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Erdoğans kleine Rache an Trump

SZ.de-Logo SZ.de 14.11.2019 Von Thorsten Denkler, New York
Erdoğan und Trump bei der Pressekonferenz im Weißen Haus. © Bloomberg Erdoğan und Trump bei der Pressekonferenz im Weißen Haus.

• Das Treffen der beiden Präsidenten im Weißen Haus ist von Konflikten überschattet.

• Trump lobt Erdoğan dennoch überschwänglich.

• Dieser hat ein ungewöhnliches Mitbringsel im Gepäck: den umstrittenen Brief von Trump an ihn selbst.

"Ein freundliche Person aus der Türkei bitte, freundlich, wir wollen nur freundliche Reporter sehen", bittet US-Präsident Donald Trump seinen türkischen Kollegen Recep Tayyip Erdoğan auf der gemeinsamen Pressekonferenz im Weißen Haus noch. Da zeigt dieser schon auf eine Frau mit beige-glänzendem Kopftuch, als wüsste er genau, was er da macht.

Die Reporterin erhebt sich von ihrem Platz, nimmt sich das gereichte Mikrofon und fragt Trump in geschliffenem Englisch, wie es sein könne, dass er mit Mazloum Abdi einen kurdischen "Terroristen-Führer" zu einem Treffen eingeladen habe, der in der Türkei für 18 Terror-Anschlägen verantwortlich zeichne, bei denen 164 Soldaten und 48 Zivilisten getötet worden seien? Zum Hintergrund: Abdi führt das kurdische Militärbündnis "Demokratische Kräfte Syriens" mit dem die USA Seite an Seite gegen den IS gekämpft haben.

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Keine nette Frage also. Trump versucht, sich nicht aufzuregen. Er habe kürzlich mit Abdi gesprochen, das sei ein sehr gutes Gespräch gewesen, die USA arbeiten eng mit ihm zusammen. "Wir arbeiten auch eng mit ihrem großartigen Präsidenten zusammen", sagt er und weist auf Erdoğan, der keine Mine verzieht, dem diese Gleichstellung aber kaum gefallen dürfte.

Das sei ja auch alles eine Frage der Definition, eiert Trump herum. Manche Gruppen innerhalb der kurdischen Bevölkerung werden halt gemocht, andere nicht. Aber mit der Türkei habe es große Fortschritte gegeben, "Ok? - Vielen Dank", sagt Trump und stellt dann noch eine Frage. "Sind Sie sicher, dass Sie eine Reporterin sind und nicht für die Türkei arbeiten?" Einige im Saal lachen. Erdoğan nicht.

Es ist noch nicht das Ende eines - sagen wir - spannungsreichen Nachmittages, den beide Präsidenten am Mittwoch im Weißen Haus verbracht haben. Anfang Oktober hat Erdoğan Trump innenpolitisch in große Not gebracht. Damals glaubte Trump, er habe Erdoğan in einem Telefonat die Zusicherung abgerungen, nicht gegen die Kurden im Norden Syrien vorzugehen, wenn er die letzten verblieben US-Truppen dort abzieht. Dabei hatte Erdoğan schon Stunden vor dem Telefonat seine Soldaten in Bewegung gesetzt.

Die Kurden mussten fliehen, darunter Zehntausende Kinder, Hunderte IS-Kämpfer konnten aus Gefängnissen entkommen. Und alles nur, weil Trump sein Wahl-Versprechen einlösen wollte, alle Truppen aus Syrien abzuziehen. Erdoğan hatte Trump schlicht über den Tisch gezogen, berichteten Offizielle des Weißen Hauses nach dem Telefonat.

Nicht nur Demokraten, auch viele namhafte Republikaner verurteilten Trump dafür. Waffenbrüder werden nicht so einfach im Stich gelassen, war der Tenor. Es dauerte etwas bis Trump verstand, dass er selbst für seine eigenen Leute eine rote Linie überschritten hatte. Er ließ seinen Außenminister Mike Pompeo einen Waffenstillstand aushandeln, der seit 17. Oktober gilt, versprach den Handel anzukurbeln und lud Erdoğan auch noch ins Weiße Haus ein. Er sei "ein großer Fan" von Erdoğan, sagt Trump in der Pressekonferenz. Ein Satz, den er am Ende der Pressekonferenz vielleicht bereut hat.

Die Liste der Konfliktthemen ist lang:

  • Da ist der Prediger Gülen, den die Türkei für einen Putschversuch im Juli 2016 verantwortlich macht und der in den USA lebt. Für Erdoğan ist das "unakzeptabel". Er habe Trump jedenfalls einen Stapel mit Dokumenten übergeben, die Gülens Schild beweisen sollen, damit die USA diesen endlich ausliefern.
  • Geärgert hat Erdoğan auch eine Entscheidung des US-Kongresses Ende Oktober, in der die USA die Tötung von 1,5 Millionen Armeniern während des ersten Weltkrieges als Völkermord anerkennen. Erdoğan sagt, damit habe der Kongress die türkische Nation verletzt.
  • Ungelöst bleibt an diesem Nachmittag auch der Konflikt um den Kauf von russischen Abwehrraketen des Typs S-400. Erdoğan besteht auf den Kauf. Für Trump ist das eine Provokation. Die Türkei ist Nato-Partner. Rüstungsgüter der Russen zu kaufen ist da eigentlich keine Option. Außerdem befürchten die USA, dass Russland über das Radar des Waffensystems an sensible Daten des US-Kampfjets F-35 kommen könnte. Die Türkei war am Bau des Jets beteiligt und wollte eine Reihe davon kaufen. Weil sie aber am S-400 Kauf festhalten wollen, hat die USA sie vom F-35-Programm ausgeschlossen. Erdoğan erweist sich als mindestens ebenso stur und unkonventionell wie Trump.

Und dann ist da noch der Brief. Ein Reporter von Fox News fragt Erdoğan danach, eigentlich ein Trump-freundlicher Sender. Trump hatte nämlich Erdoğan am 9.Oktober einen Brief geschickt, um die Lage in Nord-Syrien zu befrieden. Für eine Korrespondenz zwischen zwei Staatspräsidenten fiel das Schreiben - nun ja - ungewöhnlich aus. Trump forderte Erdoğan darin auf, jetzt nicht den starken Mann zu markieren ("don't be a tough guy") und sich nicht wie ein Idiot zu benehmen ("don't be a fool"). Er solle deswegen mit seinen Soldaten schön zu Hause zu bleiben. Erdoğan hat auf den Brief nicht geantwortet.

Der Fox-News-Reporter will wissen, warum Erdoğan den Brief des US-Präsidenten ignoriert hat und stattdessen in Nord-Syrien einmarschiert ist? Als Erdoğan zur Antwort anhebt, huscht ein leichtes Schmunzeln über die Lippen des türkischen Präsidenten. "Nun, wir haben diesen Brief an diesem Nachmittag dem Präsidenten zurückgegeben." Mehr sagt er dazu nicht. Trumps Schreiben scheint Erdoğan nicht sonderlich beeindruckt zu haben - aber zumindest konnte er es noch als kleinen Rachepfeil gegen den US-Präsidenten einsetzen.

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