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Großbritannien-Wahlkampf: Johnson unter Druck – Stimmung im Land spielt der Labour-Opposition in die Hände

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 14.11.2019 Leitel, Kerstin Volkery, Carsten
Die Botschaft des Premierministers: Man müsse den Brexit endlich abhaken. © dpa Die Botschaft des Premierministers: Man müsse den Brexit endlich abhaken.

Boris Johnson versucht, Wähler aus dem gegnerischen Lager von seinem Brexit-Kurs zu überzeugen. Dabei ging diese Strategie schon einmal schief.

Boris Johnson ist in diesen Tagen viel im Norden Englands unterwegs. In der Tetley-Teefabrik von Eaglescliffe gönnt er sich eine „cuppa“ des britischen Nationalgetränks, in Matlock in der überfluteten Grafschaft Derbyshire lässt er sich mit einem Wischmopp ablichten.

Überall verbreitet der Regierungschef die gleiche Botschaft: Als Erstes müsse man den Brexit abhaken, dann könne man sich endlich um die Themen kümmern, die den Menschen wirklich wichtig seien: Gesundheit, Bildung, Sicherheit.

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Am 12. Dezember wählen die Briten ein neues Parlament. Johnson hofft auf eine absolute Mehrheit für seine Konservativen. Dann könne das Parlament den EU-Ausstiegsvertrag absegnen und den Brexit zum 31. Januar sicherstellen, wirbt er.

In allen Umfragen liegen Johnsons Tories zweistellig vor der Labour-Opposition. Doch der vermeintlich sichere Vorsprung täuscht: Im britischen Mehrheitswahlrecht gibt es nur Direktmandate, es kommt also auf das Kräfteverhältnis in jedem einzelnen der 650 Wahlkreise an. Die jeweils stärkste Partei erhält ein Mandat, der Rest der Stimmen verfällt. Landesweite Umfragen sind daher nur bedingt aussagekräftig.

An mehreren Fronten dürfte es für Johnson schwierig werden. Der hohe Norden scheint fest in der Hand der schottischen Nationalpartei (SNP). Im Süden und in der Hauptstadt London sind die proeuropäischen Liberaldemokraten im Aufschwung. Für jeden Sitz, den die Tories an SNP und Liberale verlieren, müssen sie anderswo einen neuen Wahlkreis hinzugewinnen.

Unerwartete Hilfe

Deshalb tourt Johnson nun durch die Labour-Hochburgen in der Landesmitte. Diese hatten 2016 mit deutlicher Mehrheit für den EU-Ausstieg gestimmt. Der Premier hofft, mit dem Versprechen eines schnellen Brexits selbst eingefleischte Labour-Wähler auf seine Seite zu ziehen.

Am Montag erhielt Johnson Hilfe von unerwarteter Seite. Der Rechtspopulist Nigel Farage erklärte, seine Brexit-Partei werde nicht in den 317 Wahlkreisen antreten, die bei der letzten Wahl konservativ gewählt hatten. Das macht es einfacher für die Tories, wackelige Wahlkreise gegen die Liberaldemokraten zu verteidigen.

In den Labour-Wahlkreisen will die Brexit-Partei jedoch antreten - und könnte dort den Sieg der Konservativen erschweren. Schon Johnsons Vorgängerin Theresa May hatte bei der Unterhauswahl 2017 vergeblich versucht, die Labour-Wähler mit dem Brexit-Versprechen zu locken.

Am Wahltag scheint daher alles möglich: Eine Mehrheit für Boris Johnson, ein erneutes Patt im Parlament - oder sogar eine Labour-Regierung, möglicherweise mit Unterstützung der SNP oder der Liberalen. „Es ist immer noch zu früh, um über ein Ergebnis zu spekulieren“, warnt Georgina Wright vom Thinktank Institute for Government in London.

Die Stimmung im Land spielt eher der Labour-Opposition in die Hände: Nach zehn Jahren konservativer Sparpolitik haben die Wähler genug von immer neuen Kürzungsrunden im öffentlichen Sektor. Labour wirbt mit großen staatlichen Investitionen, die Tories beeilen sich mitzuhalten. Die Staatsausgaben dürften also deutlich ansteigen, egal wer gewinnt.

Den Ausschlag geben könnte am Ende allerdings nicht das Wahlprogramm, sondern der Spitzenkandidat. Und im direkten Duell mit Labour-Chef Jeremy Corbyn liegt Johnson eindeutig vorn.

Mehr: Lesen Sie hier, wer die Kandidaten der Wahl sind.

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