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In Putins Vision kämpft Russland immer weiter

WELT-Logo WELT vor 4 Tagen Berthold Seewald
Wladimir Putin: ein knallhart kalkulierender Machtmensch. Doch wie tickt der Kreml-Herrscher? Welche Gedankenwelt liegt seiner Rund-Um-Schlags-Rede vom Abend zu Grunde? Ein Psychogram des russischen Präsidenten. Quelle: WELT / Marian Grunden © WELT / Marian Grunden Wladimir Putin: ein knallhart kalkulierender Machtmensch. Doch wie tickt der Kreml-Herrscher? Welche Gedankenwelt liegt seiner Rund-Um-Schlags-Rede vom Abend zu Grunde? Ein Psychogram des russischen Präsidenten. Quelle: WELT / Marian Grunden

Wladimir Putins Kalkül, mit einer Teilmobilmachung die militärische Lage in der Ukraine zu seinen Gunsten zu ändern, mögen Überlegungen zugrunde liegen, die man rational nennen kann. Aber sie passen auch in ein Geschichtsbild, dessen Wirklichkeitssinn an die Visionen Adolf Hitlers im Bunker der Reichskanzlei erinnert.

Erinnern wir uns. In seiner Rede vom 22. Februar 2022, in der er die Entsendung russischer Truppen in die Ostukraine ankündigte, rechnete Putin auch mit Lenin und den Bolschewiki ab. Sie hätten im März 1918 um des Machterhalts willen den Frieden von Brest-Litowsk mit den Mittelmächten unterschrieben. Zu den Territorien, die Russland damals verlor, gehörte bekanntlich die Ukraine. Das sei ein fataler Fehler gewesen, so Putin. Längst hätten „das Deutsche Kaiserreich und seine Verbündeten sich militärisch und ökonomisch in schwierigster Lage“ befunden. Der Erste Weltkrieg sei „faktisch entschieden“ gewesen. Russland, so die Schlussfolgerung, hätte einfach nur weiterkämpfen müssen, um am Ende seinen „historischen“ Besitzstand zu sichern.

Quelle: Infografik Die Welt © Infografik Die Welt Quelle: Infografik Die Welt

Weiterkämpfen bis zum Endsieg: So fabulierte auch Hitler, als er im April 1945 vom Tod des amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt erfuhr und vom Nahen der Armee Wenck, von der er glauben wollte, sie könnte mit einigen zehntausend zusammengewürfelten Soldaten die Millionen Rotarmisten schlagen, die auf Berlin zumarschierten.

Wenn Putin seinen Untertanen jetzt einbläut, ihren Vorfahren hätte es 1917/18 nur am Durchhaltewillen gegen einen längst geschlagenen Gegner gefehlt, sagt das einiges aus über die Geschichtsbilder, in die sich der Kreml-Herr verrannt hat. Denn Anfang 1918 war keineswegs klar, dass die deutsche Großoffensive im Westen scheitern würde. Vor allem aber waren die russische Armee und ihre Heimatfront schlicht nicht mehr in der Lage, den Krieg fortzusetzen.

Schon der Sturz des Zaren am 15. März 1917 entsprang ja nicht dem Wunsch der Bevölkerung, den Krieg unter einer kompetenteren Führung fortzusetzen. Zwar hatten die Brussilow-Offensiven im Sommer 1916 an der österreichischen Front noch große Erfolge gebracht. Aber die Verluste von bis zu einer Million Toten, Verwundeten und Gefangenen, oft Desertierten hatten die Kampfkraft ruiniert. Viele erfahrene Offiziere und altgediente Kader waren gefallen. Die Nachrückenden brachten radikale Ideen aus der Heimat mit und vor allem Bilder von der katastrophalen Versorgungslage dort.

Deutsche Soldaten erreichten im Sommer 1918 den Kaukasus Quelle: picture alliance / akg images © picture alliance / akg images Deutsche Soldaten erreichten im Sommer 1918 den Kaukasus Quelle: picture alliance / akg images

„Die Soldaten widersetzten sich Anordnungen, provozierten und bedrohten Offiziere, sodass diese häufig handlungsunfähig waren, aus Angst, von den eigenen Männern umgebracht zu werden“, diagnostizierte der Russland-Spezialist Dietmar Neutatz. In großer Zahl liefen die Soldaten zu den gegnerischen Truppen über oder desertierten. Das galt auch für die Gardetruppen, dem wichtigsten Machtinstrument des Zarenstaates. Dass sie kaum noch als verlässliches Bollwerk gegen eine Revolution zu gebrauchen waren, sollte sich bald zeigen.

Nach der Abdankung Nikolaus II. versuchte die Provisorische Regierung unter Alexander Kerenski genau das, was Putin mehr als einhundert Jahre später als Rezept beschrieb. Die euphorische Stimmung nach dem Sturz des Zaren sollte zu einer Großoffensive gegen die Österreicher genutzt werden. Die USA, die inzwischen auf Seiten der Entente in den Krieg eingetreten waren, sagten Kredite zu. Auch standen erstmals schwere Geschütze in großer Zahl zur Verfügung.

Aber dann wiederholte sich, was schon 1916 die zarischen Truppen ruiniert hatte: Dank deutscher Verstärkungen hielt die österreichische Front, während die überdehnte russische Logistik zusammenbrach. Zugleich starteten die Deutschen im Norden einen Entlastungsangriff, der die russischen Linien beinahe durchbrach und ihre Stimmung zusammenbrechen ließ.

„In der Moral der Truppe, die sich noch vor Kurzem dank des heroischen Bemühens einer pflichtbewussten Minderheit zu einer Offensive mitreißen ließ, ist ein jäher und verhängnisvoller Umschwung eingetreten. Ein Großteil der Militäreinheiten befindet sich im Zustand völliger Auflösung“, heißt es in einem Bericht von der russischen Front: „Sie hören nicht mehr auf die Befehle ihrer Vorgesetzten noch auf die Ermunterung ihrer Kameraden, antworten darauf nur mit Drohungen und Schüssen.“ Damit verlor Kerenskis Provisorische Regierung auch die Machtmittel, um sich gegen die Bolschewiki wehren zu können. Deren Aufstand am 7. November 1917 wurde daher ein leichter Erfolg.

Die folgenden Waffenstillstands- und Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk hätten den russischen Kommunisten allen Grund gegeben, den Krieg fortzuführen. Denn schon die Forderungen der deutschen Delegation waren hart: Polen und große Teile des Baltikums sollten unabhängig werden. Als der sowjetische Verhandlungsführer Trotzki daraufhin die Gespräche abbrach, schloss die deutsche Führung am 8. Februar 1918 mit der inzwischen gegründeten Volksrepublik Ukraine einen separaten Friedensvertrag, den sogenannten „Brotfrieden“. Der war mit umfangreichen Getreidelieferungen verbunden.

Trotzki (2. v. l.) und weitere Mitglieder der russischen Delegation während der Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk Quelle: picture alliance / brandstaetter © picture alliance / brandstaetter Trotzki (2. v. l.) und weitere Mitglieder der russischen Delegation während der Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk Quelle: picture alliance / brandstaetter

Anschließend eröffneten die Mittelmächte mit der „Operation Faustschlag“ den Vormarsch auf breiter Front. 50 Divisionen, rund eine Million Mann, marschierten nach Osten. Nach der Besetzung der Krim erklärte sich Georgien zum deutschen Protektorat. Von dort gelangten kaiserliche Truppen näher an die Erdölfelder am Kaspischen Meer als es der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg gelang.

Nur mit der Drohung seines Rücktritts konnte Lenin im Zentralkomitee der Bolschewiki die Zustimmung zum Friedensvertrag durchsetzen. Im Gegensatz zu Bucharin und Trotzki hatte der Revolutionsführer erkannt, dass er „keine Armee mehr“ hatte. Im Vertrag, der am 3. März 1918 in Brest-Litowsk unterzeichnet wurde, musste Russland auf Polen, Litauen, Kurland sowie Teile des Kaukasus, auf Finnland und die Ukraine mit der Krim verzichten. Teile des Baltikums und Weißrusslands blieben besetzt. Insgesamt verlor Russland 1,5 Millionen Quadratkilometer mit 62 Millionen Einwohnern, rund ein Drittel der gesamten Bevölkerung, sowie den Großteil seiner Ressourcen an Industrie und Rohstoffen.

Hinzu kamen neue Gegner. Längst war die Rote Armee im Bürgerkrieg gebunden. Weiße, also antirevolutionäre Armeen sowie aufständische Nationalitäten besetzten weite Teile des Landes. Die Infrastruktur brach zusammen, Hungersnöte erschütterten weite Teile Russlands. Die Verbände, die Trotzki aus den Resten der zarischen Truppen, Roten Garden und Milizen aus dem Boden stampfte, hatten gegen die gut ausgerüsteten und kampferprobten Truppen der Mittelmächte keine Chance.

Woher also nimmt Putin die Gewissheit, Russland hätte 1918 den Krieg fortsetzen können? Die Antwort provoziert den Vergleich mit Hitler: Völliger Realitätsverlust, der sich aus einem kruden Geschichtsbild speist. Darin sind bekanntlich „Russen und Ukrainer ein Volk“ und „Erben des alten Russland, das der größte Staat in Europa war“, wie der Präsident 2021 in einem Essay auf der Website des Kreml ausführte.

In seiner Rede am 22. Februar 2022 warf Putin Lenin zudem vor, „mit Gutsherrengeste alle möglichen, immer weiter in den Himmel schießenden nationalistischen Ansprüche an den Rändern des ehemaligen Imperiums“ befriedigt zu haben. Das sei „Irrsinn“ gewesen. Zu diesem Konglomerat aus chauvinistischen und völkischen Großmacht-Attitüden passt die Vorstellung, Russland hätte 1918 nur ein wenig länger kämpfen müssen, um seinen Status zu behaupten. Hitlers Durchhalteparolen im Bunker speisten sich aus ähnlichen Quellen.

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