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Politikversagen: Wie die Politik seit Jahren junge Menschen enttäuscht, macht mich wütend

NEON-Logo NEON 28.09.2018 Wiebke Tomescheit
Warum kümmert sich die Politik nicht um die wirklich wichtigen Dinge?: Eine junge Frau ist genervt von den politischen Entwicklungen © Picture Alliance/K. Thomas Eine junge Frau ist genervt von den politischen Entwicklungen

Das politische Geschehen lässt mich schon seit Monaten, seit Jahren, seufzen, fluchen und resignieren. Ein simpler Tweet machte mir jetzt klar, was aktuell das wirkliche Problem ist und wie wichtig es ist, Politikverdrossenheit bei jungen Menschen zu verhindern. Ein Rant.

Es ist ein simpler Tweet, mit einfachen (und durchaus deftigen) Worten, den Twitter-Nutzerin Mille da kürzlich absetzte. Aber gerade deshalb schlug er so ein. Rund 1200 Menschen gefiel die Aussage der jungen Frau. 270 Menschen retweeteten ihn. Und ich muss sagen: Ja, das geht mir genauso.

Ich habe als Teenager schon von meiner Familie und auch in der Schule immer wieder eingebläut bekommen, wie wichtig politisches Interesse und Engagement ist. Wählen gehen – ein Privileg und deshalb eigentlich eine Pflicht. Mit 16 stand ich zusammen mit meinen Freunden darum ganz selbstverständlich zum ersten Mal in der Wahlkabine und machte meine Kreuzchen für die niedersächsischen Kommunalwahlen.

Auch danach verpasste ich keine wichtige Wahl, in der festen Überzeugung, dass es immer besser ist, das kleinste Übel zu wählen, als gar nicht zu wählen. Ich war nur selten wirklich überzeugt von einem Kandidaten, konnte mich aber immer, manchmal mit einem inneren Seufzen und Achselzucken, für jemanden entscheiden.

Die Politik hat mir nie geholfen

Als "Dank" für mein pflichtbewusstes Aufsuchen der Wahlkabine beobachte ich jetzt seit Jahren absurde und inhaltslose Diskussionen in der politischen Landschaft. Da wurde monatelang mit Argumenten aus (gefühlt) dem Jahr 1630 um die gleichgeschlechtliche Ehe gerungen. Da wollen noch immer Menschen Abtreibung verbieten und verteufeln. Ich durfte jahrelang fast 1000 Euro Studiengebühren pro Semester bezahlen, was mich und meine Familie finanziell zum Ächzen brachte. Trotzdem saß ich in der Uni in asbestbelasteten Räumen ohne Fenster auf wackeligen Stühlen, die dort vermutlich seit den 70ern standen.

Ich sehe, dass sowohl die ländliche Region, in der ich geboren wurde, als auch die Kleinstadt, in der ich jahrelang zur Schule ging, von der Politik vergessen werden. Ich kann nicht fassen, dass Lettland, Rumänien und Bulgarien besser mit brauchbarer Internetversorgung ausgestattet sind als wir hier, und Politiker darüber sprechen, als sei das Netz noch immer ein privater Spaß und nicht die Grundlage für die meisten modernen Jobs.

Ich sehe eine Schulpolitik, die aus nicht nachvollziehbaren Gründen in jedem Bundesland anders gehandhabt wird und bei jedem Politikwechsel nach einer Landtagswahl komplett über den Haufen geworfen wird. Ich höre schwedische Freunde sagen, dass ihnen deutsche Schüler leidtun. Große Klassen, Festhalten an verschiedenen Schulformen – weil das ja schon immer so war –, unsinnige Trennung nach "Klugheit", bewerten statt fördern.

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Debatten an meiner Lebenswelt vorbei

Währenddessen wird über Flüchtlinge diskutiert. Während ich gestresst bin von hohen Mieten, befristeten Arbeitsverträgen, Freunden, die immer öfter unter psychischen Krankheiten leiden, dem schwindenden Zusammenhalt der Gesellschaft und so vielen anderen Dingen, sehe ich in den Nachrichten vor allem ein Thema, das weder mich noch irgendjemanden, den ich kenne, im Alltag negativ betrifft. Was soll das?

Und ja, wenn ich mir anschaue, wer da im Bundestag über unser Leben und unsere Zukunft diskutiert und entscheidet, dann sind das keine Menschen, mit denen ich mich identifizieren kann. Es sind zu einem großen Teil alte Männer mit angestaubten Ansichten aus der Vergangenheit. Menschen, die sich weniger mit Fachkenntnis als vielmehr mit einer großen Klappe an die Spitze ihrer Parteien geboxt haben, weil dort fatalerweise die Lauten schneller vorankommen. Menschen, die eher zur Ego- als zur Wählerbefriedigung Politik machen wollen. 

Dass die Visionslosigkeit, die Uneinigkeit, die Überheblichkeit der "etablierten" Parteien schon so lange andauert, macht mich wütend. Dass die Rechten mit ihren platten Parolen so ein leichtes Spiel haben, macht mir Angst. Ich habe das Gefühl, dass in der Politik noch nicht angekommen ist, wie ernst die Lage ist. Vor allem bei der SPD, die so tut, als stünde ihre Zukunft nicht auf dem Spiel, während sie nach jeder Umfrage einen Negativrekord nach dem anderen auf den Tisch geknallt bekommt.

Denn sie wissen nicht, was sie tun

Wie kann man so selbstgefällig weitermachen wie bisher, wenn unsere Demokratie in Gefahr ist? Wie kann man all die jungen Menschen, die wie ich das Wahlrecht als hohes Gut erklärt bekommen haben, so vor den Kopf stoßen? Und wie soll man weiterhin den nachfolgenden Generationen beibringen, dass politisches Engagement wichtig ist, wenn man trotz des vorhandenen guten Willens niemandem guten Gewissens erzählen kann, dass die Verantwortlichen in Berlin wissen, was sie tun?

Die Affäre um Hans-Georg Maaßen ist gerade nur dieser eine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Schon die ganzen letzten Jahre hatte ich nur sehr selten das Gefühl, dass etwas Wichtiges richtig entschieden wurde. Dass überhaupt etwas wirklich Wichtiges mal zum Diskussionsthema gemacht wurde. Die meisten Aussagen von Menschen wie Horst Seehofer, Christian Lindner oder Andrea Nahles machen mir Bauchschmerzen vor Fassungslosigkeit. Aussagen von Angela Merkel oder Bundespräsident Steinmeier bekomme ich nicht mit, vielleicht, weil es keine gibt.

Altherren-Vorwürfe gegen den Nachwuchs

Der einzige Lichtblick für mich ist aktuell jemand wie Kevin Kühnert, der die Probleme der jungen Menschen kennt und relativ regelmäßig wirklich vernünftige Dinge sagt. Aber wenn ich daran denke, deprimiert mich direkt schon wieder, dass es noch Jahre dauern wird, bis jemand wie er die Chance bekommt, wirklich eine Entscheiderposition einzunehmen. Als Juso-Chef kann er zwar unbequem werden, aber nicht wirklich etwas bewegen. Dafür sorgen schon die Menschen, die derzeit in der SPD das Sagen haben. Und dann stolpert man über absurde Diskussionen wie diese:

Und das sagt irgendwie alles über das Politikverständnis der derzeit verantwortlichen Politiker. Es zermürbt mich. Ich muss daran denken, wie ich mit 17 ein Praktikum im niedersächsischen Landtag machte und bei einer Sitzung zusehen durfte. Mit mehreren anderen Praktikanten saß ich am Rand, als Sigmar Gabriel zu uns herüberkam und fast verschwörerisch sagte, dass es heute ja um ein Thema gehe, dass für uns junge Leute wichtig sei: Ob man mit Inlineskates auf Radwegen fahren dürfe oder nicht. So nett es war, dass er uns beachtete, war ich fassungslos: Das hielten Politiker also für die Themen, die jungen Wählern unter den Nägeln brannten? Ernsthaft?

Was soll man denn nur wählen?

Ich werde bei der nächsten Wahl nicht wissen, wo zur Hölle ich mein Kreuz setzen soll. Die AfD ist selbstverständlich nicht mal in meinen albernsten Albträumen eine Option, denn sie ist alles, aber keine Alternative. Doch mit jedem Kreuz für eine der anderen Parteien würde ich denen das Gefühl geben, ihren Kurs zu unterstützen. Und das tue ich nicht.

Ich will nicht, dass auch die nächsten zehn Jahre lang eher verwaltet als vorangebracht wird. Ich will nicht, dass über Parteiideologien, Egos und Kinkerlitzchen gestritten wird, während immer mehr Menschen in diesem Land zurückgelassen werden. Deutschland könnte toll sein, da bin ich mir sicher. Wenn man das wollen würde. Wenn endlich ein paar junge Menschen, die Lust und Energie und Ideen mitbringen, die wissen, wie es sich aktuell in diesem Land lebt, die weniger in Parteiprogrammen als in realen Bedürfnissen denken, ernsthaft die Chance bekommen, mitzubestimmen. Bitte vergrault nicht noch mehr von denen.

Ich werde trotzdem weiter wählen gehen. Ja. Allein, um den Rechten nicht das Gefühl zu geben, sie seien in der Mehrehit. Sind sie nicht. Ich überlege sogar, in eine Partei einzutreten, um vielleicht selbst mal Teil der Lösung sein zu können, nicht nur ein Kritiker, der von anderen Einsatz fordert. Vielleicht müssen wir jungen Wähler auch einfach noch entschlossener werden, uns noch mehr engagieren, uns nicht belächeln und kleinreden lassen und endlich konsequent zusammenhalten und -arbeiten. Dann kann uns niemand mehr so leicht übersehen.

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