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Kardinal missbrauchte Kinder – und niemand soll es erfahren

WELT-Logo WELT 16.12.2018
Kardinal George Pell wurde des Kindesmissbrauchs schuldig gesprochen © AFP/WILLIAM WEST Kardinal George Pell wurde des Kindesmissbrauchs schuldig gesprochen

George Pell, die Nummer 3 im Vatikan, ist der bislang ranghöchste katholische Geistliche, der wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde. Australische Medien dürfen wegen einer Nachrichtensperre nicht darüber berichten. Der Schuldspruch ist trotzdem in der Welt.

Er galt als Nummer Drei im Vatikan und gehörte noch bis Mitte der Woche zum Beratungsgremium des Papstes: Der 77-jährige Kardinal George Pell aus Australien. Jetzt wurde Pell als bislang ranghöchster katholischer Geistlicher vor einem australischen Gericht des Kindesmissbrauchs schuldig gesprochen. Darüber berichten "Katholisch.de" und "Vatican Insider". Das Strafmaß soll am 4. Februar 2019 verkündet werden.

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Das Urteil allein wäre schon ein großer Aufreger. Doch alle Medien, die in Australien zugänglich sind, dürfen darüber nicht berichten. Das Gericht entschied sich für eine Nachrichtensperre.

Dieses Instrument, die sogenannte "Suppression Order", kann in Australien ausgesprochen werden, um die Geschworenen vor Beeinflussung zu schützen. Und da Pell noch ein zweiter Prozess bevorsteht, bleibt die Nachrichtensperre vorerst bestehen. Medien, die sich daran nicht halten und in Australien digital oder gedruckt konsumierbar sind, drohen hohe Geld- oder sogar Gefängnisstrafen.

Australische Medien reagierten auf ihre Art auf das Berichtverbot: "The Daily Telegraph" aus Sydney verrätselte das Urteil: "Es ist die größte Geschichte der Nation", hieß es auf der Titelseite. Es gehe um ein "schreckliches Verbrechen" und die Person "ist schuldig".

Die "Herald Sun" druckte in Großbuchstaben auf der Titelseite "Zensiert". Jeder wisse, worum es gehe, die Zeitung dürfe aber nicht berichten, hieß es dort weiter.

Deutschsprachige Medien gehen unterschiedlich mit dem in Australien verhängten Maulkorb um. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtete in der gedruckten Ausgabe über das Urteil, auf dem Online-Nachrichtenportal der Zeitung hieß es: "Um was es in dem auch über Australien hinaus bedeutsamen Prozess genau geht, können SZ-Leser aus diesen Gründen nur in der gedruckten Ausgabe erfahren."

"Pressefreiheit"

In Deutschland berichteten online neben "Katholisch.de" zum Beispiel die "Bild" und der Deutschlandfunk (DLF) über das Urteil, nannten dabei auch Pells Namen. "Katholisch.de"-Redaktionsleiter Björn Odendahl erklärte gegenüber "Meedia" sein Vorgehen mit dem Wort "Pressefreiheit". Er und seine Kollegen sähen nicht ein, warum sie sich nach dem Schuldspruch an australisches Recht halten sollten. "Danach haben wir das Informationsrecht der Bürger in Deutschland endgültig als wichtiger bewertet."

DLF-Nachrichtenchef Marco Bertolaso argumentiert ähnlich: Das Thema sei weltweit bedeutsam. Auch für die deutsche Gesellschaft, hierzulande habe es schließlich auch viele Opfer von Missbrauch durch Priester gegeben. Und: "Wir senden und informieren im Netz für ein deutsches Publikum, jedenfalls für ein deutschsprachiges. Wir erkennen nicht, wie unsere Nachrichten Geschworene in Australien beeinflussen könnten." Auch WELT entschied sich aus denselben Erwägungen für die Berichterstattung.

Auch in der Schweiz gibt es unterschiedliche Herangehensweisen an die Problematik. Die "Neue Zürcher Zeitung" nennt Pell namentlich und berichtet über das Urteil.

Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hingegen schreibt nur von einem "katholischen Kardinal" und lässt dann in einem Interview seinen Australien-Korrespondenten über die Hintergründe berichten. Auch er nennt allerdings weder Pell noch das konkrete Urteil. Ihm würden sonst bis zu fünf Jahre Gefängnis drohen, sagt er. Und weiter: "Es ist für alle Journalisten in Australien schwierig, auf dieser Story zu sitzen und nicht darüber berichten zu dürfen. Schließlich handelt es sich dabei um eine der größten Geschichten des Jahres."

Der Papst wusste offenbar trotz der Nachrichtensperre schnell Bescheid. Am Mittwoch, nur einen Tag nachdem das Urteil gefallen war, teilte der Vatikan mit, der hochrangige Kirchenmann Pell zähle nicht mehr zum Kreis der bisher neun beratenden Kardinäle von Franziskus. Der Papst habe sich Ende Oktober schriftlich bei Pell und zwei weiteren Kardinälen, die dem Rat künftig nicht mehr angehören werden, für deren Arbeit bedankt, so Papstsprecher Greg Burke. Als Grund führte er unter anderem "fortgeschrittenes Alter" an.

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