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Muslime in den USA: "Ich weigere mich, dem Hass nachzugeben"

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 13.01.2018 Rieke Havertz

Vor einem Jahr wurde Roula Allouchs Albtraum Realität: Donald Trump wurde US-Präsident. Ihr Kopftuch trägt die Anwältin trotzdem weiter. "Jetzt erst recht."

Etwa 3,4 Millionen Muslime leben in den USA. © Spencer Platt Etwa 3,4 Millionen Muslime leben in den USA.

Manchmal gibt es diesen Moment während des Aufwachens, da ist der Schlaf eigentlich schon vorüber, aber die Gedanken noch nicht ganz in der Realität angekommen. Roula Allouch erlebt so einen Augenblick am Morgen des 9. November 2016.

Sie ging mit dem schlechten Gefühl schlafen, dass Donald Trump die Präsidentschaftswahl in ihrer Heimat gewinnen wird, alles deutete darauf hin. Bis zur letzten Sekunde hatte sie mit anderen Freiwilligen für die Demokraten Wähler mobilisiert, die Party am Wahlabend beendete die Gruppe früher als geplant, frustriert von den ersten Ergebnissen.

Doch als Allouch an diesem Mittwochmorgen aufwacht, ist sie sich für eine Sekunde sicher, dass alles nur ein schlechter Traum war. Dass Trump nicht gegen Hillary Clinton gewonnen hat und bald ins Weiße Haus einziehen wird. Die Sekunde verstreicht viel zu schnell, dann kommt Allouch in der Realität an. Eine Realität, in der die 37-Jährige, die in Kentucky geboren wurde und als Anwältin arbeitet, bis dahin nie erlebten offenen Hass erfährt. Weil sie Muslimin ist und ein Kopftuch trägt.

Ein gutes Jahr später sitzt Allouch nach Feierabend in einem überfüllten Café. Sie ist häufiger hier, um noch ein bisschen zu arbeiten. Es liegt günstig zwischen ihrer Wohnung und der Kanzlei in einem eher liberaleren Viertel Cincinnatis, einer der größeren Städte in Ohio. Niemand starrt sie an, wenn sie hereinkommt. Auch heute nicht. Oft genug ist das anders, auf der Straße, im Gerichtssaal. Allouch ist eine selbstbewusste Frau, sie hat Karriere gemacht, will ihren Job nicht aufgeben, sollte sie einmal eine Familie haben und arbeitet in ihrer Freizeit ehrenamtlich für CAIR, dem Council on American-Islamic Relations, einer Nichtregierungsorganisation, die für ein positives Islambild wirbt und sich gegen Diskriminierung einsetzt. Allouch lässt sich nicht leicht einschüchtern. Und dennoch ist sie aufmerksamer geworden, was ihr Umfeld angeht, sagt sie.

"Unsere Zahlen zeigen klar, dass die Hassverbrechen gegen Muslime steigen", sagt Allouch, die bei CAIR eine Führungsposition innehat. Vor einem Jahr, kurz vor der Wahl, hat sie schon einmal von ihrem Leben, ihrem Glauben und ihrer Arbeit erzählt. Jeder Satz wohlüberlegt, aber positiv, voller Hoffnung, dass ihre Idee von Amerika die Wahl entscheiden würde. Das tolerante Amerika.

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Roula Allouch © Rieke Havertz für ZEIT ONLINE Roula Allouch

"Natürlich wusste ich, dass es viele Menschen gibt, die die rassistische und frauenfeindliche Kampagne von Trump unterstützt haben und daran glauben", sagt Allouch. "Ich war nur schockiert, dass es so viele sind." Und sie weiß, dass es vielen in der muslimischen Gemeinde ähnlich geht. Aufbauende, tröstende Worte sollte sie in ihrer Funktion für CAIR nach der Wahl finden. Doch ihr fiel nichts ein. Sie fühlte sich, als würde sie trauern, um ihr Land und um die vielen Menschen, die Trumps Politik persönlich treffen würde. "Im Islam haben wir ein Sprichwort, 'Allah ist der beste Planer', aber direkt nach der Wahl wusste ich nicht, wie irgendwann etwas Positives aus dieser Präsidentschaft folgen soll", sagt Allouch.

Seit Trump im Weißen Haus ist, hat CAIR die Zahl seiner Mitarbeiter in der Zentrale in Washington verdoppelt und mehr Anwälte angestellt. Trumps Einreiseverbot gegen sechs überwiegend muslimische Länder, die Diskriminierungen, es gibt viel zu tun. Das Pew Research Center schätzt, dass etwa 3,4 Millionen Muslime in den USA leben. "Meine Familie wäre vom Muslim ban betroffen gewesen", sagt Allouch.

Ihre Eltern wanderten in den 1970er-Jahren aus Syrien ein. Allouch ist stolz, Tochter von Einwanderern zu sein. Seit Trump Präsident ist, betont sie, dass ihre Eltern aus Syrien stammen. Aus Prinzip, sagt sie. Erst am Freitag soll sich Trump während Beratungen über ein neues Einwanderungsgesetz erneut abfällig über Migranten geäußert und Haiti und einige afrikanische Staaten "Dreckslöcher" genannt haben. Der Präsident bestreitet die Wortwahl.

Kurz nachdem der Präsident das Einreiseverbot zu Beginn seiner Amtszeit verkündet, flog Allouch von Washington nach Cincinnati. Ein Inlandsflug, kein Problem. Die Frau, die neben ihr saß, schaute sie freundlich an und sagte: 'Du bist willkommen hier.' So erinnert sich Allouch. "Und ich dachte nur, natürlich gehöre ich hierher, du musst mir das nicht sagen." Aber die Amerikanerin schwieg, schließlich habe die Frau es doch nur gut gemeint. 

Der Mann, der Allouch im Sommer in der vollen Innenstadt anschrie, ihr das Kopftuch verbieten wollte und ihr den Weg versperrte, sorgt Allouch mehr. "Er hat mich in meinem Glauben angegriffen und auch mich als Frau." Genauso schlimm findet sie, dass die vielen Umstehenden damals schwiegen. "Nur ein freundlicher Blick hätte schon genügt." Vor Trumps Wahl hat Allouch solche offenen Anfeindungen seltener erlebt. Überrascht ist sie nicht, dass diese in den vergangenen Monaten zugenommen haben. Durch einen Präsidenten, der rassistisch und sexistisch agiert, fühlten sich viele Menschen berechtigt, ihre Verachtung gegenüber anderen offen zu zeigen, glaubt Allouch. 

Die 37-Jährige ist bestimmter geworden in diesem Jahr, sie legt sich nicht mehr jeden Satz zurecht, bevor sie ihn ausspricht, formuliert ihren Frust offener. Aber ihr Optimismus ist geblieben und der Glaube daran, dass die Spaltung, die sie in ihrer Heimat überall fühlt, überwunden werden kann. "Ich spüre schon, dass es eine Bewegung gibt, so viele Menschen arbeiten jetzt zusammen gegen Diskriminierungen, egal gegen wen", sagt Allouch. Mit denen reden, die gegen sie und ihren Glauben sind, auch das will sie weiter tun.

Sie wird dabei ihr Kopftuch tragen. Seit Trump Präsident ist, hat sie nur einmal überlegt, es abzulegen. Sie war mit dem Auto von Chicago zurück auf dem Weg nach Hause, als sie spätabends in einer ländlichen Gegend an einer Tankstelle halten musste. "Als ich ausstieg, habe ich gedacht, hätte ich das Kopftuch doch abgelegt." Alle starrten sie an, Allouch fühlte sich unwohl und unsicher. Ohne Kopftuch wäre sie einfach eine ganz normale Kundin gewesen. Nicht wenige ihrer Freundinnen und Frauen, die sie über ihre Arbeit kennenlernt, haben entschieden, ihr Kopftuch nicht mehr zu tragen. Weil es einfacher ist, unauffälliger, sicherer. Für Roula Allouch ist das keine Option, es sei nicht nur ihr Recht, sondern auch ihre Freiheit, selber zu entscheiden. "Ich weigere mich, dem Hass nachzugeben." 

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