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Großbritannien: Das Gegenteil von Boris Johnson

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 22.07.2019 Peter Stäuber

Ali Milani ist 24, Migrant, Muslim – und Labour-Kandidat in Boris Johnsons Wahlkreis. Er ist entschlossen, den möglichen neuen Premier bei der nächsten Wahl zu besiegen.

Der Labour-Kandidat Ali Milani © privat Der Labour-Kandidat Ali Milani

Bereits vor vier Jahren, als Ali Milani zum ersten Mal Boris Johnson persönlich begegnete, hielt er ihn für einen Idioten. Der prominente Tory-Politiker war damals Bürgermeister von London und zudem seit Kurzem Abgeordneter im Unterhaus. Milani hingegen studierte noch, er amtierte als Präsident des Studentenverbands seiner Uni. Bis heute hat sich nichts an seiner Meinung über Johnson geändert – und die Antipathie des 24-Jährigen könnte für den künftigen Premierminister bald zum ernsthaften Problem werden.

Milani ist der Labour-Kandidat in Johnsons Wahlkreis, und er ist fest entschlossen, bei der nächsten Wahl die Sensation zu schaffen: Gewinnt er gegen Johnson, würde erstmals ein britischer Regierungschef abtreten müssen, weil er seinen Unterhaussitz verliert.

Johnsons Widersacher, untersetzt und mit Vollbart, taucht schlendernd vor der U-Bahnstation Uxbridge auf, am westlichen Rand von London. Damit beginnen die Kontraste bereits. Johnson trat in diesem Wahlkreis an, weil er als sicherer konservativer Sitz gilt – er hat nie in diesem Viertel gewohnt, Uxbridge war lediglich eine Stufe auf der Karriereleiter des ehrgeizigen Politikers. Milani aber lebt seit vielen Jahren hier, aufgewachsen ist er nur wenige Kilometer weiter östlich; eine politische Laufbahn hatte er allerdings nie ins Auge gefasst. "In meinen wildesten Träumen hätte ich mir nicht vorgestellt, dass ich jemals als MP kandidieren würde", sagt er, nachdem er sich in ein Café gesetzt hat.

Er kam als Fünfjähriger aus dem Iran nach Großbritannien, zusammen mit seiner Schwester und seiner alleinerziehenden Mutter. "Wir waren von staatlichen Hilfeleistungen abhängig, aber obwohl wir in relativ armen Verhältnissen lebten, hatte ich eine tolle Kindheit." Für ihn war dies das normale Leben. Erst später wurde ihm bewusst, dass die Menschen in Großbritannien zuweilen in völlig anderen Welten leben – so wie sein Rivale Johnson, Abgänger der Eliteschule Eton. Aber leicht hatte es Milanis Familie nicht. Das Programm der Sozialkürzungen, das vor zehn Jahren in der Folge der Finanzkrise ausgerollt wurde, traf seine Familie hart. "Als ich in der Oberstufe war, wurden die Unterstützungszahlungen für Schüler aus armen Familien eingestellt – 30 Pfund pro Woche, das war für uns ein Rettungsring gewesen. Dann verloren wir unsere Sozialwohnung. Dann wurden die Sozialleistungen beschränkt. Jedes Mal wurde unser Budget kleiner und kleiner."  

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Schließlich war es die Verdreifachung der Studiengebühren 2010, die ihn in die Politik trieb. Milani wollte sich eigentlich für das Fach Filmwissenschaft einschreiben, aber dann begannen die Proteste der Studierenden – und in letzter Minute entschied er sich, stattdessen Politik zu studieren. Zwei Jahre lang war er Präsident des Studentenverbands an der Brunel University, dann Vizepräsident der landesweiten National Union of Students. In die Labour-Partei trat er 2015 ein. Auch diesen Schritt hatte er nicht geplant.

"Der Enthusiasmus wird zurückkommen"

"Meine Generation war schon lange von der Parteipolitik desillusioniert. Wir hatten das Gefühl, dass es etwas Elitäres ist. Meine Familie hatte zwar immer Labour gewählt, aber mir fehlte die emotionale Bindung zur Partei. Dann gab es einen Event an der Brunel University, bei dem John McDonnell auftrat." Der heutige Schattenfinanzminister, ein Parteilinker und der wichtigste Verbündete von Parteichef Jeremy Corbyn, war damals ein einfacher Hinterbänkler. "Ich hatte mir vorgenommen, ihm knifflige Fragen zu stellen, ich wollte ihn richtig runterputzen. Aber dann gab er mir so gute Antworten. Und am Ende des Events ging ich zu ihm und sagte: Ich will für Sie Wahlkampf machen."

Wenige Monate später wurde Corbyn zum Parteichef gewählt – nicht zuletzt dank der jungen Aktivisten wie Milani, die zu Zehntausenden zur Partei stießen. Sie waren es auch, die entscheidend dazu beitrugen, dass Labour in der Parlamentswahl von 2017 so überraschend gut abschnitt. Es war der Höhepunkt der Corbyn-Begeisterung. Jener Triumph scheint jedoch weit in der Vergangenheit zu liegen. Die Partei kämpft heute wieder mal mit inneren Streitigkeiten, rechte Labour-Abgeordnete greifen die linke Parteiführung an, sie kritisieren die Brexit-Politik und sagen, Antisemitismus in den eigenen Reihen werde nicht wirksam genug bekämpft. Der Enthusiasmus ist scheinbar verpufft. 

Milani hält die Situation jedoch für nicht so dramatisch, wie sie von außen scheinen mag: "Der Schwung wird zurückkommen. So etwas lässt sich schlichtweg nicht über vier Jahre aufrechterhalten. Der Enthusiasmus wird zurückkommen, und zwar dann, wenn die Leute die Möglichkeit vor Augen haben, dass wir es an die Regierung schaffen. Das heißt, wenn es Neuwahlen gibt."

Genau das passierte bei der letzten Wahl: 2017 saß Labour in einem Loch, auch damals wurde die Partei von internem Zwist gelähmt, in Umfragen lag sie zwanzig Prozentpunkte hinter den Tories. "Aber sobald Neuwahlen angekündigt wurden, schossen die Zustimmungswerte hinauf. Dabei ging es nicht um einzelne Persönlichkeiten, sondern um unser Programm: Wir hatten eine Vision fürs Land, die die Leute ansprach." Wenn jetzt Kritiker auf die miesen Umfragewerte verweisen, habe er zuweilen ein Déjà-vu: "Manchmal habe ich echt das Gefühl, ich wache 2017 auf. It’s like fucking groundhog day, man!", sagt er in Anspielung auf den Film Und täglich grüßt das Murmeltier, wo der Protagonist stets am gleichen Tag aufwacht. "Niemand hat die damalige Lektion gelernt. Warten wir ab, was passiert, wenn Neuwahlen angekündigt werden."

Milani glaubt auch, dass die eindeutigere Brexit-Politik Labour helfen wird. Jahrelang versuchte die Partei, durch eine "konstruktive Ambiguität" sowohl Remain- als auch Leave-Wähler zufriedenzustellen – und büßte damit auf beiden Seiten Wähler ein. Seit Monaten nähert sich die Partei einem zweiten Referendum an, vergangene Woche schließlich erklärte Corbyn, dass jeder Brexit-Deal dem Volk zur Abstimmung vorgelegt werden müsse. "Endlich haben wir Klarheit", sagt Milani. "Zuvor versuchten wir einen Kompromiss, und das hat nicht funktioniert. Jetzt stehen wir am Rand eines No-Deal-Brexit – was etwa dasselbe ist, wie mit zusammengebundenen Händen zu einem Boxkampf anzutreten. In dieser Situation ist es das Richtige zu sagen: Wir wollen ein zweites Referendum, und wir werden uns für Remain stark machen."

Allerdings sei der Brexit nicht jenes alles bestimmende Thema, wie es ein Blick in die Presse vermuten lässt. "Von November bis April, als wir jede Woche zwei bis drei Mal auf Wahlkampftour gingen, wurde der Brexit nur zwei Mal angesprochen", sagt Milani. Sicher, seither ist das Thema wichtiger geworden, aber er warnt: "Die Leute haben Jobs, sie haben Wohnungsprobleme, Gesundheitsprobleme, Schulprobleme – so viele Dinge, um die sie sich kümmern müssen. Natürlich wird der Brexit darauf einen Einfluss haben, aber wir müssen uns bewusst sein, dass die Leute viele andere Themen als wichtiger empfinden." 

Mit Milani können sich die Wähler identifizieren

Milani zweifelt nicht daran, dass seine politischen Fähigkeiten bald einem ernsthaften Test unterzogen werden. Er geht davon aus, dass die neue Regierung unter Boris Johnson bald Neuwahlen ausrufen muss: "Er wird versuchen, Theresa Mays Brexit-Deal neu zu verpacken und dem Parlament vorzulegen. Möglich, dass die Abgeordneten dafür stimmen. Aber wenn nicht, dann käme der No Deal, und dafür gibt es keine Mehrheit. Also brauchen wir ein neues Parlament." Und Milani hofft, einen Sitz darin zu haben.

Hat er überhaupt eine Chance gegen seinen prominenten Rivalen – noch dazu in einem Sitz, der seit Jahrzehnten in konservativer Hand ist? Die Aufgabe ist nicht so hoch, wie es auf den ersten Blick scheinen mag: Von 2015 bis 2017 halbierte sich Johnsons Mehrheit, sein Vorsprung beträgt bloß 5.000 Stimmen.

Den entscheidenden Vorteil gibt Milani vielleicht gerade die Tatsache, dass er das Gegenteil von Johnson ist, dem Inbegriff des britischen Establishments. Mit Milani können sich die Wähler identifizieren. "Leute wie ich sind nicht dazu bestimmt, Parlamentsabgeordnete zu werden", sagt er. "Das führt zwar vielerorts zu Widerstand, aber es sorgt auch für eine gewisse Lebendigkeit: Leute wie ich sprechen nicht wie Politiker, wir benehmen uns nicht wie sie. Den Wählern gefällt, dass ich eine wirkliche Person bin." 

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