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Kommentar zur Fußball-WM: Für Deutschland steht mehr als der Pokal auf dem Spiel

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 14.06.2018 berliner-zeitung
Der WM-Pokal.: dpa © dpa dpa

Als Angela Merkel jüngst zu einem Treffen mit Wladimir Putin nach Sotschi gereist ist, hat der russische Präsident sie mit einem großen Blumenstrauß empfangen. Was für eine ungewöhnliche, charmante Geste unter Politikern. Wenn man die Begleitumstände nicht kennen würde, könnte man von den Bildern auf ein ungetrübtes Verhältnis zwischen den beiden und ihren Ländern schließen. Doch jeder weiß, dass dem nicht so ist. Die Annexion der Krim durch Russland und der unerklärte Krieg in der Ostukraine überlagern die Beziehungen und haben eine Atmosphäre des Kalten Krieges nach Europa zurückgebracht.

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Da erscheint die am Donnerstag beginnende Fußballweltmeisterschaft wie ein Glücksfall. Denn so sehr das Turnier von manchen politisch instrumentalisiert werden mag, es bringt doch für vier Wochen eine neue Dimension in die Verhältnisse mit Russland. Es erlaubt einen anderen, vielleicht entspannteren Blick auf dieses große, widersprüchliche Land, das auf so besondere Weise mit Deutschland verbunden ist.

Es ist interessant, dass seit Konrad Adenauers Zeiten mit seiner legendären Reise zu Nikita Chruschtschow 1955, die zur Heimkehr aller deutschen Kriegsgefangenen führte, fast jeder Bundeskanzler sehr spezielle Beziehungen mit seinen jeweiligen Partnern oder Gegenspielern in Moskau gepflegt hat. Willy Brandt und Leonid Breschnew entdeckten sich als Seelenverwandte und leiteten eine lange Phase der Entspannung ein. Helmut Kohl und Michail Gorbatschow fassten so viel Vertrauen zueinander, dass sie den friedlichen Weg zur deutschen Einheit ebnen konnten.

Das Gegenteil ist angebracht

Gerhard Schröder und Wladimir Putin wurden über ihre politischen Kontakte sogar zu persönlichen Freunden. Und auch Angela Merkel pflegt bei aller Distanz letztlich doch einen vertrauensvollen Dialog mit Putin, als einzige westliche Regierungschefin. Sie sind mittlerweile die am längsten amtierenden politischen Führer Europas und wissen einander sehr genau einzuschätzen.

Als Anne Will die Kanzlerin am vergangenen Sonntag in ihrem Interview fragte, ob sie anlässlich der Fußball-WM nach Russland fahren werde, lautete die Antwort: „Kann gut sein.“ Es komme nur drauf an, dass ihre sonstigen zahlreichen Verpflichtungen dies zuließen. Prinzipiell sage sie jedoch „ein klares Ja“. Das war zugleich ein klares Nein zu den von der britischen Premierministerin Theresa May ausgehenden Bemühungen, „Putins Weltmeisterschaft“, wie sie im Westen gern abwertend genannt wird, politisch zu boykottieren.

Doch das Gegenteil ist angebracht. Es ist klug, einerseits dem Fußball seinen Lauf und vielen Millionen Anhängern in aller Welt ihren Spaß daran zu lassen. Und anderseits die Gelegenheit zu politischen Gesprächen am Rande der Spiele zu nutzen, die offenere Atmosphäre, die solche Anlässe bieten. Die krisenhafte Zuspitzung in vielen Teilen der Welt und auch der Verlust gewohnter Gesprächsstrukturen erzwingen das geradezu. US-Präsident Donald Trump wird jedenfalls nicht stören, die Mannschaft seines Landes hat sich für die WM nicht qualifiziert.

Putin, Trump und der Weltfriede

Mit ihrer Hinwendung zu Russland folgten die Kanzler einem offenbar tief im Herzen vieler Deutscher verankerten Bedürfnis nach Freundschaft mit den Russen. Das reicht weit zurück, doch war die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges, in dem Millionen deutscher Soldaten erleben mussten, welches Grauen ihre Armee über die Völker der Sowjetunion gebracht hat, noch einmal neu prägend. Heute gibt es ein weit verbreitetes Unbehagen über den oft feindseligen Umgang mit Russland. Das ist ein Hinweis darauf, wie stark die Sympathien für den einstigen Gegner gewachsen sind; obwohl er nach dem Krieg im Westen als Reich des Bösen politisch bekämpft wurde und die Geschicke der Deutschen in der DDR noch lange fest im Griff hatte.

Gerade die Ostdeutschen aber haben womöglich nach Jahrzehnten verordneter Russenfreundschaft ein feineres Gespür dafür, wenn nun das Gegenteil angesagt ist. Neuere Umfragen, auch unter dem Eindruck der Entwicklungen in den USA, zeigen jedenfalls erstaunliche Werte: 94 Prozent der Deutschen halten gute Beziehungen zu Russland für wichtig, 83 Prozent haben keine Angst vor der Großmacht im Osten. Nur 13 Prozent finden, dass Putin den Weltfrieden gefährde – im Unterschied zu Donald Trump, von dem das 79 Prozent glauben.

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