Westfalen und für ganz Deutschland“, stellte Pusch am Dienstag bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Bonner Virologen Streeck. klar. „Wir tappen bei unseren Maßnahmen noch im Dunkeln“, sagt Pusch. Die bisherigen Schritte wirkten zwar insgesamt; aber man wisse nicht, was am effektivsten sei und welche Beschränkungen man womöglich wieder aufheben könne. Es gehe auch darum zu erfahren, wie viele noch nicht bekannte Corona-Erkrankungen mild verlaufen seien.

Nach Ansicht Streecks bietet Heinsberg auch eine einmalige Chance, die Dunkelziffer genauer zu bestimmen. Der Wissenschaftler brachte die verhängnisvolle Kappensitzung in Zusammenhang mit ähnlichen Veranstaltungen, bei denen „wild gefeiert“ worden sei und die als Infektionsbeschleuniger in Verdacht stehen, etwa im Skigebiet im österreichischen Ischgl oder ein voll besetztes Fußballstadion in Italien. Den Virologen verwundert, dass bisher an keinem dieser Hotspots solche Forschungen initiiert worden seien.

Das gelte auch für Deutschland: „Ich war selber überrascht, muss ich sagen, dass das Robert Koch-Institut nicht von vornherein diese Studie selber durchgeführt hat“, sagte Streeck. Eine Eindämmung des Coronavirus liege ja im bundesweiten Interesse.

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