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Jetzt spricht Russland von „Schwierigkeiten“ in der Ukraine

WELT-Logo WELT 18.05.2022 Leonhard Landes
Einen exklusiven Einblick in das ukrainische Kriegsgeschehen hat WELT-Reporter Alfred Hackensberger vor Ort bekommen. Er war unterwegs in der Region Charkiw und begleitete den zuständigen Brigadegeneral Serhii Melnik. Seine Einheiten konnten wichtige Erfolge gegen die russische Armee verbuchen. Quelle: WELT / Christoph Hipp, Alfred Hackensberger © WELT / Christoph Hipp, Alfred Hackensberger Einen exklusiven Einblick in das ukrainische Kriegsgeschehen hat WELT-Reporter Alfred Hackensberger vor Ort bekommen. Er war unterwegs in der Region Charkiw und begleitete den zuständigen Brigadegeneral Serhii Melnik. Seine Einheiten konnten wichtige Erfolge gegen die russische Armee verbuchen. Quelle: WELT / Christoph Hipp, Alfred Hackensberger

Russland hat in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine Schwierigkeiten und Fehler zugegeben, aber eine Fortsetzung der Kämpfe angekündigt. „Trotz aller Schwierigkeiten wird die militärische Spezialoperation bis zum Ende fortgeführt“, sagte der stellvertretende Sekretär des nationalen Sicherheitsrates, Raschid Nurgalijew, am Mittwoch. Trotz der Waffenlieferungen des Westens an die Ukraine laufe die Operation weiter. Es würden alle „Aufgaben – darunter die Entmilitarisierung und die Entnazifizierung sowie der Schutz der Donezker und Luhansker Volksrepubliken – komplett umgesetzt“, sagte der frühere Innenminister. Der Kreml nennt den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg nicht Krieg, sondern eine „militärische Spezialoperation“.

Der Chef der russischen Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus, Ramsan Kadyrow, sprach sogar von „Fehlern“ zum Start des am 24. Februar begonnen Krieges. „Am Anfang gab es Fehler, einige Unzulänglichkeiten gab es, aber jetzt läuft alles hundertprozentig nach Plan“, sagte Kadyrow auf einem politischen Forum. Die von Präsident Wladimir Putin gestellten Aufgaben würden in vollem Umfang erfüllt.

Kadyrows Truppen kämpfen demnach in den ostukrainischen Regionen Luhansk und Donezk. Er sagte, dass sich rund 200 weitere Freiwillige für den Einsatz in der Ukraine gemeldet hätten. Die tschetschenischen Kämpfer, die etwa auch in Syrien im Einsatz waren, sind berüchtigt für ihre Brutalität.

Der als Diktator verschriene Kadyrow kritisierte angesichts der westlichen Waffenlieferungen auch die Politik der Zeitenwende von Bundeskanzler Olaf Scholz, der „sich aufführt wie ein Schizophrener“ und nicht wie ein „Staatenlenker“. Am Vortag hatte bei derselben Veranstaltung Russlands Außenminister Sergej Lawrow Deutschland vorgeworfen, unter dem Einfluss der USA zu stehen. „Nachdem die aktuelle Regierung Deutschlands an die Macht kam, hat sie ihre letzten Anzeichen der Selbstständigkeit verloren“, sagte er.

London: Russische Truppen weiterhin mit Problemen

Die russischen Streitkräfte haben britischen Erkenntnissen zufolge bei ihrem Krieg gegen die Ukraine erhebliche Probleme beim Nachschub und der Truppenverstärkung. So müsse Russland viele Hilfstruppen einsetzen, um den ukrainischen Widerstand zu brechen, darunter Tausende Kämpfer aus der autonomen Teilrepublik Tschetschenien, teilte das Verteidigungsministerium in London am Mittwoch mit.

„Der Kampfeinsatz so unterschiedlichen Personals zeigt die erheblichen Ressourcenprobleme Russlands in der Ukraine und trägt wahrscheinlich zu einem uneinheitlichen Kommando bei, das die russischen Operationen weiterhin behindert.“

Obwohl russische Truppen die Hafenstadt Mariupol mehr als zehn Wochen eingekreist hatten, habe heftiger ukrainischer Widerstand eine vollständige russische Kontrolle verhindert. Dies habe zu Frust und hohen Verlusten der russischen Streitkräfte geführt, hieß es unter Berufung auf Geheimdienstinformationen.

Die tschetschenischen Kräfte würden vornehmlich um die umkämpfte Hafenstadt Mariupol sowie im ostukrainischen Gebiet Luhansk eingesetzt. Sie bestünden wahrscheinlich sowohl aus Freiwilligen als auch aus Einheiten der Nationalgarde, die ansonsten zum Schutz der Herrschaft von Machthaber Ramsan Kadyrow dienen.

Moskau teilte am Mittwoch mit, dass sich in den vergangenen 24 Stunden 694 Kämpfer aus dem Stahlwerk Azovstal ergeben hätten, unter ihnen 29 Verletzte. Insgesamt hätten sich seit Montag somit 959 ukrainische Soldaten auf dem Werksgelände in Mariupol ergeben, darunter 80 Verletzte.

Das russische Verteidigungsministerium verbreitete am Mittwoch dieses Foto, dass zeigen soll, wie prorussische Kämpfer ukrainische Soldaten nach ihrer Aufgabe kontrollieren Quelle: via REUTERS © via REUTERS Das russische Verteidigungsministerium verbreitete am Mittwoch dieses Foto, dass zeigen soll, wie prorussische Kämpfer ukrainische Soldaten nach ihrer Aufgabe kontrollieren Quelle: via REUTERS

Soldaten, die medizinische Behandlung benötigten, seien in ein Krankenhaus in Nowoasowsk gebracht worden, hieß es in der Mitteilung weiter. Die Stadt liegt in russisch kontrolliertem Gebiet. Kiew hofft auf einen Gefangenenaustausch der Soldaten aus Mariupol mit Russland. Moskau hat sich bislang aber noch nicht dazu geäußert.

Die Nachrichtenagentur Tass zitierte Duma-Chef Wjatscheslaw Wolodin mit den Worten, dass Nazi-Kriminelle nicht ausgetauscht werden sollten. Noch schärfer äußerte sich ein russischer Unterhändler. Russland sollte für die Kämpfer die Todesstrafe in Erwägung ziehen, sagte Leonid Slutski, der für Moskau mit der Ukraine verhandelt. Russland wirft der Ukraine vor, mit dem Regiment Rechtsextreme als Teil ihrer Armee zu dulden. Tatsächlich war die Truppe bekannt dafür, diese in ihren Reihen gehabt zu haben.

Experten gehen jedoch davon aus, dass sich das in den vergangenen Jahren geändert hat. Das Regiment war maßgeblich an der Verteidigung der Hafenstadt Mariupol beteiligt. Die ukrainische Vize-Verteidigungsministerin Hanna Maljar nannte die Äußerungen Wolodins über vermeintliche „Kriminelle“ ein politisches Statement, „konzipiert als interne Propaganda, (mit Blick auf) interne politische Prozesse in der Russischen Föderation.“ Nach Aussagen der stellvertretenden ukrainischen Regierungschefin Iryna Wereschtschuk geht es bei einem bereits angestrebten Gefangenenaustausch zunächst nur um die „schwer verletzten Soldaten“. Moskau äußerte sich dazu nicht direkt.

Angehörige fürchten um das Leben der Kämpfer

In einem Interview mit der italienischen Tageszeitung „La Repubblica“ äußerte sich die Schwester eines Kommandanten des Asow-Regiments. Sie kritisierte dabei den Westen für seine Haltung gegenüber den Kämpfern in Mariupol. „Ich kann nicht zufrieden sein, wenn große Länder wie die Vereinigten Staaten und Großbritannien, die uns mit dem Budapester Memorandum von 1994, in dem die Ukraine zustimmte, alle ihre Atomwaffen an die Russische Föderation zu übergeben, Schutz zugesichert hatten, nicht mehr tun konnten, um Menschen wie meinen Bruder zu retten, die in Mariupol das Unmögliche möglich machten“, sagte Sandra Krotewytsch. „Allerdings bin ich froh über die Hilfe und die Waffen, die sie uns zur Verfügung stellen.“

Sie fürchte um das Leben ihres Bruders Bogdan. „Ich habe keine Garantie, dass er nicht von dem Staat getötet oder gefoltert wird, der, wie wir gesehen haben, unser Volk tötet“, sagte Krotewytsch. „Ich hoffe, dass andere Staaten die ukrainische Regierung dabei unterstützen werden, Druck auf Putin auszuüben, damit er sie im Rahmen eines Gefangenenaustauschs nach Hause zurückkehren lässt, wie er es versprochen hat.“

Ehefrauen und Mütter der Verteidiger von Mariupol forderten vor den Botschaften der Türkei und Chinas in Kiew um Hilfe bei der Rettung der Männer Quelle: AP/Efrem Lukatsky © AP/Efrem Lukatsky Ehefrauen und Mütter der Verteidiger von Mariupol forderten vor den Botschaften der Türkei und Chinas in Kiew um Hilfe bei der Rettung der Männer Quelle: AP/Efrem Lukatsky

Sie fügte hinzu: „Bogdan und seine Kameraden haben nicht nur Mariupol verteidigt, sondern die gesamte Ukraine und die Welt. Dreitausend von ihnen hielten zwanzigtausend Eindringlinge auf, die über alle Arten von Waffen verfügten, von Flugzeugen bis hin zu Schiffen.“

Russland wechselt „bei Bedarf in den Defensivmodus“

Russland konzentriert seinen Angriffskrieg unterdessen immer stärker auf den Süden und den Osten der Ukraine. Dem ukrainischen Verteidigungsminister Oleksij Resnikow zufolge graben sich die Streitkräfte Russlands in diesen Gebieten derzeit ein. „Russland bereitet sich auf eine längerfristige Militäroperation vor“, sagte er vor den Verteidigungsministern der Europäischen Union (EU) und Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Demnach verstärken die russischen Truppen derzeit ihre Positionen in den von ihnen besetzten Gebieten in den Regionen Saporischschja und Cherson, um „bei Bedarf in den Defensivmodus zu wechseln“.

Resnikow bekräftigte, dass Moskau „einen Landkorridor zwischen Russland und der Krim“ schaffen und „den gesamten Süden der Ukraine“ besetzen wolle. Russland hatte die Krim-Halbinsel 2014 annektiert. Der Minister forderte die westlichen Verbündeten zu mehr Koordination bei den Waffenlieferungen an Kiew auf, „um unsere Gebiete so schnell wie möglich zu befreien“. Derzeit konzentrierten sich die Hauptbemühungen des Kremls darauf, die ukrainischen Streitkräfte in den Regionen Donezk und Luhansk im Osten des Landes „einzukreisen und zu zerstören“, fuhr er fort. Dort setzten sie ihre Offensiven „entlang der gesamten Kontaktlinie“ fort.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Immer klarer wird, dass Russland entschlossen ist, das besetzte Gebiet Cherson in der Südukraine an sich zu binden. Die Region um die Hafenstadt werde einen „würdigen Platz in unserer russischen Familie“ einnehmen, sagte Russlands Vize-Regierungschef Marat Chusnullin bei einem Besuch in Cherson. Man werde künftig zusammen leben und arbeiten, zitierte ihn die russische Agentur Ria Novosti.

Russland führte in der Region zum 1. Mai bereits den russischen Rubel als offizielles Zahlungsmittel ein. Der Vizechef der prorussischen Verwaltung von Cherson, Kirill Stremoussow, brachte vor einigen Tagen ein formelles Beitrittsgesuch an Kremlchef Wladimir Putin ins Gespräch. Den Verzicht auf ein zuvor erwogenes Referendum begründete er damit, dass ein solcher Volksentscheid auf der von Russland 2014 annektierten Halbinsel Krim international nicht anerkannt wurde. Die ukrainische Regierung zeigt sich dagegen überzeugt, dass eine Russifizierung des Gebiets Cherson scheitern werde.

In Melitopol sollen ukrainische Guerillakämpfer mehrere ranghohe russische Offiziere getötet haben. Die russischen Truppen hätten am Dienstag die Kontrollen von Privatautos verschärft, um offenbar die verantwortlichen Kämpfer aufzuspüren, teilte die Regionalverwaltung der südukrainischen Stadt auf Telegram mit.

Quelle: Infografik WELT/Jörn Baumgarten © Infografik WELT/Jörn Baumgarten Quelle: Infografik WELT/Jörn Baumgarten

Zugleich versuchten die russischen Besatzer, die Tötung ihrer Offiziere geheim zuhalten. Details über das angebliche Vorgehen der Guerillakämpfer wurden zunächst nicht genannt, die Mitteilung konnte auch nicht unabhängig bestätigt werden. Schon zu Beginn des russischen Angriffskriegs war Melitopol besetzt worden. Wiederholt meldet die Ukraine, dass viele russische Generäle und andere Offiziere gefallen seien. Einige dieser Tötungen sind von Russland bestätigt worden.

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