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Neues vom Krankenbett

SZ.de-Logo SZ.de 11.09.2019 Von Nico Fried
© Christian Thiel/imago

Der öffentliche Umgang von Politikern mit körperlichen Leiden oder Behinderungen hat sich über die Jahrzehnte hinweg entspannt. Nur eine Angst ist gleich geblieben.

Im Jahr 2002 musste sich die damalige schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis wegen Brustkrebs operieren lassen. Für den Eingriff ging sie an einem Samstag ins Krankenhaus, damit es möglichst niemand merkt. Zwei Tage später versteckte sie die Tropfflasche unter einer weiten Stola, verließ das Krankenhaus und verlieh einem ihrer Vorgänger, dem einige Monate zuvor verstorbenen CDU-Politiker Gerhard Stoltenberg, posthum die Ehrenbürgerwürde des Landes. Erst 2006 erzählte Simonis öffentlich von ihrer überstandenen Krankheit.

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17 Jahre später hat Manuela Schwesig am Dienstag in Schwerin die Öffentlichkeit darüber informiert, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist. Die Ministerpräsidentin ließ zunächst eine Erklärung verbreiten und trat dann selbst vor die Medien. Sie erinnerte an andere Frauen, die jedes Jahr diese Diagnose gestellt bekämen, von denen viele zeigten, dass ein couragierter Umgang mit der Krankheit, eine Therapie und Berufstätigkeit vereinbar seien.

Früher galt: War die Gesundheit angeschlagen, war das auch die eigene Autorität

Der Unterschied zu Simonis hätte größer nicht sein können: Die Genossin aus Kiel wollte einst das Private und das Politische unbedingt trennen. "Ich habe nicht einen Tag gefehlt", sagte Simonis später einmal der Welt am Sonntag. Schwesig hat nun den Interimsvorsitz der SPD niedergelegt und freimütig angekündigt, wegen der Behandlung einige öffentliche Termine nicht wahrzunehmen. Durch die Solidarisierung mit anderen Frauen sowie ihre Ansage, den Kampf gegen die Krankheit aufzunehmen, geriet bei Schwesig das Private fast selbst zu einer politischen Aktion.

Der öffentliche Umgang von Politikern mit körperlicher Einschränkung, Krankheit oder Behinderung hat sich über die Jahrzehnte entspannt. Gerade in Spitzenpositionen vermied man es lange, Erkrankungen öffentlich zuzugeben. War die Gesundheit angeschlagen, galt das auch für die eigene Autorität, so die Befürchtung.

Willy Brandt wurde im November 1978, vier Jahre nach dem Ende seiner Kanzlerschaft, ins Krankenhaus gebracht. Man ließ verbreiten, der SPD-Chef habe eine fiebrige Erkältung, Spekulationen über einen Herzinfarkt wies ein Sprecher als "schamlose Sensationsmache" zurück. Brandt blieb schließlich fünf Wochen in der Klinik, Diagnose: Herzinfarkt.

Der langjährige Außenminister Hans- Dietrich Genscher von der FDP hat nicht nur viele Kollegen in Hauptstädten rund um die Welt getroffen, sondern auch die Bekanntschaft zahlreicher Krankheiten gemacht. Schon als junger Mann erwischte ihn eine Tuberkulose, später litt er wiederholt an Grippe, erlitt eine Nierenkolik, Schwächeanfälle, Herz-Rhythmus-Störungen. Im März 1989 verschleppte Genscher über Tage und Wochen eine Infektion. Seinem Internisten soll er auf dessen Rat, der Minister möge doch im Krankenhaus bleiben, geantwortet haben, er sei kein Sparkassen-Vorstand, der sich ohne öffentliches Aufhebens einfach ins Bett legen könne. Vier Monate später erledigte das ein Herzinfarkt für ihn.

Im Selbstverständnis und im Terminkalender von Spitzenpolitikern war kein Platz für Krankheiten. Und wenn sie doch kamen, dann gerne zu ungünstigen Zeitpunkten. Helmut Kohl litt an einer Prostata-Geschwulst, als er 1989 auf dem Bremer CDU-Parteitag einen Putschversuch parteiinterner Widersacher um Lothar Späth und Rita Süssmuth abwehren musste. Er hielt durch - und wurde anschließend heimlich ins Krankenhaus gebracht.

Mit Wolfgang Schäuble wurde vieles anders. Von einem Attentäter schwer verletzt, hatte der CDU-Politiker frühzeitig von sich aus die Frage aufgeworfen: "Kann ein Krüppel Kanzler sein?" Während der Euro-Krise 2010 musste er ins Krankenhaus und exerzierte hintereinander den alten und den neuen Umgang mit Krankheit in der Öffentlichkeit. Erst entließ er sich selbst zu früh, um Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Wieder im Krankenhaus gelandet, nahm er sich auf Anraten seiner Frau und der Kanzlerin die nötige Zeit zur Genesung - und blieb trotzdem Minister.

Im Zeitalter der neuen Medien können Politiker die Informationen leichter steuern

Die Angst vor dem Verlust von Posten, Amt und Macht war stets ein Antrieb, Krankheit zu verheimlichen. Der damalige Verteidigungsminister Peter Struck erlitt 2004 einen leichten Schlaganfall, ließ aber verlautbaren, es handele sich nur um Kreislaufprobleme. Selbst gegenüber Gerhard Schröder versuchte Struck zunächst, die Wahrheit zu verschleiern - bis sein Kanzler im Krankenzimmer an seinem Bett erschien. Auch Heide Simonis gestand später ein, sie habe gefürchtet, die eigenen Parteifreunde könnten sie in der Zeit ihrer krankheitsbedingten Abwesenheit abservieren.

Bis heute sind manche Politiker nicht frei von dieser Furcht, aber sie sehen in Transparenz und Ehrlichkeit mittlerweile das bessere Mittel, sich zu schützen - und glaubwürdig zu bleiben. Der SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck trat 2006 nach wenigen Monaten zurück, berichtete offen über einen Hörsturz und blieb noch sieben Jahre Ministerpräsident in Brandenburg. Wolfgang Schäuble bat 2010 sogar einen Reporter zum Gespräch ans Krankenbett.

Im Zeitalter der neuen Medien können Politiker die Verbreitung der Information auch leichter steuern. Der thüringische CDU-Chef Mike Mohring informierte die Öffentlichkeit Anfang 2019 in einem Video auf Facebook persönlich über seine Krebs-Erkrankung. Für seine Genesungswünsche an Manuela Schwesig nutzte Mohring am Dienstag den Kurznachrichtendienst Twitter.

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