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Horst Seehofer: Ein Mann von gestern

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 19.01.2019 Robert Pausch
© Getty

Doch diese Vergangenheit war nicht bloß schlecht. Horst Seehofer tritt als CSU-Chef ab. Mit ihm verschwindet ein Stück Bonner Republik.

Natürlich werden sie ihn an diesem Samstag noch einmal alle umarmen. Große Reden werden auf Horst Seehofer gehalten werden, man wird seine Verdienste loben. Und selbst die, die in den vergangenen Jahren an seinem Rückzug gearbeitet haben, werden sich vor ihm verneigen. Und dann, wenn am Nachmittag der Parteitag der CSU mit dem Lied der Bayern endet, biegt seine Karriere endgültig auf die Zielgerade ein. Bundesinnenminister will er zwar bleiben, doch in der CSU ist die Ära Seehofer vorbei. Die Geschicke der Partei lenken nun andere.

Mit Seehofer, so viel zumindest scheint klar, geht ein Mann von gestern. Und in der öffentlichen Wahrnehmung hat man sich bereits darauf geeinigt, wie diese Gestrigkeit beschaffen ist: testosterongeladen, winkelzüglerisch, selbstverliebt und gewiss auch reaktionär. Kurzum: keiner, dem man irgendwie nachtrauern müsste. Genüsslich wurden die Fehler des Horst Seehofers in den vergangenen Monaten ausgeweidet.

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Im Land der Raser

Er selbst hat dafür viele Vorlagen geliefert. Die Art etwa, wie er die Dinge in der sogenannten Causa Maaßen zu regeln versuchte, schien wie ein Beleg dafür, dass seine Art, Politik zu betreiben, aus der Zeit gefallen war. Einen Beamten zum Dank für sein Fehlverhalten zu befördern und dies allen Gerechtigkeitsempfindungen zum Trotz gegen den Koalitionspartner durchzukämpfen, eine solche Praxis hätte wohl vor noch nicht allzu langer Zeit als politisches Kunststück gegolten. Schon Adenauer war dafür bekannt gewesen, verfemte Gefolgsleute mit luxuriösen Posten zu versorgen, auch Kohl und selbst noch Schröder waren nach diesem Muster verfahren.

Die Regeln der Hinterzimmerpolitik

Doch die Öffentlichkeit heute ist eine andere als in Seehofers Sozialisierungsjahren. Sie ist demokratischer, empörungsbereiter, auch sensibler für moralisches Fehlverhalten. Ein fauler Kompromiss wird rascher als solcher erkannt und der Legitimationsdruck auf die Politik wächst. All das hatte der kungelrundenerprobte Seehofer offenbar nicht bedacht, und so traf die Entrüstung danach auf einen halbwegs vedatterten Innenminister.

Seehofer wuchs politisch im Halbschatten der Bonner Hinterzimmer auf, die ihren eigenen Rationalitäten folgten und wo man zunächst im kleinen Kreis regelte, was später große Politik wurde. Er schätzte die gelungene Intrige und das gut inszenierte Ränkespiel. Obsessiv befasste er sich in den vergangenen Jahren damit, seine Nachfolge "zu regeln", wobei "regeln" vor allem bedeutete, Markus Söder zu verhindern. Seinen eigenen Rücktritt kündigte er mehrmals an, nur um ihn danach doch wieder zurückzunehmen und einen Gegenkandidaten aus dem Hut zu zaubern, der dem ewigen Rivalen das Amt doch noch streitig machen sollte.

Zuletzt allerdings konnte man dabei zusehen, wie dieser Politikstil einen toten Punkt erreichte. Für den Rücktritt vom Rücktritt brauchte er zuletzt nur noch eine Nacht. Machtpolitik betrieb er nicht mehr spielerisch, sondern verbissen. Und von der feinen Ironie, die Seehofer einmal auszeichnete, war nur noch ein kehliges Lachen übrig geblieben, das man immer dann hörte, wenn sich Seehofer bei öffentlichen Auftritten über seine eigenen Witze amüsierte.

Ein sensibler Konservativer

Wer Seehofer im Herbst im bayerischen Landtagswahlkampf beobachtete, der erlebte einen gekränkten Mann. Die Wahlkampfreden wurden zu Rechtfertigungsmonologen, deren wesentlicher Inhalt darin bestand, den Zuhörern zu erklären, dass er, Horst Seehofer, es schon immer gewusst hatte. Die Flüchtlinge, die Merkel – das habe ja alles nicht gut gehen können. Gerecht war Seehofer vor allem zu sich selbst.

Doch wer in Seehofer allein den Vertreter einer überheblichen und überkommenen Männerwelt sieht, der erkennt höchstens die Hälfte, die allerdings zuletzt so groß schien, dass sie die andere Hälfte verdeckte: Den sensiblen Konservativen mit sozialkatholischer Anthropologie, den Ungerechtigkeiten wütend machten und der stets misstrauisch wurde, wenn ihm Parteifreunde erzählten, dass man kollektive Sicherheiten dem Markt und die Menschen am besten sich selbst überlässt.

Wie viele Politiker seiner Generation war Seehofer geprägt von seiner religiösen Erziehung im Nachkriegsdeutschland. Er wuchs in einfachen Verhältnissen auf, zur CSU kam er über den Arbeitnehmerflügel der Partei. Als er sich in der Bonner Politik zurechtfinden musste, wurde Norbert Blüm zu seinem wichtigen Förderer. Ein Übermaß an Überzeugungen trug Seehofer zwar nie mit sich herum. Doch zu seinen unverrückbaren Prinzipien gehörte der Glaube an den rheinischen Kapitalismus, den Interessenausgleich zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, zwischen großen und kleinen Leuten, der das Fundament der bundesdeutschen Konsensgesellschaft und ihres Sozialstaats bildete.

Als eine Art Allparteienkoalition sich in den Nullerjahren einig war, dass gerade hierin das große Problem des Landes lag und der Staat den meisten nur noch als unbeholfener Schwächling galt, war Seehofer einer der wenigen, der diesem neoliberalen Konsens widersprach. Die strengen Rufe nach Eigenverantwortung und Flexibilität waren ihm suspekt. Kopfpauschalen und Flat-Tax-Modelle, bei denen der Manager so viel zahlen sollte wie sein Fahrer, bekämpfte er erbittert. Er spürte früher als andere, dass am Ende der großen Deregulierung womöglich nicht das rundheraus befreite Individuum stehen würde, sondern eine verunsicherte Gesellschaft.

Heimat als Gegenbegriff

In seiner Partei und in den Leitartikeln wurde Seehofer in jenen Jahren als Herz-Jesu-Sozialist verspottet. Als einer, der immer noch nicht verstanden habe, dass der deutsche Sozialstaat zu teuer sei, die Lohnnebenkosten zu hoch und dass der Markt Anforderungen stelle, denen man gerecht werden müsse, wenn man im globalen Wettbewerb der Standorte nicht verlieren wolle und so weiter.

Schon damals galt Horst Seehofer als ein Mann von gestern.

Das Hadern mit einem Konservatismus, der orthodox auf die Ökonomie vertraute, begleitete Seehofer während seiner gesamten politischen Karriere. In einem bemerkenswerten Aufsatz für die Frankfurter Allgemeine Zeitung beschrieb er im vergangenen Jahr jene sorglose Markgläubigkeit als Ursache für die demokratische Krise der Gegenwart. Der "vermeintliche Siegeszug des ökonomischen Liberalismus, dessen oberste Maxime die Selbstregulierungsfähigkeit freiheitlicher Systeme auf der Basis möglichst unregulierter und grenzenloser Märkte war", habe Verwerfungen und Verlierer produziert. Die "Heimat" – auch so ein Begriff für den man Seehofer gern als Provinzling belächelte – betrachtete er als Gegenkonzept zu einem kalten Rationalismus, der den Mensch vor allem danach beurteilt, was er leistet und nützt.

In seinen besten Zeiten hatte Seehofer ein Gespür dafür, dass Traditionen und Kollektive nicht bloß beengend und vormodern sein können. Sondern dass sie, im Gegenteil, gerade für jene Konstanz und Verlässlichkeit garantieren, die sich nicht qua Geburt leichthändig durch die Welt bewegen. Dass Bindungen Menschen bisweilen erst in die Lage versetzen, Chancen zu nutzen.

Die Tragik seiner Karriere

Der Paternalismus der alten Bundesrepublik, der mit Politikern wie Seehofer verschwinden wird, war nicht bloß schwarz oder weiß. Er war entmündigend und zugleich ermächtigend, ein bisschen autoritär, doch gerade deshalb funktional entlastend.

Von dieser Ambivalenz war bei Horst Seehofer zuletzt immer weniger zu spüren. Wie viele in seiner Partei folgte er in den vergangenen Monaten der seltsamen Annahme, der Konservatismus müsse sich vor allem auf dem Feld der Asylpolitik profilieren. Der Herz-Jesu-Sozialist von einst schien auf einmal kaltherzig geworden. In schneidendem Ton sprach er nun von einer "Herrschaft des Unrechts", die an der deutschen Grenze gälte. Die Sozialsysteme wollte es bis zur "letzten Patrone" gegen die Einwanderung verteidigen.

Es gehört zur Tragik seiner Karriere, dass der Sozialpolitiker Seehofer am Ende in einem Ministerium landete, das er nie wollte, doch zu eitel war, um es abzulehnen. Nun erwartet seine Partei von ihm, dass auf die Worte auch Taten folgen und Horst Seehofer Kraft seines Amtes die vielbeschworene Glaubwürdigkeitslücke der Partei schließt. Als könne er mit ein paar migrationspolitischen Restriktionen die strukturelle Krise der CSU lösen.

Mit Horst Seehofer geht ein Stück konservative Vergangenheit. Niemand muss ihr nachtrauern und die wenigsten werden es tun. Nur sollte man sich nicht zu sicher sein, dass die Zukunft besser wird.

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