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Frankreich: Umstrittene Großzügigkeit

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 25.04.2019 Annika Joeres

Millionen für die Kathedrale von Notre-Dame, aber nichts für Bedürftige? Das Spendenverhalten der Superreichen hat in Frankreich eine Gerechtigkeitsdebatte ausgelöst.

Straßenproteste in Paris: Die großzügigen Spenden für Notre-Dame haben eine neue Gerechtigkeitsdebatte ausgelöst. © Kiran Ridley/Getty Images Straßenproteste in Paris: Die großzügigen Spenden für Notre-Dame haben eine neue Gerechtigkeitsdebatte ausgelöst.

Es war dieser eine Moment, der den Unmut in Frankreich schürte: Als Präsident Emmanuel Macron seine Antwort auf die monatelangen Proteste der Gelbwesten preisgeben wollte, kündigten französische Milliardäre hohen Spenden für die brennende Kathedrale Notre-Dame an. Und so ging es nicht um die Armen und Aufständischen, sondern wieder um die Wohlhabenden. Vielleicht bereuen die Spender inzwischen ihre spontane Geste, so harsch ist die öffentliche Reaktion darauf. Denn statt lobender Worte folgten Demonstrationen von Obdachlosenverbänden und eine Debatte um ihre tatsächlichen oder hinterzogenen Steuern.

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Die Spenden für Notre Dame sind in jeder Hinsicht außergewöhnlich: Noch während Flammen das Holzgebälk der Kathedrale zerstörten, waren schon 500 Millionen Euro zusammengekommen. Und nur wenige Tage später waren es mehr als eine Milliarde Euro.  Dabei war nicht einmal klar, wie viel Geld überhaupt für den Wiederaufbau des Dachstuhls notwendig sein würde.

So generös sind die Reichen und Superreichen sonst nicht. Im Schnitt geben alle Franzosen und Französinnen pro Jahr rund 1,3 Milliarden Euro für wohltätige Zwecke aus – inklusive der Spenden von Vermögenden. Das zeigt eine jährliche Studie mit dem schönen Namen Das großzügige Frankreich. Große Organisationen wie das Rote Kreuz oder Ärzte ohne Grenzen erhalten in durchschnittlichen Jahren gerade einmal ein Zehntel dessen, was das Pariser Wahrzeichen in wenigen Tagen bekommen hat.

Bei Notre-Dame spendeten die Familie Pinault, Modemarken wie Gucci, Yves Saint Laurent oder Stella McCartney jeweils gut 100 Millionen Euro. Die L'Oréal-Familie, weltweit bekannt für ihre Kosmetik-Produkte, verschenkte 200 Millionen Euro. Ebenso viel versprachen der global umsatzstärkste Luxuskonzern LVHM, der Champagnermarken wie Moët & Chandon und Designerfirmen wie Luis Vuitton, Kenzo und Fendi.

Im Grunde haben Firmen gespendet, die weltweit exportieren und für die Frankreich berühmt ist. Für Französinnen haben diese Namen aber noch einen anderen Beigeschmack: Die Pinault-Familie soll nach einer Recherche der Pariser Investigativredaktion Mediapart Milliarden Euro Steuern gespart haben, indem sie Topmitarbeiter über luxemburgische Briefkastenfirmen anstellte. Über die L'Oréal-Familie wiederum ist bekannt, dass die inzwischen verstorbene Erbin Liliane Bettencourt als reichste Frau der Welt nur rund sechs Prozent Steuern gezahlt haben soll.

Neue Diskussion über Umverteilung

Manche Politikwissenschaftler kommentierten, die enorm hohe Spendensummer seien vielleicht die über Jahre zu wenig gezahlten Steuern der Reichen, die der Pariser Regierung nun für einen rein staatlichen Wiederaufbau fehlen.

"Die große Spendenaktion von Milliardären stellt die Frage der Umverteilung wieder neu", sagt Alexandra Kaasch, Expertin für globale Sozialpolitik von der Universität Bielefeld. Die Summen hätten offenbart, wie viel Geld tatsächlich in der obersten Schicht vorhanden ist. "Der tatsächliche Reichtum von einigen Personen und Unternehmen wird häufig unterschätzt. Die Möglichkeiten, mit diesem Geld drängende Probleme wie die Obdachlosigkeit zu lösen, wären enorm", sagt die Soziologin. Kaasch begrüßt die französische Debatte. In Deutschland werde viel zu häufig diskutiert, ob arme Familien zu viel staatliche Unterstützung bekommen. In Frankreich sei der Sinn für Umverteilung größer.

Tatsächlich hat das Streben nach mehr Gleichheit auch die Gelbwesten auf die Straße getrieben. Seit fast einem halben Jahr demonstrieren sie samstäglich zu Tausenden in der Hauptstadt und in der Provinz. Sie fordern vor allem eine Vermögenssteuer. Diese Forderung wird generell von der Bevölkerung geteilt. Gut 80 Prozent aller Französinnen und Franzosen sprechen sich Umfragen zufolge dafür aus. Vielleicht, weil jeder Mensch auf Plaketten an Schulen und Rathäusern daran erinnert wird, dass der Staat nach "égalité", also der Gleichheit seiner Bürgerinnen und Bürger strebt. In Frankreich ist die Debatte um Reich und Arm, um eine gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Vermögens, stark im Alltag verankert.

Diese Beobachtung machen auch Soziologinnen immer wieder, wenn sie französische Bürgerinnen und Bürger interviewen. Studien zufolge erwarten diese mehr als andere Völker, dass der Staat finanzielle Unterschiede zwischen den Klassen ausgleicht und dass Reiche mehr Steuern zahlen müssen.

Dieser Überzeugung ist Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hingegen wohl nicht. Er ist ein Wirtschaftsliberaler in einem zutiefst sozialstaatsgläubigen Land. Sein Motto, der "erste am Seil zieht den Rest der Mannschaft nach oben" hat er mehrfach in die Tat umgesetzt: Er schaffte die von den Gelbwesten heute so virulent geforderte Vermögenssteuer ab und auch die Unternehmenssteuern sollen innerhalb von fünf Jahren von 33 auf 25 Prozent fallen. In seiner Amtszeit, so räumen es selbst Macron wohlgesonnene Medien wie die Le Monde heute ein, "sind die Ultrareichen die großen Gewinner." Das eine Prozent der Reichsten in Frankreich, zu denen die drei Großspender von Notre-Dame gehören, haben nach Studien allein durch die Abschaffung der Vermögenssteuer in diesem Jahr sechs Prozent mehr Geld zur Verfügung als vor Macrons Amtszeit.

Trotzdem leben in Frankreich auch weniger wohlhabende Menschen immer noch sorgenfreier als in vielen anderen EU-Staaten, auch weil es viele Sozialleistungen wie etwa ein vergleichsweise hohes Kindergeld gibt. In Frankreich beträgt das Armutsrisiko laut Eurostat, dem statistischen Amt der EU, 13,6 Prozent, in Deutschland 16,7 Prozent. Aber in beiden Ländern – wie in fast allen anderen Marktwirtschaften – geht die Schere zwischen Arm und Reich weiter auseinander.

Die Französinnen und Franzosen haben sich damit nicht abgefunden. Das wissen sicherlich auch die Familien Pinault und L'Oréal. Vielleicht haben sie daher, in dem Moment der nationalen, schichtübergreifenden Trauer um die Kathedrale, sich ganz bewusst großzügig gezeigt. Schließlich kündigten sie sogar an, ihre Spende ausnahmsweise nicht von der Steuer abzusetzen. Auf eine dankende Plakette am historischen Bau werden sie aber voraussichtlich vergeblich warten.

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