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Japan bereitet sich auf Angriff von Nordkorea vor

DIE WELT-Logo DIE WELT 12.08.2017

In Tokio steigt die Nervosität. Japan liegt in Reichweite der nordkoreanischen Raketen. Und es gibt Zweifel an der Wehrhaftigkeit des Landes. Doch noch demonstrieren die Japaner Gelassenheit.

Im einzigen Land auf Erden, das je Amerikas "Feuer und Zorn" mit voller Wucht erlitten hat, müsste die schiere Angst umgehen. Japans Medien verbreiten Fotos von Patriot-Raketenbatterien, die vor Kasernen der Streitkräfte installiert werden, auch im Tokioter Stadtteil Shinjuku. Regierungspolitiker wie Verteidigungsminister Itsunori Onodera bereiten rhetorisch den Verteidigungs- und Beistandsfall in kollektiver Notwehr mit den USA vor, falls Nordkorea seine Angriffsdrohung gegen Guam wahr macht. Wer würde da nicht nervös?

Für einen japanischen Politiker gehört ein bemerkenswertes Gespür für Ironie dazu, die von Donald Trump just am Jahrestag der Atombombe auf Nagasaki ausgestoßene Vernichtungsdrohung herabzukühlen auf ein "alle Optionen offenhalten". Selbst in der erzkonservativen Regierung von Premierminister Shinzo Abe muss man hoffen, dass der US-Präsident das Feuerspucken nur spielt. Aber wer weiß es.

Patriot-Systeme nach Westjapan verlegt

Es gäbe genug Grund, sich auf dem Archipel aufzuregen. Doch noch, so scheint es, bewahren die Japaner die eigentümliche Contenance, die nach der Dreifachkatastrophe von Fukushima im März 2011 staunende Bewunderung in der Welt fand.

Die äußere Ruhe ist nicht mit Passivität zu verwechseln. Es gibt Anzeichen, dass Japans "Selbstverteidigungsstreitkräfte" (die Friedensverfassung verlangt diesen Camouflage-Begriff für die drittgrößte Armee Asiens) in diesen Tagen eilig Patriot-Systeme vom Typ PAC-3 nach Westjapan verlegen. Über die Präfekturen Kochi, Hiroshima, Shimane und Ehime würde die Angriffsflugbahn der vier ballistischen Hwasong-12 für Mitte August von Pjöngjang angekündigten Raketen in Richtung Guam führen. Das Regime reichte die Wegbeschreibung gleich mit nach Tokio.

Ironischerweise ist gerade Westjapan mit Osaka und Kobe als urbanen Zentren traditionell die Wahlheimat der koreanischen Minderheit. Auf rund eine halbe Million Menschen werden die "Zainichi"-Koreaner geschätzt. Ein großer Teil, bis zu 150.000 von ihnen, gelten als stille bis glühende Kim-Dynastie-Anhänger. Sie sind vereinigt in der nordkoreanischen Organisation "Chongryon" und seit Jahrzehnten großzügig mit Treueüberweisungen in die alte Heimat in Höhe von Milliarden Euro pro Jahr.

Anders als jene "Zainichi", die sich anlässlich der Normalisierung der Beziehungen zwischen Tokio und Seoul 1965 für einen südkoreanischen Pass entschieden, führen die staatenlosen Nordkorea-Getreuen ein prekäres Leben als Geduldete. Mindestens bei der ultranationalen Rechten Japans stehen sie stets im Verdacht, für das Kim-Regime zu spionieren.

Nordkorea-Getreue im Visier

Als 1998 eine nordkoreanische Rakete Japan überflog, scheuten sich allerdings manche dieser "Nordlichter" nicht, vor japanischen Reportern ihren Stolz auf die militärischen Errungenschaften des "Lieben Führers" zu bekennen. Selbst Entführungen japanischer Bürger nach Nordkorea sollen den Beifall von manchen gefunden haben. Auf die koreanische Minderheit, zumal die Pjöngjang-treue, werden die japanischen Sicherheitsbehörden noch strenger achten als gewöhnlich.

Die meisten Japaner aber werden ratlos nach Guam schauen, eine Ferien- und Honeymoon-Insel, 2600 Kilometer Luftlinie und dreieinhalb Flugstunden südlich von Tokio, die günstige Hawaii-Variante für den Dreitageurlaub. Palmen, Strände, Edelboutiquen und strategische Bomber auf der US-Luftwaffenbasis. Auf Guam ließ es sich prima aushalten. Die Ferien-Flüge nach Guam wie nach Südkorea sind für die "Obon"-Reisezeit Mitte August längst gebucht. Das japanische Allerseelenfest mobilisiert für eine Woche das ganze Land. Allein am Freitag, den 11. August starteten vom internationalen Flughafen Tokio-Narita 58.000 Japaner in die Ferien. Von Massenstornierungen ist bisher nichts bekannt.

Warum sollten sie auch. Wenn Kim und Trump wider alle Restvernunft den Weltenbrand riskieren, ist man in Guam so fatal falsch wie in Tokio. Rund 35 Millionen Menschen leben im Großraum der japanischen Hauptstadt im 50-Kilometer-Radius. Sollte Kim möglichst viele Menschen mitnehmen wollen in die Hölle, dann lässt er seine Raketen dort einschlagen. Nach der Metropole Seoul natürlich, die mit 25 Millionen Menschen das erste Ziel wäre. Das Ganze ist so konkret und zugleich unvorstellbar, dass man hysterisch lachen möchte. Es könnte Millionen Japanern ebenso gehen.

Umstritten ist, inwieweit Japan in der Lage ist, nordkoreanische Raketen im Flug abzuschießen. Verteidigungsminister Onodera erklärte: "Japan hat die Rolle eines Schildes. Die Vereinigten Staaten haben die Rolle, mit ihrer Schlagkraft noch mehr abzuschrecken. Wir können nicht die Möglichkeit ausschließen, dass eine Schwächung der US-Schlagkraft (nach einem Angriff auf Guam) zu einer Situation führt, die Japans Existenz bedroht." Eine Beteiligung der japanischen Streitkräfte an einem Krieg zu begründen ist für einen japanischen Politiker beispiellos.

Schutz durch Raketenschild?

Wie wehrhaft ist Japan? Der Raketenschild des mehr als 3000 Kilometer langen Archipels besteht aus der ersten Stufe von SM-3 Anti-Raketen-Raketen auf Aegis-Schiffen im Japanischen Meer. Die zweite Stufe vereinigt landgestützte PAC-3-Systeme. Solche Batterien wurden 2016, als Pjöngjang angeblich einen Satelliten ins All schickte, auf den Inseln Miyako und Ishigaki vor Okinawa installiert. Was sie können, weiß niemand.

Vorbereitung auf die Gefahr aus Nordkorea: Raketen vom Typ PAC-3 Patriot werden vor dem Verteidigungsministerium in Tokio stationiert © AP Vorbereitung auf die Gefahr aus Nordkorea: Raketen vom Typ PAC-3 Patriot werden vor dem Verteidigungsministerium in Tokio stationiert

Sollte die Krise nicht in den nächsten Tagen eskalieren, werden die Außen- und Verteidigungsminister Japans und der USA am 17. August in Washington das Vorgehen der Sicherheits-Vertragspartner abstimmen. Wenn Kim Jong-un Ernst machen will mit seinem obszönen Angriffsplan, böte sich der Tag als mediales Doppelereignis an. Hier die Potenzgebärde des Diktators, dort die um Worte und Aktionen verlegenen Minister der impotenten Demokratien. Das würde ihm gefallen.

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