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Entsetzen nach rechtsradikalem Angriff auf Synagoge

SZ.de-Logo SZ.de vor 4 Tagen Von SZ-Autoren
Polizisten am Abend in der Nähe des Tatorts. © Getty Images Polizisten am Abend in der Nähe des Tatorts.

• Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler handelt es sich bei dem Mann, der in Halle in Sachsen-Anhalt zwei Menschen erschossen hat, um einen Einzeltäter.

• Er ist offenbar rechtsextrem und hat ein Video von sich und der Tat ins Internet gestellt.

• Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, reagierte "mit Entsetzen und tiefer Erschütterung" auf das Attentat.

Nach dem gescheiterten Anschlag auf eine Synagoge in Halle in Sachsen Anhalt soll Bundesinnenminister Horst Seehofer am Donnerstag über den Ermittlungsstand informieren. Ungeklärt ist bislang unter anderem die Identität der beiden Opfer. Unbestätigt ist auch, ob ein im Internet aufgetauchtes Bekennervideo und ein angebliches "Manifest" tatsächlich vom mutmaßlichen Täter stammen.

Wie NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung aus Sicherheitskreisen erfuhren, heißt der festgenommene mutmaßliche Täter Stephan B. und ist deutscher Staatsbürger. Der offenbar rechtsextreme Mann soll die Synagoge angegriffen und, als er nicht in das Gebäude eindringen konnte, zwei Menschen erschossen haben, auf der Straße und in einem Döner-Imbiss. Er drehte ein Video von der Tat und stellte es ins Internet. Das Vorgehen erinnert nach Angaben von Terrorexperten an das desjenigen Mannes, der im März im neuseeländischen Christchurch in zwei Moscheen 51 Menschen erschossen hatte. Der Täter in Halle griff am höchsten jüdischen Feiertag an, dem Versöhnungsfest Jom Kippur. Am Nachmittag nahm die Polizei einen Tatverdächtigen fest, machte aber zunächst keine Angaben zu seiner Identität.

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Nach den bisherigen Erkenntnissen der Ermittler handelt es sich wohl um einen Einzeltäter, wobei weiter nach möglichen Helfern gesucht wird. Bundesinnenminister Seehofer sagte, nach Einschätzung des Generalbundesanwalts gebe es bei dem Angreifer "ausreichend Anhaltspunkte für einen möglichen rechtsextremistischen Hintergrund" und für "einen antisemitischen Angriff". Seehofer reist am Donnerstagnachmittag in die Stadt.

Polizisten am Tatort in Halle an der Saale. Die Bevölkerung wurde gebeten, in ihren Häusern zu bleiben, der Zugverkehr wurde eingestellt. Kurz nach der Tat soll es zu einer weiteren Schießerei im mehrere Kilometer entfernten Landsberg gekommen sein. © Sebastian Willnow/dpa Polizisten am Tatort in Halle an der Saale. Die Bevölkerung wurde gebeten, in ihren Häusern zu bleiben, der Zugverkehr wurde eingestellt. Kurz nach der Tat soll es zu einer weiteren Schießerei im mehrere Kilometer entfernten Landsberg gekommen sein.

Der Täter filmte beide Angriffe und lud das Video beim Livestreaming-Dienst Twitch hoch. Kurze Zeit später löschte Twitch die Aufnahme. Auf dieser leugnet der junge Mann mit Glatze auf englisch den Holocaust und nennt Juden "die Ursache aller Probleme". Das Video, aufgenommen von einer Helmkamera, zeigt auch die Anschläge auf die Synagoge und den Dönerladen aus nächster Nähe. In der von der Polizei trotz des hohen Feiertags nicht gesicherten Synagoge schaffte er es nicht, die Eingangstür zu überwinden; kurz darauf erschießt er eine Frau. Im Dönerladen versagten nach den ersten Schüssen seine offenbar selbstgebauten Waffen. Später feuerte er auf ein Polizeiauto.

Bisher gab es keine Bestätigung der Behörden zu den Umständen von Flucht und Festnahme oder dafür, dass es sich bei dem Mann, der sich im Video zeigt, um den Attentäter handelt.

Erleichterung nach bangen Stunden: Besucher des Jom Kippur-Gottesdienstes in Halle können die Synagoge verlassen. © Jens Schlueter/Getty Erleichterung nach bangen Stunden: Besucher des Jom Kippur-Gottesdienstes in Halle können die Synagoge verlassen.

Zentralrat der Juden reagiert mit "Entsetzen und tiefer Erschütterung"

In Halle spielten sich am Mittwochnachmittag dramatische Szenen ab. Eines der Opfer lag in der Nähe der Synagoge lange auf der Straße. Die Stadtverwaltung sprach zunächst von einer "Amoklage", die Polizei vermutete mehrere Täter und rief die Bevölkerung auf, in den Häusern zu bleiben. Zum Zeitpunkt der Todesschüsse war das jüdische Gotteshaus voll besetzt, wie der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Halle, Max Privorozki, sagte. Die Besucher konnten die Synagoge am Abend verlassen. Auch in Landsberg, etwa 15 Kilometer östlich von Halle gelegen, sollen Schüsse gefallen sein. Kurz nach den Angriffen wurde das kleine Örtchen abgeriegelt. Mehrere Häuser sollen durchsucht worden sein. Mit Maschinenpistolen in den Händen gingen Polizisten durch die Straßen des Ortsteils. Der Generalbundesanwalt in Karlsruhe hat inzwischen die Ermittlungen übernommen.

Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, reagierte "mit Entsetzen und tiefer Erschütterung" auf das Attentat. Die Brutalität des Angriffs übersteige "alles bisher Dagewesene der vergangenen Jahre" und sei "für alle Juden in Deutschland ein tiefer Schock". Die Tat am höchsten jüdischen Feiertag habe "unsere Gemeinschaft auf das Tiefste in Sorge versetzt und verängstigt"; das Mitgefühl des Zentralrats gelte den Angehörigen der Erschossenen und den Verletzten. Scharf kritisierte Schuster, "dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war". Dies sei skandalös. "Diese Fahrlässigkeit hat sich jetzt bitter gerächt. Wie durch ein Wunder ist nicht noch mehr Unheil geschehen", erklärte der Zentralratspräsident.

Beim Lichtfest in Leipzig zum 30. Jahrestag des Auftakts der friedlichen Revolution in der DDR sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier: "Aus einem Tag der Freude ist ein Tag des Leids geworden." Er rief zur Solidarität mit jüdischen Mitbürgern auf. Das Fest, zu dem sich mehrere Tausend Menschen auf dem Augustusplatz versammelt hatten, begann mit einer Schweigeminute für die Opfer von Halle. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) besuchte am Abend eine Solidaritätsveranstaltung an der Synagoge Oranienburger Straße in Berlin. Außenminister Heiko Maas schrieb auf Twitter: "Dass am Versöhnungsfest #YomKippur auf eine Synagoge geschossen wird, trifft uns ins Herz." Maas fragte: "Wann hört das auf? Warum geschieht das in unserem Land?"

Israels Präsident Reuven Rivlin appellierte an Deutschland, Antisemitismus mit der vollen Härte des Gesetzes zu bekämpfen. Dieser bedrohe in Europa und weltweit nicht nur die Juden, er drohe "uns alle zu zerstören". Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, sagte, die Katholiken stünden "solidarisch an der Seite der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger". Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, sagte, die Deutschen dürften nicht zulassen, dass Juden "in unserem Land ihren Glauben in Angst und Unsicherheit leben müssen".

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