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Jetzt läuft alles auf Baerbock zu

WELT-Logo WELT 07.04.2021 Claus Christian Malzahn
Kurs aufs Kanzleramt: Habeck galt im Duo über lange Zeit als heimlicher Favorit. Doch jetzt dreht sich die Stimmung zugunsten Baerbocks Quelle: Getty Images, Marlene Gawrisch/WELT, Bildagentur-online/Universal Ima ;Montage: Infografik WELT © Getty Images, Marlene Gawrisch/WELT, Bildagentur-online/Universal Ima ;Montage: Infografik WELT Kurs aufs Kanzleramt: Habeck galt im Duo über lange Zeit als heimlicher Favorit. Doch jetzt dreht sich die Stimmung zugunsten Baerbocks Quelle: Getty Images, Marlene Gawrisch/WELT, Bildagentur-online/Universal Ima ;Montage: Infografik WELT

Der Termin steht fest. Am 19. April wollen Annalena Baerbock und Robert Habeck bekannt geben, wer von ihnen als „Kanzlerkandidat“ ins Bundestagsrennen geht. Der Termin hätte nach bisheriger grüner Zeitplanung auch später ausfallen können. Das bisherige Partei-Wording in dieser Frage lautete: Die Entscheidung werde bekannt gegeben, „wenn die Bäume wieder grün sind, irgendwann zwischen Ostern und Pfingsten“.

Entscheidend war in dieser Woche aber nicht, ob im Berliner Tiergarten inzwischen wieder Blätter an den Bäumen sprießen. Dass die Grünen die K-Frage eher früher als später klären wollen, hat vor allem mit der unklaren K-Lage und den sinkenden Umfragewerten bei der Union zu tun. Die Grünen wollen mit der Ankündigung ihrer Kandidatenkür vor allem ein Signal senden: Die Union streitet mit der Union um Platz 1, wir Grüne klären das ganz harmonisch im engsten Kreis der Familie. In CDU und CSU breiten sich Nervosität und Hektik aus, wir Grüne bleiben stabil.

Aber ist das wirklich so? Fragt man Grünen-Parteifunktionäre und Abgeordnete nach ihren Präferenzen in der K-Frage, wird man dieser Tage mit Wortstanzen abgespeist. Beide seien jeweils die beste Wahl, heißt es allerorten. „Ich freue mich auf den 19. April. Das wird richtig gut“, twittert etwa Dieter Janecek, industriepolitischer Sprecher der Grünen im Bundestag.

„Wie die beiden entscheiden, wird es richtig sein“, sagt die stellvertretende Bundestagsfraktionschefin Agnieszka Brugger auf WELT-Anfrage. Drastischer formuliert es da schon rheinland-pfälzische Bundestagsabgeordnete Tobias Lindner: „Sie glauben doch nicht ernsthaft“, schreibt Lindner, „dass ich mich als Grüner auf das Niveau dieser CDU/CSU-Chaostruppe herunterlasse und mit Personalpräferenzen vorpresche?“

Auch in den Bundesländern mag zumindest offiziell niemand seine Präferenz für den künftigen Frontmann beziehungsweise die künftige Frontfrau verkünden. „Wir haben“, so – eine für alle – die niedersächsische Landtagsfraktionschefin Julia Willie Hamburg, „anders als andere Parteien zwei KandidatInnen, über deren Kandidatur sich die ganze Partei freut und hinter denen wir stehen.“ Die Partei sei „geschlossen wie nie, und das bildet sich auch in der Frage um die Kanzlerkandidatur ab“.

Selten wurde bei den Grünen mit so vielen Äußerungen so wenig gesagt. „Ganz gleich, auf wen die Entscheidung fällt, es wird eine gute Entscheidung sein“, erklären die hessischen Landesvorsitzenden Sigrid Erfurth und Philip Krämer.

Die Entscheidung ist schon gefallen

Aus dem Landesverband Rheinland-Pfalz verlautet: „Wir haben hier zwei außerordentlich geeignete Kandidaten.“ Der Fraktionschef der Grünen im Landtag von Baden-Württemberg, Andreas Schwarz, sagt WELT: „Sowohl Annalena Baerbock als auch Robert Habeck wird das Bundeskanzleramt zugetraut, und dies nicht nur von der eigenen Partei, sondern auch von der politischen Konkurrenz. Besser kann die Ausgangslage nicht sein.“ Humor beweist immerhin der grüne Europaabgeordnete Reinhard Bütikofer: „Als Kanzlerkandidatin finde ich Annalena Baerbock besser, als Kanzlerkandidaten Robert Habeck.“

Zu einem klaren Bekenntnis (für Habeck) konnte sich bisher nur der grüne Veteran Daniel-Cohn Bendit durchringen, der mit dem Politikwissenschaftler Claus Leggewie gerade einen entsprechenden Aufsatz in der „Zeit“ veröffentlicht hat. Angesichts der komplexen Herausforderungen, vor denen das Land stehe, aber auch angesichts seiner weit über das grüne Lager hinausreichenden Integrationskraft, sei Habeck „der bessere Kanzlerkandidat der Grünen“.

Doch dazu wird es wohl nicht kommen.

Nach WELT-Informationen wird aller Voraussicht nach nicht der integrierende, parteifremde Argumente berücksichtigende Habeck, sondern die auf Konfrontation mit dem politischen Gegner drängende Annalena Baerbock die Grünen als Kanzlerkandidatin in die Bundestagswahl führen. Die 40-jährige Baerbock sei, so hieß es am Mittwoch hinter den grünen Kulissen, innerhalb der Partei, aber auch in der Wirtschaft und bei den Gewerkschaften deutlich besser vernetzt, inhaltlich sattelfest und „auch unter Hochdruck dazu in der Lage, Entscheidungen zu fällen“.

Hinzu komme, dass es innerhalb der grünen Partei nur sehr schwer zu vermitteln wäre, wenn von zwei allseits als geeignet angesehenen Kandidaten der Mann den Vorzug vor der Frau bekäme. Bei den in der Feminismus-Bewegung der 80er-Jahre wurzelnden Grünen haben die Frauen bei Kandidatenaufstellungen traditionell das erste Zugriffsrecht auf den Listenplatz eins.

Eine Nominierung Habecks, so befürchten Parteistrategen, könne die in den vergangenen Monaten und Jahren so sorgsam gepflegte Geschlossenheit der Partei gefährden.

Und Geschlossenheit ist das grüne Gebot der Stunde. Sie wird im Superwahljahr bei jeder sich bietenden Gelegenheit betont, bisher läuft es ja auch formidabel. In Baden-Württemberg hat Winfried Kretschmann gerade einen historischen Wahlsieg errungen, in Rheinland-Pfalz sind die Grünen wieder in der Regierung, bei der nächsten Landtagswahl am 6. Juni in Sachsen-Anhalt könnte die Partei ihr Ergebnis dort verdoppeln und zweistellig werden.

Dass die Entscheidung von Baerbock und Habeck am 19. April von beiden „einvernehmlich“ verkündet werden wird, kann man tatsächlich heute schon annehmen. Dass sie vorher auch einvernehmlich getroffen wird, ist freilich ein ganz anderes Thema. Ein Verzicht wäre „ein kleiner Stich ins Herz“, bekannte Baerbock kürzlich im Interview mit dem „Spiegel“.

Seit Langem steht fest: Wenn Annalena Baerbock will, hat sie das Recht auf den ersten Zugriff. Das hat etwas mit der grünen Partei-Arithmetik zu tun, mit der Quoten-Geschichte der Grünen. Es hat aber in diesem konkreten Fall auch sehr viel mit Annalena Baerbock zu tun.

Als Robert Habeck als Parteivorsitzender antrat, um Cem Özdemir zu beerben, war von einer Co-Vorsitzendenden Baerbock zunächst keine Rede. Habeck hatte sich um die ehemalige Fraktionschefin der Grünen aus Niedersachsen, Anja Piel, bemüht. Die gehörte zum linken Parteiflügel, Habeck zu den Realos, soweit war alles im traditionell grünen Lot.

Dann warf Baerbock ihren Hut in den Ring, auf eigene Gefahr und auf eigene Rechnung. Sie gewann und warf damit auch die bisherige Politstruktur in der grünen Führung über den Haufen. Die harmonische Geschichte des grünen „Traumpaars“, wie die beiden von vielen Medien immer wieder tituliert wurden, begann also in Wahrheit mit einem Bruch.

Habeck galt im Duo über lange Zeit als heimlicher Favorit. Der „Stern“ feierte ihn 2019 sogar mit einem Kanzler-Titelblatt, in den Umfragen lag er lange vor der Co-Chefin Baerbock. Doch inzwischen liegt Baerbock in den Popularitätskurven fast gleichauf. Fernsehauftritte und Interviews legt sie souverän hin, erst kürzlich in einem ARD-Brennpunkt zu Corona-Krise; gleich nach der Kanzlerin.

Das führte in jüngster Zeit zu der Frage, ob Baerbock eigentlich noch Nein sagen kann.

Wichtig sei jetzt, welche „Erzählung“ man mit der jeweiligen Kandidatur verbinde, heißt es dazu in der Partei. Ein Kanzlerkandidat Habeck würde weit über die Partei hinausstrahlen, heißt es da. Kolportiert wird in grünen Kreisen gerade die Bemerkung, Baerbock sei ein Ergebnis „um die 18 Prozent“ zuzutrauen. Habeck könnte dagegen „zwischen 15 und 25 Prozent“ einfahren. Soll heißen: Baerbock gilt als stabilere Kandidatin. Habeck, der in Interviews mal schwächelt, mal geistreich ist, sei ein Risikokandidat, mit Ausbrüche nach oben und unten.

Eine Kanzlerkandidatin Baerbock würde gegen zwei männliche Konkurrenten aus Union und SPD antreten, nach 16 Jahren Merkelismus schon für sich genommen ein starkes Argument.

Eine Entscheidung für Annalena Baerbock dürfte in der Partei auf hohe Zustimmung stoßen – und vom Berliner Pressechor zunächst wohlwollend begleitet werden. Ihre internen Chancen sind zurzeit schlicht besser als die von Habeck, dem allerdings umso größere Ambitionen auf den Spitzenplatz nachgesagt werden.

Dass er nur als Nummer Zwei ins Rennen geht, würde „der Robert“ bei aller eingepreisten Harmonie erst mal verdauen müssen“, heißt es in der Partei. Gleichzeitig wird betont, der Prozess laufe bisher „fair und gesittet“, das sei in der Vergangenheit nicht selbstverständlich gewesen. Auch die Person, die zurückziehe, werde weiterhin großen Einfluss haben.

Ob nach dem 26. September aber tatsächlich eine Grüne ins Kanzleramt einziehen wird, ist freilich eine Frage, die nicht von Parteistrategen, sondern den Wählerinnen und Wählern entschieden wird. Bis zum Frühjahr liefen die internen Machtplanungen – wer bekommt welches Ministerium – weitgehend über eine schwarz-grüne Schablone.

Auch Baerbock und Habeck hielten es zum Jahreswechsel noch für hochwahrscheinlich, dass die Union am 26. September stärkste Partei wird und man sich als Juniorpartner in eine Koalition fügen müsse, wenn auch mit deutlich besserem Ergebnis als 2017 (8,9 Prozent). Man trete als „Underdog“ im Kanzlerrennen an, hieß es deshalb immer wieder.

Das aber ändert sich gerade. Die Krise der Union sorgt für Oberwasser bei den Grünen, Ampelträume breiten sich aus – mit einem grünen Kanzleramt. Wenn die Partei nun auch noch am 6. Juni in Sachsen-Anhalt ein zweistelliges Ergebnis einfahren würde, wäre man wieder einen Schritt weiter. Aber – würde, hätte, könnte: Bis zur Wahl sind es noch fast sechs Monate.

Die ersten drei Monate im Superwahljahr zeigen, wie schnell die Politik ins Rutschen kommen kann. Fest steht auch: Sollte Baerbock antreten, wäre das Ergebnis vom 26. September ihr Ergebnis. Sie ginge ins Risiko. Sieg oder Niederlage kann man nicht quotieren.

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