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Greta Thunberg - beharrlich konsequent

dw.com-Logo dw.com 19.08.2019 Jeannette Cwienk

Provided by Deutsche Welle © Reuters/H. Nicholls Provided by Deutsche Welle

Sie war beim Papst, sprach vor Parlamenten und wurde zu Schwedens Frau des Jahres gekürt. Ihre Konsequenz macht sie glaubwürdig. Vor einem Jahr begann Greta Thunberg, die gerade den Atlantik überquert, ihre Aktion.

Am Morgen des 20. August 2018, dem ersten Schultag nach den Ferien in Schweden, war die damals 15-jährige Greta Thunberg vielleicht zum letzten Mal in ihrem Leben eine Privatperson. Dann setzte sie sich vor den schwedischen Reichstag in Stockholm und stellte neben sich ein handbemaltes Pappschild auf. "Skolstrejk för klimatet", also: "Schulstreik für das Klima“ war darauf zu lesen.

Drei Wochen lang, bis zur schwedischen Parlamentswahl im September 2018, blieb Greta Thunberg der Schule fern. Danach streikte sie freitags. Sie werde ihren Unterrichtsboykott so lange fortsetzen, bis die schwedische Regierung die Vereinbarungen des Pariser Klimaabkommens einhalte, kündigte sie an. Auf ihrem Twitter-Account nannten sie die Aktion "Fridays For Future".

Geburt einer globalen Bewegung

Bereits am ersten Freitag saßen mit Thunberg mehr als 30 Menschen vor dem schwedischen Reichstag. Es folgten Schulstreiks in anderen schwedischen Städten, in anderen Ländern wie Deutschland, Belgien, Großbritannien und weiteren.

Schon kein normales Mädchen mehr: Greta am 30.11.2018 vor dem schwedischen Parlament © picture-alliance/DPR/H. Franzen Schon kein normales Mädchen mehr: Greta am 30.11.2018 vor dem schwedischen Parlament

Bis Mitte März 2019 breiteten sich die Klimaproteste unter dem Hashtag #fridaysforfuture zu einer globalen Bewegung aus, mit Streiks auf allen Kontinenten. Das Gesicht der Bewegung ist Greta Thunberg. Für viele Aktivisten wird sie zu einer Art Ikone.

Zwar gab es in den Industrienationen bereits ein gestiegenes Interesse an Umweltthemen, wie etwa Plogging, Veganismus und die Zero-Waste-Bewegung zeigen. Doch Greta Thunbergs Bruch mit der Schulpflicht schien das richtige Maß an Revolution zu bieten, das es brauchte, um Massen junger Menschen auf die Straße zu treiben.

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Reden vor der UN, in Davos, Paris und London

Innerhalb von nur drei Monaten war die Initiatorin der Klimaproteste so bekannt, dass sie Anfang Dezember auf dem UN-Klimagipfel im polnischen Kattowitz eine Rede hielt. Unbeeindruckt von ihrem großen Publikum las die Schülerin diesem die Leviten. "Unsere Biosphäre wird geopfert, damit reiche Menschen in Ländern wie meinem in Luxus leben können", klagte sie an.

Wenige Wochen später sprach Greta Thunberg auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos: "Ich will, dass ihr in Panik geratet. Ich will, dass ihr dieselbe Angst empfindet, die ich jeden Tag spüre. Und dann will ich, dass ihr handelt, als ob unser Haus in Flammen stünde. Denn das tut es."

Es folgten Reden vor dem Umweltausschuss des Europaparlaments in Straßburg, der französischen Nationalversammlung und dem Parlament in London. Immer wieder verkündete die Schülerin eindringlich, welch verheerende Zukunft der Menschheit laut aller Prognosen der Wissenschaft bevorstehe, sollte nicht entschieden etwas gegen die Erderwärmung getan werden.

Preise und Prominenz

Treffen mit Persönlichkeiten, wie Papst Franziskus, UN-Generalsekretär António Guterres, Schauspieler Arnold Schwarzenegger oder Ex-US-Präsident Barack Obama scheinen bei Thunberg keine besondere Aufregung zu erzeugen, sie hat eine Botschaft.

Auch im Vatikan warb die schwedische Schülerin für ihr Anliegen © picture-alliance/Catholic Press Photo Auch im Vatikan warb die schwedische Schülerin für ihr Anliegen

Inzwischen erhielt die heute 16-Jährige zahlreiche Preise, wurde zu Schwedens Frau des Jahres gekürt und sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Das US-Magazin "Times" zählt Greta Thunberg zu den 100 wichtigsten Persönlichkeiten des Jahres 2019.

"Ich kann keinen Small-Talk"

Dabei stehe sie äußerst ungerne im Mittelpunkt, sagt Greta in einem deutschen Fernseh-Interview. "Aber ich kann mich nicht beschweren, ich habe mich selbst in diese Situation gebracht. Und damit ich etwas bewirken kann, macht es mir nichts aus, diesen Preis zu zahlen."

Schülerstreik in Hamburg - bis zu zehntausend Teilnehmer pro Klima-Demo © picture-alliance/dpa/D. Reinhardt Schülerstreik in Hamburg - bis zu zehntausend Teilnehmer pro Klima-Demo

Mit ihrer Initialzündung zu den Schülerprotesten hat Greta Thunberg bewirkt, was mahnende Wissenschaftler, und zahlreiche Klimagipfel bisher nicht vermochten: In der öffentlichen Debatte steht das Thema Klimaschutz seit Monaten ganz oben auf der Agenda - und setzt die Politik zunehmend unter Druck. Bei der Europawahl Ende Mai fuhren Umweltparteien fast überall deutliche Gewinne ein.

Viel Ehr, viel Feind

Mag sie auch nicht gern im Mittelpunkt stehen, wie Thunberg sagt, so versteht sie es doch perfekt, ihre Auftritte in Szene zu setzen. Kaum eine Zugfahrt ohne Tweet. Kein klassisches Teenager-Selfie, sondern Werbung für klimafreundliches Reisen.

Bei dieser Präsenz bleibt Ablehnung nicht aus. Im Netz wird viel gegen die Schülerin gehetzt, besonders von rechtspopulistischen Parteien, die den Klimawandel leugnen. Aber auch von konservativer Seite kommt Kritik. In Deutschland etwa machten sich Politiker wie der CDU-Generalsekretär Paul Zimiak und FDP-Chef Christian Lindner über die Schülerin lustig und behaupteten, ein 16-jähriges Mädchen sei nicht in der Lage, globale Zusammenhänge zu verstehen.

Auch auf dem Asperger-Syndrom der Umweltschützerin reiten viele ihrer Gegner herum - dieses mache sie zu einem naiven und willfährigen Opfer einer grünen Öko-Lobby, so der Tenor.

Dieser Hass gepaart mit falschen Darstellungen der Fakten mache sie traurig, sagt Thunberg im Interview mit einem deutschen öffentlich-rechtlichen Sender. "Aber die heftigen Reaktionen zeigen auch, dass unsere Klimastreiks einen Nerv treffen und eine Wirkung haben. Und das ist positiv."

Ihre Beharrlichkeit führt die junge Schwedin selbst auf das Asperger-Syndrom zurück. "Wenn ich kein Asperger hätte, wäre das hier nicht möglich gewesen. Aber ich bin anders. Ich sehe die Welt aus einer anderen Perspektive - schwarz und weiß. Wenn mir etwas wichtig ist, dann gebe ich 100 Prozent."

Die © picture-alliance/dpa/H. Hanschke Die

Um sich ganz ihrem Kampf gegen den Klimawandel zu widmen, legt die Schülerin ein Sabbatjahr ein und besucht die weiterführende Schule erst im kommenden Jahr.

Emissionsfrei über den Atlantik

Wohin auch immer, die Umweltaktivistin reist per Zug oder Elektroauto. Seit ihrem 12. Lebensjahr ernährt sie sich vegan und hat auch ihre Familie überzeugt, weder Fleisch zu essen noch per Flugzeug zu reisen - besonders für ihre Mutter, Opernsängerin von Beruf, war das kein leichter Schritt.

Zu Greta Thunbergs klimaschonenden Reisemitteln kommt nun noch ein weiteres hinzu: Mitte August will sie mit der Hochseejacht "Malizia II" nach Amerika segeln, um unter anderem am UN-Klimagipfel im September in New York und an der jährlichen UN-Klimakonferenz im Dezember in Chile teilzunehmen. Selbst der an Bord benötigte Strom wird mittels Solarpaneelen und Unterwasserturbinen erzeugt.

Das Reiseangebot kam von der Crew der Sportjacht selbst: dem deutschen Segelsportler Boris Herrmann und Pierre Casiraghi, Sohn von Prinzessin Caroline von Monaco. Außerdem werden Thunbergs Vater und ein Filmemacher mit an Bord sein. Gut zwei Wochen dauert die Überfahrt.

Ist der Segeltörn auch weit davon entfernt, Vorbild für eine massentaugliche Atlantiküberquerung zu werden, so hat er dennoch großen Symbolcharakter. Und zeigt einmal mehr die unnachgiebige Konsequenz der Greta Thunberg. Ob ihre Beharrlichkeit auch gegen mögliche Seekrankheit hilft, muss sich allerdings erst zeigen.

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Autor: Jeannette Cwienk

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