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Militärmanöver Wostok-2018: Heute ist Russland der kleine Bruder

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 13.09.2018 Steffen Richter

© Reuters

Chinas Teilnahme am russischen Großmanöver Wostok-2018 zeigt die neue Nähe der beiden Länder. Befördert hat Donald Trump diese Partnerschaft, aber sie hat Grenzen.

So etwas hatte es noch nicht einmal zu Zeiten der riesigen Sowjetunion gegeben, als die kommunistische UdSSR noch der große Feind des Westens war: ein russisches Manöver mit 300.000 Soldaten, 36.000 Panzern und Militärfahrzeugen, mehr als 1.000 Flugzeugen und Hubschraubern, 80 Marineschiffen. Es findet gerade im fernen Osten Russlands statt, 5.000 Kilometer östlich der Hauptstadt Moskau. Wostok-2018 (Osten-2018) heißt es und soll natürlich die militärische Kraft des Putin-Staates demonstrieren. Zum Vergleich: Im Herbst wird die Nato in Norwegen ihr größtes Manöver seit 1989 mit gerade einmal 40.000 Soldaten abhalten. Anfang September gab es zuletzt ein Nato-Manöver in der westlichen Ukraine, an dem 2.200 Soldaten aus der Ukraine, den USA und anderen Nato-Staaten teilnahmen.

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Die Nato-Führung hat wie zu erwarten angekündigt, das Manöver der Russen zu beobachten, auch wenn es diesmal nicht nahe der Bündnisgrenzen stattfindet wie noch 2017. Seit einigen Jahren schon hat Russlands Militär die Frequenz größerer Übungen erhöht. Im vergangenen Jahr hielt es gemeinsam mit Belarus das Manöver Sapad 2017 im europäischen Teil des Landes ab. Nach eigenen Angaben waren daran rund 12.700 Soldaten beteiligt, nach Einschätzung der Ukraine und der baltischen Staaten war die Zahl jedoch weit höher. Für die Nato zeige Wostok-2018, dass Moskau den Schwerpunkt auf das "Einüben von Großkonflikten" lege, erklärte der Sprecher der westlichen Militärallianz, Dylan White.

Auch in Nordostasien wird das Manöver aufmerksam beobachtet, dort sind Japan und Südkorea Amerikas wichtige Verbündete, und die US-Marine ist auch im Westpazifik unterwegs. Das Besondere an Wostok-2018 ist aber eigentlich nicht seine Größe, sondern vielmehr die Tatsache, dass erstmals Einheiten der Volksrepublik China daran teilnehmen. Die Volksbefreiungsarmee hat mehr als 3.000 Soldaten und rund 30 Flugzeuge und Hubschrauber zu dem Manöver entsendet, sie werden auf dem Schießplatz Zugol östlich des Baikalsees mit den Russen üben. Auch die benachbarte Mongolei ist dabei. Zwar ist die chinesische Beteiligung angesichts der Größe des Manövers wie auch der chinesischen Armee bescheiden, doch möglicherweise hat sich damit geopolitisch gerade etwas verschoben.

Sie eint die Abneigung gegen die USA

Die Beziehungen zwischen den kommunistischen Nachbarn waren lange Zeit von Misstrauen geprägt, was auch historische Gründe hat. Die Sowjets hatten Chinas Kommunisten nach der Gründung der Volksrepublik 1949 beim Aufbau geholfen und sahen sich als großer Bruder. Wirtschaftlich waren sie weiter entwickelt und hatten auf die Schwerindustrie gesetzt, während sich China unter Mao Zedong mit seinen ländlich ausgerichteten Wirtschafts- und Sozialexperimenten wie dem Großen Sprung nach vorn verzettelte, was viele Menschenleben forderte und China in der Entwicklung weit zurückwarf.

Anfang der Sechzigerjahre kam es zum in erster Linie ideologischen Zerwürfnis zwischen Mao und KP-Chef Nikita Chruschtschow, das 1969 in tödlichen Scharmützeln an der chinesisch-sowjetischen Grenze im Amur-Ussuri-Gebiet gipfelte. US-Präsident Richard Nixon ließ zu dieser Zeit diplomatische Kontakte zur Volksrepublik China aufnehmen. Es herrschte Kalter Krieg, aus Sicht der Amerikaner war der Schritt auf China zu als Gegengewicht zur UdSSR gedacht, nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund.

Obwohl sich die Beziehungen von Chinas Kommunisten mit den Nachfolgern der UdSSR beruhigt haben, warnen heute besonders Russlands Nationalisten vor einem wachsenden Einfluss Chinas im rohstoffreichen Osten. Das hat Russlands Präsident Wladimir Putin zuletzt aber nicht mehr davon abgehalten, die Nähe zu seinem Amtsbruder Xi Jinping zu suchen. Keinen Staatschef hat er zuletzt öfter getroffen. Am Dienstag empfing Putin ihn parallel zum Beginn des Großmanövers am Rande eines Wirtschaftsforums in Wladiwostok und rühmte die Beziehungen zum Nachbarn: "Wir haben vertrauensvolle Beziehungen in den Bereichen Politik, Sicherheit und Militär." Xi erwiderte, die "Freundschaft" beider Länder werde "ständig stärker". In blaue Schürzen gewandet, ließen sich beide einträchtig beim Pfannkuchenbacken filmen, sie aßen Kaviar und stießen mit Wodka an.

Was sie beide eint, ist ihre Abneigung gegen die US-dominierte Weltordnung und deren Auswirkung auf ihre Staaten. Wostok-2018 könnte daher so etwas wie ein vorläufiger Höhepunkt der sino-russischen Beziehungen werden: Zu den strategischen Manövern hatte Putins Militär bislang ausschließlich Freunde eingeladen, meistens Belarus. Die Beteiligung Chinas ist für Putin von großer symbolischer Bedeutung, denn vor allem wegen des Ukrainekonflikts ist sein Land mit westlichen Sanktionen belegt worden und er will zeigen, dass Russland international nicht isoliert ist.

Chinas Kommunisten sind wegen Donald Trumps angedrohten und zum Teil auch umgesetzten Zöllen in Unruhe. Da der US-Präsident anfangs auch anderen Staaten gedroht hatte, mit denen die USA ein hohes Handelsdefizit haben, dachten sie anfangs noch, sie könnten Trumps aggressive Politik unterwandern, indem sie beispielsweise mit der EU oder Japan bilaterale Handelsabsprachen treffen. Doch inzwischen hat Nervosität unter Chinas Führungskadern eingesetzt, wie man bei der Financial Times in Peking festgestellt hat, denn die G7-Staaten beginnen ihr Verhalten gegenüber China zu koordinieren.

Die westliche Kritik an der Wirtschaftspolitik der Kommunisten ist, unabhängig von Trumps populistischem Geschrei, auch nicht ohne: Es geht um den beschränkten Marktzugang für ausländische Unternehmen in China, damit einhergehenden erzwungenen Technologietransfers, um Diebstahl geistigen Eigentums und darum, dass Chinas Unternehmen und Investoren national wie international mit viel staatlichem Kapital ausgestattet sind. Kurz: Chinas Staatskapitalismus ist ein Problem geworden. Umso mehr, als dass die Lenkung der Volkswirtschaft über staatliche Einheiten eine wesentliche Basis für die Machtausübung der herrschenden Kommunisten ist.

China signalisiere daher der US-Regierung mit seiner Teilnahme an Wostok-2018, dass der Druck aus den USA Peking zu einer engeren militärischen Zusammenarbeit mit Russland dränge, meint Dmitri Trenin, ehemaliger Sowjetgeneral und heute Direktor des Carnegie Moscow Center. Und Russland wolle zeigen, dass es die USA jetzt als potenziellen Feind und China als potenziellen Verbündeten verstehe.

Russland ist das schwächste Glied

Nun sind allerdings die sino-russischen Animositäten von einst wohl auch mit der gemeinsamen Abneigung gegen die USA nicht vollkommen überwunden. Die Tatsache, dass Wladimir Putin das Großmanöver am östlichen Ende seines Riesenstaates abhält – an der Grenze zu China (und der Mongolei) – ist genauso ein Signal an Peking: "Seht her, wir haben einen wehrhaften Osten." Und Putin führt auf der anderen Seite Krieg im Ausland, er ließ die Krim besetzen, schickt Milizen in die Ostukraine und bombt für Assad in Syrien. Das sind Faktoren, die die KP-Führung so nicht akzeptiert und die China wohl eine gewisse Distanz zum Putin-Staat halten lassen wird. 

Zudem sind die USA und die EU ökonomisch, technisch und sozial die attraktiveren Regionen. Es kann daher jederzeit sein, dass sich Russland, das trotz seiner Öl- und Erdgasvorkommen wirtschaftlich auf dem absteigenden Ast ist, wieder neu orientiert.

Aber zumindest geostrategisch finden sich Putins Russland und Xis China plötzlich interessant. Auch hier wieder in einer Variante von "der Feind meines Feindes ist mein Freund". Nur haben sich die Verhältnisse seit den Zeiten der Sowjetunion genau umgekehrt: Heute ist Moskau der kleine Bruder. Amerika hat die beiden Staaten einander nähergebracht und Russland ist jetzt das schwächste Glied der drei Militärmächte.

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