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"Einmal Türke, immer Türke"

WELT-Logo WELT 13.06.2018
07.06.2018, Niedersachsen, Hannover: Wahlberechtigte stehen vor der Stimmabgabe in der Halle 21 auf dem Messegelände. Für die Wahl am 24. Juni in der Türkei können in Norddeutschland lebende Türken ihre Stimme wieder auf dem Messegelände in Hannover abgeben. Im Einzugsbereichs des Generalkonsulats Hannover sind108 000 Wahlberechtigte registriert. Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ © dpa 07.06.2018, Niedersachsen, Hannover: Wahlberechtigte stehen vor der Stimmabgabe in der Halle 21 auf dem Messegelände. Für die Wahl am 24. Juni in der Türkei können in Norddeutschland lebende Türken ihre Stimme wieder auf dem Messegelände in Hannover abgeben. Im Einzugsbereichs des Generalkonsulats Hannover sind108 000 Wahlberechtigte registriert. Foto: Julian Stratenschulte/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Erdogans Regierungspartei versucht, wahlberechtigten Türken in Deutschland mit allen Mitteln einzureden, Integration sei falsch, ihre wahre Heimat könne nur die Türkei sein. Damit hat sie Erfolg: Die Mehrheit wird wohl die AKP wählen.

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Zwei Botschaften gelten in der Integrationspsychologie als extrem schädlich. Die eine richtet sich an die zu integrierende Gruppe und lautet: Seht es ein, ihr gehört nicht dazu. Die andere richtet sich an die integrierende Gruppe und lautet: Seht es ein, sie werden nie dazugehören.

Trifft das zu, könnten die Tage bis zum 19. Juni der Integration von Türkeistämmigen kräftig schaden. Denn beide Botschaften würden im Zuge des türkischen Wahlkampfes derzeit gestreut, warnen Experten. Bis zum 19. Juni können 1,4 Millionen türkische Staatsbürger in Deutschland ihre Stimme für die Parlaments- und Präsidentenwahl in der Türkei abgeben (die am 24. Juni stattfindet).

Und obgleich ausländische Politiker drei Monate vor einer Wahl hierzulande nicht mehr werben dürfen, läuten die türkischen Wahlkämpfer auch in Deutschland nun die heiße Phase ein.

Zwar erscheint das Spitzenpersonal der Parteien kaum vor Ort, die vielen Wahlkämpfer vor allem der regierenden AKP und des Ministeriums für Auslandstürken sind aber fast allgegenwärtig: in türkischsprachigen und AKP-gelenkten Medien, wie Osman Okkan von der Erdogan-kritischen Intellektuellenvereinigung KulturForum TürkeiDeutschland beklagt.

In den türkischen Moscheen, die niemand besser zu mobilisieren versteht als die AKP, wie Haci-Halil Uslucan vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) – einem vom Land Nordrhein-Westfalen gegründeten Institut, das auch die Politik berät – beobachtet. Und selbst in zahlreichen Briefkästen von Türken in Deutschland tauchten dieser Tage Flyer der AKP auf, berichtete NRW-Integrationsstaatssekretärin Serap Güler (CDU).

Meist appellieren die AKP-Propagandisten dabei mehr oder weniger direkt an die Türkeistämmigen, letztlich gehörten sie nicht zu Deutschland, sondern zum türkischen "Mutterland". Ihre vornehmste Aufgabe bestehe darin, ihre kulturelle und religiöse Identität als türkische Muslime zu bewahren.

Das liegt ganz auf Linie des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, der den Deutschtürken seit Jahren "Ihr gehört zu uns!" zuruft und versichert, daran werde sich "niemals etwas ändern"; der gern verkündet, die Türkei sei "die Schutzmacht aller Türken, auch in Deutschland"; und der mehrfach forderte, "unsere Kinder" (gemeint sind in Deutschland geborene Türkeistämmige) müssten vor allem und zuerst Türkisch lernen. Doch genau solche Botschaften drohen eine desintegrierende Kettenreaktion in Gang zu bringen, mahnen Integrationspolitiker und Wissenschaftler.

Die gefühlte Fremdheit bei Türkeistämmigen sei ohnehin ausgeprägt, berichtet Experte Uslucan vom Essener ZfTI . So erklären in einer aktuellen Umfrage nur 18 Prozent der Türkeistämmigen, ihre Heimat sei allein Deutschland, während 48 Prozent allein die Türkei als Heimat bezeichnen – und 30 Prozent sich beiden Ländern verbunden fühlen.

Gemäß einer ZfTI-Umfrage beschreiben gerade junge Türkeistämmige ihre Identität oft folgendermaßen: Erstens seien sie Türken, zweitens Muslime, drittens Ausländer. In dieser Situation subjektiv empfundener Nichtzugehörigkeit werden sie nun unablässig mit der Einmal-Türke-immer-Türke-Botschaft der AKP-Werber konfrontiert, also mit dem Appell, sich auch weiterhin als Türke, Muslim, Ausländer zu begreifen.

Wie konsequent die Erdogan-Partei diese Botschaft zu platzieren sucht, veranschaulicht ein Manifest der AKP-Wahlkampfzentrale für Türken im Ausland. Dieses "Wahlkoordinationszentrum für das Ausland" wird von dem in Deutschland aufgewachsenen AKP-Politiker Mustafa Yeneroglu geleitet, der als eine Art Deutschland-Beauftragter Erdogans wirkt. In dem Manifest führt er aus, was die AKP-Regierung für Türkeistämmige in Deutschland plant.

Ein zentrales Anliegen ist es laut Manifest, "die Landsleute im Ausland" fest an der Seite der Türkei zu halten und "ihre Bindungen mit dem Mutterland und ihre kulturelle Zugehörigkeit zu schützen". Weiter heißt es: "Um die Muttersprache, die Kultur und die Religion unserer im Ausland befindlichen Jugendlichen lebendig zu halten", werde die türkische Regierung ihre Anstrengungen weiter verstärken.

Zudem beabsichtige sie "zusammen mit unseren Landsleuten im Ausland, alle Lebensbereiche umgreifende kulturelle und wirtschaftliche Initiativen" zu fördern sowie entsprechende Organisationen in Deutschland enger zu koordinieren – was auch auf die türkisch geprägten Islamverbände zielen dürfte. Aber auch der staatliche und AKP-lastige Rundfunksender TRT Türk solle noch stärker zur Stimme "der türkischen Diaspora" werden, verheißt das Manifest. Wohlgemerkt: Zwischen türkischen Staatsbürgern und Türkeistämmigen ohne türkischen Pass wird da nicht unterschieden.

Diese Pläne drohen aber nicht nur die subjektiv empfundene Fremdheit so manches Türkeistämmigen zu konservieren; auch bei der deutschstämmigen Mehrheit könnten sie die Integrationsbereitschaft senken. Denn eins ist in der Forschung unstrittig: Wann immer auf Abgrenzung zielende Manöver aus der Türkei bekannt werden, sinkt in der Mehrheitsgesellschaft die Offenheit für Türkeistämmige, die Akzeptanz für einen Doppelpass und die Sympathie für eine türkische EU-Mitgliedschaft.

Desintegrative Kettenreaktion

Experte Uslucan prophezeit zudem, am Wahltag werde in Deutschland vermutlich wieder eine entsetzte Debatte über die Frage ausbrechen, warum deutsche Türken mehrheitlich Erdogan-freundlich und nationalistisch wählten. Dass die Mehrheit auch diesmal so votieren wird, gilt als recht wahrscheinlich. Bei der kommenden Wahl rechnet sich die Opposition zwar größere Chancen aus, weil sie diesmal mit nur einem gemeinsamen Gegenkandidaten antritt, wodurch sie mehr Wähler zu mobilisieren hofft.

Allerdings gingen bei der Wahl 2015 und beim Referendum zum Präsidialsystem 2017 nicht zufällig 60 bis 70 Prozent der in Deutschland abgegebenen Stimmen an Erdogan, seine AKP oder die rechtsradikale MHP. Laut ZfTI-Untersuchungen ist die türkeistämmige Bevölkerung strukturell konservativ und damit eine fast natürliche Klientel für AKP und MHP.

Sollten diese beiden Parteien aber die Mehrheit gewinnen, könnte sich die desintegrative Kettenreaktion noch fortsetzen. Wird nämlich in der deutschen Öffentlichkeit der AKP-Einfluss breit thematisiert und werden Türkeistämmige weitgehend als "gefährliche Erdogan-Anhänger präsentiert", drohe "eine sich selbst erfüllende Prophezeiung in Gang" zu kommen, warnt Uslucan im Gespräch mit WELT.

Viele Türkeistämmige bekämen dadurch "den Eindruck, die deutsche Öffentlichkeit setze Türkeistämmige mit Gefahr gleich". Das wiederum löse "bei vielen das Gefühl aus, letztlich würden in der neuen Heimat alle Türken und Türkeistämmigen schlechtgemacht". Umso leichteres Spiel hätten dann Propagandisten, die Türkeistämmige drängten, ihre Identität allein in türkischem Nationalismus und Islamismus zu suchen.

07.06.2018, Nordrhein-Westfalen, Essen: Die Wahlberechtigte Hatice Güner wirft ihren Wahlzettel in die Urne. Hier geben in Deutschland lebende Türken ihre Stimme für die türkischen Parlaments- und Präsidentenwahlen ab. Die in Deutschland lebenden Türken können vom 7. Juni bis zum 19. Juni wählen. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ © dpa 07.06.2018, Nordrhein-Westfalen, Essen: Die Wahlberechtigte Hatice Güner wirft ihren Wahlzettel in die Urne. Hier geben in Deutschland lebende Türken ihre Stimme für die türkischen Parlaments- und Präsidentenwahlen ab. Die in Deutschland lebenden Türken können vom 7. Juni bis zum 19. Juni wählen. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Wehrlos sei man dieser Kettenreaktion aber nicht ausgeliefert, betont der Erdogan-kritische Publizist und Filmemacher Osman Okkan, der als Stimme der säkularen türkeistämmigen Intellektuellen gilt. Schließlich könnten Politik und Medien sich um Differenzierung bemühen, wann immer sie sich den Türkeistämmigen widmen. In der Tat wäre es faktenwidrig, ihnen pauschal AKP-Nähe und fehlende Verbundenheit mit Deutschland zu attestieren.

Das belegt auch ein zweiter Blick auf die zitierte Umfrage, nach der 30 Prozent sich sowohl mit Deutschland als auch mit der Türkei identifizierten. Diese 30 Prozent doppelt Heimatverbundener dürfe man nicht als integrationspolitischen Misserfolg werten, meint Uslucan. Immerhin besäßen 77 Prozent aller Türkeistämmigen enge familiäre oder freundschaftliche Bande in die Türkei. Dass sie auch diese neben Deutschland als Heimat bezeichneten, sei daher nicht erstaunlich – und schon gar kein Beleg der Verbundenheit mit dem Erdogan-Regime.

Zudem täuscht ein flüchtiger Blick auf das Wahlverhalten Türkeistämmiger eine AKP-Nähe vor, die so nicht existiert. Von den 2,9 Millionen Türkeistämmigen sind 1,43 Millionen wahlberechtigte türkische Staatsangehörige. Von diesen gaben beim Referendum 2017 und bei der Wahl 2015 etwa die Hälfte ihre Stimme ab. Und nur von dieser Gruppe wählten grob zwei Drittel islamistisch-nationalistisch.

So stimmten 2017 412.000 deutsche Türken für Erdogan – nicht einmal 15 Prozent aller Türkeistämmigen. Und das trotz weitgehend gleichgeschalteter türkischer Medien, Erdogan-treuer Moscheen und der Botschaft, die Türkeistämmigen gehörten nicht zu Deutschland.

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