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Myanmar: Drei Generationen Kampf gegen die Junta

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 23.02.2021 Gabriele Riedle

In Myanmar kämpfen Aktivistenfamilien schon seit Jahrzehnten gegen die Militärherrschaft. Viele hoffen, dass ausgerechnet der Putsch die Macht der Generäle beendet.

Ein Demonstrant in Myanmars Hauptstadt Naypyidaw © Stringer/​Reuters Ein Demonstrant in Myanmars Hauptstadt Naypyidaw

Myanmars Junta wird den zivilen Protest gegen ihren Putsch Anfang Februar nicht mehr los. Am Montag gab es die bislang wohl größten Massenkundgebungen, vor allem in der Handelsmetropole und früheren Hauptstadt Yangon im Süden, in der Großstadt Mandalay im Norden und in der neuen Kapitale der Generäle, in Naypyidaw. Das Gros der Geschäfte im Land blieb geschlossen. Die Demonstranten fordern die Wiedereinsetzung der gestürzten Regierungschefin Aung San Suu Kyi. Doch für zahlreiche Demokratieaktivisten geht es inzwischen um viel mehr. Sie sehen ausgerechnet den Putsch als eine Möglichkeit, die Zeit der Kompromisse zwischen einer zivilen Regierung wie der von Aung San Suu Kyi und den mächtigen Generälen zu beenden.

Diese Aktivistinnen und Aktivisten wollen jetzt eindeutige Verhältnisse schaffen. Stellvertretend für sie steht Phyoe Phyoe Aung, eine junge Frau von erst 32 Jahren, die jedoch seit langer Zeit schon politische aktiv ist. Phyoe Phyoe Aung saß deshalb bereits jahrelang im Gefängnis, und auch jetzt hilft sie wieder mit, die Proteste gegen den Putsch des Militärs vom 1. Februar zu organisieren. Es ist sozusagen schon ihr dritter großer Aufstand und dieses Mal, so sagt sie am Telefon, "müssen wir es schaffen, das Militär ein für alle Male loszuwerden, und zwar ganz. Jetzt gibt es auch kein Zurück zur Situation vor dem Putsch. Denn bereits davor hatte die Armee noch immer viel zu viel Macht und Aung San Suu Kyi ging viel zu viele Kompromisse ein."

Phyoe Phyoe Aung gehört zu jenen in Myanmar, die seit Jahren oder gar Jahrzehnten für Demokratie kämpfen, manchmal schon in zweiter oder dritter Generation. Schließlich hat sich das Militär bereits 1962 an die Macht geputscht und bisweilen ist der Widerstand dagegen zu einer Art Familientradition geworden. Oft haben auch Ehegatten, Väter, Mütter, Tanten, Onkel und Großeltern für das Ende der Herrschaft der Generäle alles riskiert und nicht selten haben sie für ihren Einsatz mit jahrelanger politischer Gefangenschaft, mit Folter oder sogar mit dem Tod bezahlt.

Kein Wunder also, wenn viele von denen, die das ertragen und überlebt haben, jetzt noch einmal alles auf eine Karte setzen, um die Armee endgültig von der politischen Bühne zu entfernen. Auch um die eigene oder die Geschichte der Familie endlich zu einem guten Ende zu bringen.

Vier Jahre Gefängnis, zum Teil in Einzelhaft

Der erste Aufstand, der Phyoe Phyoes Leben prägte, war im Sommer 1988, kurz bevor sie zur Welt kam. Am Ende hat die Armee in die Menge geschossen, insgesamt gab es zwischen drei- und zehntausend Tote. Ihr Vater hat damals zu jenen Untergrundgruppen gehört, die den Kampf gegen die Diktatur organisierten, und als Phyoe Phyoe geboren wurde, war ihr Vater schon für 16 Jahre im Gefängnis verschwunden. Ihre Mutter hat ihr erzählt, dass ihr Vater ein sehr guter Mensch sei, woraus die Tochter schloss, dass dann ja wohl denen, die ihn inhaftiert hatten, nicht zu trauen sein konnte. So begann das alles auch für sie.


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Nach mehreren kleineren Revolten kam 2007 der nächste große Aufstand, die von Mönchen angeführte und ebenfalls niedergeschlagene Safran-Revolution. Phyoe Phyoe, damals 19 Jahre alt, Studentin des Hoch- und Tiefbauwesens und Generalsekretärin des von ihr im Untergrund mitgegründeten nationalen Studentenverbands, wurde nun selbst aktiv, verteilte Flugblätter, informierte ausländische Journalisten. So landete sie auf der Fahndungsliste der Geheimpolizei und es blieb ihr nichts anderes übrig, als erst einmal in einem Versteck zu leben. Ihr Vater leistete ihr Gesellschaft, sie war ja noch ein junges Mädchen.

Verhaftung von Vater und Tochter acht Monate später. Fünf Jahre Gefängnis für die Tochter, für den Vater erneut zwei. Der Vater saß seine neue Strafe ab, die Tochter kam nach vier Jahren, die sie teilweise in Einzelhaft verbracht hatte, durch eine Amnestie frei. 2015 wurde Phyoe Phyoe wieder verhaftet. Weil sie eine der Mitorganisatorinnen einer Studentendemonstration gegen das Regime war. 13 Monate ohne Anklage im Gefängnis, Verhöre, Schlafentzug, alles, was sie schon kannte. Endgültig freigelassen wurde sie erst 2016, nach den ersten freien Wahlen und nachdem Aung San Suu Kyi de facto Regierungschefin geworden war.

Phyoe Phyoe Aungs Mann, der noch immer den Decknamen James trägt und als studentischer Aktivist ebenfalls schon im Gefängnis gesessen hatte, musste jedoch gerade erst noch eine mehrmonatige Strafe aus der Zeit des Militärregimes abbüßen. Und so wie sie geboren wurde, als ihr Vater eingesperrt war, hat vor ein paar Monaten auch Phyoe Phyoe einen kleinen Sohn zur Welt gebracht, als dessen Vater in Haft saß. James kam erst Ende Januar wieder frei, genau drei Tage vor dem Putsch.

Eigentlich leiten Phyoe Phyoe und ihr Mann seit einigen Jahren eine Organisation, die Programme zur Begegnung und Versöhnung für Jugendliche der unterschiedlichen ethnischen Gruppen im Land organisiert – schließlich herrscht nicht nur bei den Rohingya, sondern auch in den anderen Gebieten der ethnischen Minderheiten an den Rändern des Landes seit Jahrzehnten Krieg. Unter anderem weil den Bevölkerungen dort elementare Rechte verweigert werden. Aber schon allein wegen Covid-19 können solche Begegnungen schon seit Monaten nicht mehr stattfinden.

Stattdessen unterstützen die beiden jetzt, wo sie nur können, das dezentral organisierte Civil Disobedience Movement (CDM): Im ganzen Land gehen jeden Tag Hunderttausende auf die Straße, Unzählige haben ihre Arbeit niedergelegt. "Nicht dass wir glücklich sind über den Putsch", sagt Phyoe Phyoe, "aber immerhin kommt jetzt wieder Bewegung ins Land und es gibt Hoffnung auf echte Veränderung."

Denn tatsächlich, sagt Phyoe Phyoe weiter, sei der Demokratisierungsprozess schon seit längerer Zeit nicht weitergekommen, auch wenn es, verglichen mit den Jahrzehnten der Diktatur, einige neue Freiheiten gegeben habe. Aktivistinnen wie Phyoe Phyoe Aung, die so viel riskiert und so viel geopfert haben, waren jedoch schon lange enttäuscht.

Eine neue Verfassung – ohne Militärprivilegien

"Ohne das Militär ging im Land gar nichts. Allein dass laut der noch immer geltenden Verfassung von 2008 aus der Zeit des Regimes nur 75 Prozent der Parlamentssitze frei gewählt werden können, während 25 Prozent für die Armee reserviert sind: Was hat das mit Demokratie zu tun?!" Dem Militär und seinen Kumpanen gehöre zudem das halbe Land, riesige Ländereien, ganze Industrien und in der Verfassung habe es sich auch die Ministerien für Inneres, Verteidigung und für Grenzen reserviert. Aung San Suu Kyi sei deshalb ständig gezwungen gewesen, gemeinsame Sache mit der Armee zu machen und diese selbst bei schwersten Menschenrechtsverletzungen wie denen an den Rohingya zu verteidigen. Aus Angst, dass das geschieht, was nun geschehen ist.

Viele Anhänger von Aung San Suu Kyi fordern nun vor allem deren Freilassung sowie die Anerkennung der Wahlergebnisse vom November, bei dem deren Partei National Democratic Front (NLD) über 80 Prozent der Stimmen bekommen hat. Ansonsten halten sie, wie auch das Militär selbst, an der Verfassung von 2008 fest. Die Forderungen von Aktivistinnen wie Phyoe Phyoe Aung gehen jedoch sehr viel weiter.

"Aung San Suu Kyi muss natürlich freigelassen werden. Aber dann brauchen wir als Allererstes eine neue Verfassung, in der das Militär keine Privilegien mehr genießt. Zudem muss sie föderal werden und die Rechte der Minderheiten müssen garantiert werden, sonst wird es nie Frieden geben in den ethnischen Gebieten." Vor allem für die jungen Leute, sagt Phyoe Phyoe, gebe es für Myanmar nur eine Zukunft ganz ohne Militär in der Politik.

Zumindest Teile der NLD sähen das mittlerweile auch so – womöglich sogar Aung San Suu Kyi selbst, aber das sei nur eine Vermutung. Und viele, auch Phyoe Phyoe Aung selbst, seien bereit, dafür – erneut oder vielleicht nun zum ersten Mal – alles zu riskieren und auf die Straße zu gehen, bis genau das erreicht ist. Auch wenn sie befürchten müssen, dass das Militär seinerseits alles tun wird, um sie zu stoppen. Inzwischen lassen die Generäle scharf schießen. Am Wochenende erst wurden in Mandalay und Yangon drei Demonstranten von der Polizei durch Schüsse getötet.

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