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Robert Habeck: "Ach, der Robert"

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 18.09.2019 Jana Hensel


Kommentar von Jana Hensel

Jana Hensel ist Schriftstellerin und Autorin bei ZEIT ONLINE © Michael Heck Jana Hensel ist Schriftstellerin und Autorin bei ZEIT ONLINE

Monatelang ist Robert Habeck durch den Osten gereist. Er wollte die Menschen verstehen, sie für die Grünen gewinnen. Doch dann kam eine Frage dazwischen: Kann er Kanzler?

Robert Habeck während einer Bahnfahrt von Leipzig nach Magdeburg im Regionalzug, Januar 2019 © Regina Schmeken/​SZ Photo/​laif Robert Habeck während einer Bahnfahrt von Leipzig nach Magdeburg im Regionalzug, Januar 2019

Wenige Tage vor den sächsischen und brandenburgischen Landtagswahlen fand im Gymnasium meines Sohnes die Wahl zum Schülersprecher statt. Mein Sohn ist neu auf dieser Schule und so kannte er von all den Bewerbern nur das ältere Mädchen, das am ersten Tag in der Aula eine, wie ich fand, beeindruckende Rede für die Neulinge gehalten hatte. Mein Sohn hing förmlich an ihren Lippen, so charmant sprach sie davon, wie schwer es ihr in ihren ersten Monaten gefallen war, sich in der ungewohnten Umgebung zurechtzufinden. Sie mag ihm aus dem Herzen gesprochen haben.

An dem Gymnasium gibt es aber auch einen Kiosk, den mein Sohn wiederum so aufregend findet wie im Moment wenig anderes. Unmengen von seinem Taschengeld hat er bereits für Eistee, Käsebrötchen, Pizza und Cookies ausgegeben. Ich versuche, das mit Humor zu nehmen. Noch gelingt es mir. Das Mädchen vom ersten Schultag trat nun also zu dieser Wahl mit dem Programm an, sich für ein gesünderes, biologisches Essen im Kiosk einzusetzen. Mein Sohn hat mir gleich aufgebracht davon berichtet. Und was tat er? Er, der mich gern in Diskussionen über den Klimawandel verwickelt, der es mag, wenn wir mitunter wochenlang auf Fleisch verzichten, hat natürlich nicht für das Mädchen gestimmt, dass ihm am sympathischsten war. Die Sache mit dem Essen hat ihn am Ende abgeschreckt.

Eine gewisse Fassungslosigkeit

Ich musste wieder daran denken, als ich am Sonntag vor drei Wochen in Potsdam auf der Wahlparty der Brandenburger Bündnisgrünen stand. Gerade waren die ersten Prognosen auf zwei großen Fernsehbildschirmen zu sehen. Die Partei konnte sich zwar enorm verbessern, ihre noch in der Mitte eines beinahe rauschhaften Wahlkampfes so greifbaren Ziele jedoch hat sie deutlich verfehlt: In Sachsen wollte man zweistellig werden und in Brandenburg mit Ursula Nonnemacher sogar ins Rennen um das Amt der künftigen Ministerpräsidentin gehen. Im Saal herrschte eine gewisse Fassungslosigkeit.

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Das alte grüne Trauma, Sieger in den Umfragen zu sein, es schien sich an diesem Abend zu wiederholen. Und auch wenn Annalena Baerbock die Gäste in Potsdam mit der Erinnerung zu trösten versuchte, dass man vor fünf Jahren noch um den Wiedereinzug gebangt hatte, und auch wenn Robert Habeck in Berlin die Journalisten umzustimmen versuchte, in dem er sagte, dass das ein fantastisches Ergebnis sein würde, war nicht zu leugnen, dass die Wahrheit an diesem Abend irgendwo anders lag. Und dass die beiden Parteivorsitzenden zwischen ihrer Vergangenheit als Milieupartei und der aufscheinenden Zukunft als neuer Volkspartei orientierungslos hin- und herzutaumeln schienen.

Einige Tage nach der Wahl sagte Robert Habeck zu mir am Telefon, dass der Satz mit dem fantastischen Ergebnis ein Fehler gewesen sei, über den er sich im Nachhinein geärgert habe. So etwas kann der Co-Parteivorsitzende: Fehler zugeben, Schwächen offenlegen. Ich würde sogar sagen, das ist so etwas wie der Kern seiner Politik: Mensch sein, Fehler machen, aus ihnen lernen. Diese Maxime hat ihn im Osten weiter gebracht, als viele dachten. Ans Ziel jedoch ist er nicht gelangt. Was aber heißt es, in der Politik Mensch zu sein? Und wie versucht Robert Habeck, in der Politik Mensch zu bleiben?

Seit Beginn des Jahres habe ich ihn begleitet. Die meisten Termine fanden in Ostdeutschland statt, denn eigentlich sollten die Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen das wichtigste politische Ereignis des Jahres werden. Und ich wollte mir ansehen, ob es dem 50-Jährigen, der sein Leben fast ausschließlich in Schleswig-Holstein verbracht hat, gelingt, ostdeutsch sprechen zu lernen. Zumal er wie wohl noch kein westdeutscher Politiker vor ihm zugegeben hatte, sich für den Osten bisher nicht sonderlich interessiert zu haben. Noch so eine eingestandene Schwäche, wieder eine offene Flanke. 

Verstörend, aber sympathisch

Aber wieder auch ein typischer Habeck-Moment. Verstörend und sympathisch zugleich. Ließe sich so nicht ein neues deutsch-deutsches, ehrliches Kapitel aufschlagen? Leider verspielte Habeck diesen Moment kurz darauf, noch bevor er sich richtig hatte entfalten können. Im Januar kündigte er sinngemäß an, die Demokratie endlich nach Thüringen bringen zu wollen. Einem Bundesland, in dem seine Partei in der Regierung sitzt. Parallel liefen seine Mitarbeiter durch Berlin und flüsterten: Robert habe sich in den Osten verliebt. Na, wenn das mal kein typisches Politikerversprechen ist!

In Wahrheit haben die vergangenen Monate aber eine andere, ihre eigene Geschichte geschrieben. Ich wurde von dieser Geschichte eher zufällig Zeuge.

An einem Abend Ende März, an dem Robert Habeck in einem wie oft übervollen Saal ausgerechnet in Gorleben über den Verbleib von radioaktivem Sondermüll diskutiert, eine Frage, die ihm im Osten nie gestellt wird, die im Wendland aber die Gemüter erhitzt, melden die Agenturen, dass er an Angela Merkel vorbei zum beliebtesten Politiker der Deutschen aufgestiegen ist. In den sozialen Netzwerken wird das seit Stunden heftig diskutiert. Die Zeitungen werden es am nächsten Tag auf dem Titel vermelden. In Gorleben jedoch scheint davon noch niemand etwas mitbekommen zu haben. 

Nur ein Grinsen

Erst zum Schluss steht ein älterer Mann auf und verkündet stolz wie ein Bote in einem Shakespeare-Stück die Breaking News. Ausgerechnet hier, wo für die Grünen alles begann und die Plakate von damals noch immer im Bühnenraum hängen. "40 Jahre Widerstand" ist darauf zu lesen. Westdeutscher geht es nicht. Im Saal brandet Applaus auf, einige johlen, als handele es sich um einen nach vielen Jahren heimgekehrten Sohn. Während Habeck breitbeinig auf einem Hocker sitzt und lacht. Es ist kein lautes, kein dröhnendes Lachen aus dem Bauch, eher ein verschmitztes, verstohlenes Grinsen. So grinst kein Sieger, so grinst einer, der noch nicht weiß, was diese Nachricht bedeutet.

Von da an ging es in den Umfragen stetig bergauf. Kurz nach den Europawahlen, 16 Monate ist er da gemeinsam mit Annalena Baerbock Parteivorsitzender, erreichen die Grünen ihren vorläufigen Höhepunkt. Noch bei der letzten Bundestagswahl hatten die Grünen magere 8,9 Prozent geholt. Es gab kein Thema, dass sie im Jahr 2017 setzen konnten. Sie wurden eher von denen gewählt, die das mehr oder weniger aus Gewohnheit schon immer taten. In der Woche nach der Europawahl aber, jene Woche, in der auch Andrea Nahles zurücktritt, legen sie um fast zehn Prozentpunkte zu und liegen jetzt sogar vor der CDU. Habeck selbst hatte diesen Moment kommen sehen. Er wusste, wenn am Wahlsonntag die Gewinne und Verluste der Parteien im Vergleich zur Europawahl 2015 im Fernsehen zu sehen sein werden, würde der CDU-Balken nach unten und der seiner Partei weit, weit nach oben gehen. Als könnte er beinahe in den Himmel wachsen.

Ins Zentrum eingerückt

Am nächsten Morgen wird er gemeinsam mit Sven Giegold reichlich verschlafen in der Bundespressekonferenz sitzen und sagen, seine Partei sei nun ins Zentrum der politischen Debatte eingerückt. Ein Satz, der mit Bedacht gewählt, dennoch beinahe untergegangen ist. Spätestens an diesem Morgen verbinden sich die beiden Geschichten miteinander. Also der Osten und die sogenannte K-Frage. Mit beiden fremdelt Habeck zu diesem Zeitpunkt noch.

"Bevor ich mit dem Finger auf die anderen zeige, habe ich auf mich gezeigt. Und ich habe gemerkt, dass die Menschen durch diese Haltung anders mit mir gesprochen haben, mehr Nähe zugelassen haben", wird er diese Wochen später bilanzieren. Denn obwohl die AfD bei der Europawahl erneut große Erfolge erringen kann, sind die Grünen im Osten die Überraschungssieger. In Städten wie Leipzig, Jena, Potsdam und Rostock werden sie zum ersten Mal in der Nachwendegeschichte stärkste Kraft. Und die älteste Frage der deutschen Einheit, wie ticken sie denn nun, diese Ossis?, sie wird jetzt auch Robert Habeck immer häufiger und drängender gestellt. Er muss beweisen, was er gelernt hat. Er soll ja fortan für das ganze Land sprechen. 

Auf die Ost-Fragen wird er lange Zeit noch eher orakelnd antworten: "Ich bin von meiner Biografie her nicht derjenige, der dazu geboren ist, das Vertrauen der Ostdeutschen zu gewinnen." Ich bin mir über Wochen nicht sicher, ob es ihm bis zu den Landtagswahlen gelingen wird, präzisere Sätze zu sagen. Wie lange will er sich noch für alles nur entschuldigen? Auch auf die K-Frage hat er sich einen Katalog an ausweichenden Antworten und Reaktionen erarbeitet: er winkt ab, wirft die Arme in die Höhe oder den Kopf in den Nacken, schüttelt den Kopf oder verdreht die Augen. Mal belustigt, mal gequält, mal kokett, mal genervt, je nach Tagesform. Erst im August nennt er die Grünen eine "Quasiregierungspartei im Wartestand". Je mehr er ostdeutsch sprechen lernt, desto mehr findet er auch in seine Rolle als möglicher Kanzlerkandidat hinein.

Das Geheimnis von Robert Habeck, wenn man bei einem, den ständig Kameras begleiten, überhaupt von einem Geheimnis sprechen kann, besteht vor allem darin, sich ganz bewusst so unangepasst wie möglich durch die Welt der Politik zu bewegen. Sich von ihr nicht verformen zu lassen. Eine Welt, in der vieles nach festen Regeln und erprobten Konventionen abläuft, eher große Versprechen gemacht als kleine Fehler zugegeben werden und in der die meisten nur in vorgefertigten Sätzen reden und wahrscheinlich auch nur in vorgefertigten Gedanken denken können. 

Robert Habeck scheint gerade deshalb perfekt in diese Welt zu passen, weil er sich ihren Ritualen verweigert: Er spricht nicht in Formeln, trägt selten Anzüge, versucht die Gegner sachlich zu kritisieren und greift nicht wie ein Mann nach der Macht, sondern teilt sie sich in der Partei pflichtbewusst mit Annalena Baerbock. Und er weiß, dass er so bleiben muss. Wenn er wird wie die anderen, brauchen ihn die Politik und die Medien nicht mehr. Werden ihm und seiner Partei die Herzen sicherlich nicht länger so zufliegen wie in den vergangenen Monaten. Wie lange aber kann einer anders bleiben? Und wie lange ist er es – fängt das Anderssein irgendwann an, eine Methode zu werden?

Anders bleiben

Es kommt einem Show Act gleich, wenn Habeck nach einem Wahlkampfauftritt in Cottbus von Journalisten umringt nachts im Regionalexpress sitzt wie sonst nur Angela Merkel in der Kanzlermaschine, auf der einen Seite in einen in Alufolie gewickelten Falafel beißt, sodass die Soße auf der anderen Seite wieder herausquillt und auf seine Hose tropft. Die mitreisenden Journalistinnen haben das Malheur natürlich kommen sehen, sofort springen zwei von ihnen auf und reichen Taschentücher. So ein Fleck hat jedoch immer die Eigenschaft, sich zu vergrößern, wenn man auf ihm herumwischt. Großes Gelächter. Aber Habeck setzt noch einen drauf. Er öffnet seine Bierflasche an der Kante einer Armlehne, der Verschluss springt quer durchs Abteil, der Schaffner eilt herbei und erteilt ihm eine Rüge, die er sich sitzend, die Hände im Schoß gefaltet, anhören muss wie ein Schuljunge.

So wie man das macht, wenn man ein normaler Mensch ist. Für Habeck aber, auch das kann ich im Laufe der Monate immer klarer sehen, ist in einer atemberaubenden Geschwindigkeit plötzlich nichts mehr normal. So schnell wie er ist noch keiner beinahe aus dem Nichts zu einem der aussichtsreichsten Nachfolger von Angela Merkel aufgestiegen. Habeck, der Mann aus der Provinz, den außerhalb seiner Partei noch vor zwei Jahren kaum jemand gekannt haben dürfte. Wie sehr ihn dieser unerwartete Höhenflug stresst, lässt er sich nicht anmerken. Er verrät sich lediglich in Sätzen wie dem, dass er das Gefühl habe, ständig würden ihm neue schwere Steine in den Rucksack gelegt. Von den Journalisten, von den Wählern, von der eigenen Partei. Wie lange wird er sich noch so dicht auf die Pelle rücken lassen? Wie lange wird er noch der Robert, den alle ständig duzen, anfassen und umarmen, bleiben können? Duzt man eigentlich einen Kanzler?

Auch mit dem Osten will er es anders machen. Endlich wirklich auf Augenhöhe und so, obwohl sich das freilich schon viele vor ihm vorgenommen haben und trotz der guten Vorsätze gescheitert sind. Diese westdeutsche Überheblichkeit, sie ist aus den meisten Körpern und Gesten und Sätzen einfach nicht so leicht herauszubekommen. Zumal die Sensibilität für diese Arroganz bei vielen Ostdeutschen über die Jahrzehnte stetig zugenommen haben dürfte.

Eine zweite Chance von den Ostdeutschen

Immer wieder erzählt er, dass die West-Grünen sich zu lange nicht für Ostdeutschland und vor allem die turbulenten Nachwendejahre interessiert hätten, dass sie versucht haben, den Zusatz "Bündnis 90" aus ihrem Namen zu streichen. Er sagt sogar, die West-Grünen hätten den Ost-Grünen im Weg gestanden. Nun aber erhielte die Partei eine zweite Chance. Natürlich sind ältere ostdeutsche Grüne über solche Sätze not amused. Schließlich gibt es eine ganze Reihe von Prominenten unter ihnen: Marianne Birthler, Gunda Röstel, Steffi Lemke, Katrin Göring-Eckardt, Werner Schulz. Ihnen droht mit so einem Satz, dass sie nachträglich aus der Historie herausgeschrieben werden. Mal wieder, wie so oft.

Seit Anfang des Jahres reist Habeck immer wieder in den Osten. Er ist dort so oft unterwegs wie kein anderer Spitzenpolitiker. Er fährt zu Schäfern und Ökobauern nach Brandenburg; besucht Ortsverbände in der sachsen-anhaltinischen Provinz, die oft aus nicht mehr als ein paar Leuten bestehen; trifft Uhrenhersteller in Sachsen, Werftarbeiter an der Ostsee, die Bloggerin Annalena Schmidt in Bautzen. Er unterstützt Franziska Schubert in Görlitz bei ihrem Bürgermeisterwahlkampf und spricht in Leipzig auf einer Demo für ein offenes Europa von einem fahrenden Auto herunter zu den Demonstranten. Der Zug, der hinter ihm herläuft, ist im Vergleich zu den anderen Parteien endlos lang.

Bei den meisten dieser Treffen geht es, anders als im Westen, weniger um Ökologie oder den Klimawandel, sondern um die Zivilgesellschaft und ihren Kampf gegen die AfD. Selbst in Cottbus, wo eigentlich der Kohleausstieg diskutiert werden soll, bekommt Habeck in jenem Moment den größten Applaus, in dem er für eine offene und tolerante Gesellschaft wirbt. Es ist erstaunlich, dass ausgerechnet er und die Grünen jenen Menschen, die dafür im Osten entschieden eintreten, ein Gesicht zu geben scheinen wie im Moment keine andere Partei. Nicht einmal die Linke, die diesen Kampf schon viel länger und hartnäckiger führt. Möge er im Westen erzählen, dass es auch im Osten nicht nur Nazis gibt, sagt eine junge Studentin auf der Leipziger Demo zu mir und lacht. Es soll wie ein Scherz klingen, dann aber schaut sie mich an und ich sehe, es ist keiner.

"Regieren ist ja eigentlich nichts für Leute mit Charakter"

In den Augen vieler Ostdeutscher dürfte das zynisch klingen, aber die vergangenen Monate sind für Robert Habeck eine Art anachronistische Bildungsreise durch eine innere und äußere Terra incognita. Das für ihn bis dahin weitgehend unbekannte Ostdeutschland. Ungefähr 20 Prozent aller Westdeutschen, hieß es gerade in der FAS, seien noch nie in ihrem Leben im Osten gewesen. Aber Habeck hilft es in vielen Momenten, dass er anders sein will. Er wird (noch) nicht mit "denen da oben" aus der mitunter fern wahrgenommenen Hauptstadt assoziiert. Ein älterer Bergmann in Zwickau drückt es so aus: "Habeck ist ein ehrlicher Kerl. Eigentlich ist regieren ja nichts für Leute mit Charakter." Und eine sächsische Landtagsabgeordnete, die mit ihm Wahlkampf macht, sagt, Robert würde man es nicht übel nehmen, ein Wessi zu sein.

Natürlich begegnet man auch diesen alten Männern mit ihren Stoffbeuteln, die als die Inkarnation des ostdeutschen Klischees oft im Fernsehen zu sehen sind, und die "Hau ab, du grüne Sau" zischen, wenn sie an einem Wahlkampfstand vorbeikommen. Jenen aber, die im August zu seinen Veranstaltungen kommen, sehe ich an, dass sie mögen, wenn er zugibt, keine Antwort zu haben. Dass er ihnen aber auch vehement widerspricht, wenn er anderer Meinung ist. Taktische Parteipolitik und Klüngelei ist im Osten stärker verpönt als im Westen, der Anspruch an Authentizität höher. Oft fallen die Leute schon nach dem zweiten Satz wieder ins Du. "Diese ruppige Ansprache kenne ich aus meiner norddeutschen Heimat, das ist wie zu Hause", beschreibt er das.

Gern sagt Habeck 'Moin', wenn er einen Raum betritt, und legt zum Gruß eine Hand an die Schläfe. Danach gibt er jedem in der immer gleichen, schnellen Bewegung die Hand. Er beugt sich weit nach vorn und macht sich kleiner, als er ist. Bedankt sich eher zweimal, dass man sich die Zeit nimmt, ihn zu empfangen. Selten setzt er sich an die Mitte des Tisches, sondern eher wie unscheinbar an den Rand. Im Auto klettert er freiwillig als erster auf die Rückbank und im Zug quetscht er sich mit den mitreisenden Journalisten in einen Vierersitz. Manchmal legt er auch seinen Kopf auf die Tischplatte und versucht, ein wenig zu schlafen, während die anderen über ihn hinweg weiterreden.

"Ach, der Robert"

Viele Journalisten und Beobachter halten das für Showgebaren, sie können sich nicht vorstellen, dass einer so ist. Auch wenn es immer wieder heißt, Habeck sei im Moment der Liebling der Medien, erlebe ich etwas anderes. Oft spricht man schlecht über ihn. Eigentlich überall, wo ich hinkomme. Der Fernsehmoderator hält ihn für einen Macho. Die Reporterin sagt, er sei in Wahrheit ein eitler Fatzke. Der Bestsellerautor ist sich sicher, dass er, sobald es ungemütlich für ihn wird, hinwirft. Und viele Politiker anderer Parteien holen erst mit gespielter Coolness tief Luft, winken dann ab und sagen: Ach, der Robert! Als wäre er irgendein Amateur, der bald wieder verschwinden wird.

Eine mögliche Kanzlerschaft traut ihm kaum jemand zu. Viel zu impulsiv und emotional sei er. Zu wenig interessiere er sich für die Gremien der Partei, zu viel reise er durchs Land und stelle sich auf jede Bühne. Zeigt hier die Welt der Politik ihre Fratze? So allergisch reagiert sie auf einen, der nicht so sein will wie sie. Sondern wie ein new kid in town die alten Spielregeln ordentlich durcheinander bringt.

Wie gesagt, im Osten hilft ihm dieser Außenseiterstatus. Vielleicht erkennt sich mancher darin. Dass Habeck über Ostdeutschland nicht viel weiß, anders als die seit 14 Jahren in Potsdam politisch aktive Annalena Baerbock über nur wenig Detailkenntnis verfügt, scheint dabei zumindest kein Hindernis zu sein. Als ich ihn in Zwickau frage, womit er die Stadt assoziiert, weiß er nicht, dass der NSU hier aufgeflogen ist, dass das Haus in der Frühlingsstraße hier abgebrannt ist. In Glashütte kann er nicht recht erklären, warum in dieser Stadt, in dem es zig erfolgreiche Uhrenunternehmen gibt, zuverlässig fast 40 Prozent AfD wählen. Wenn er in Bautzen die Bloggerin Annalena Schmidt trifft, die immer wieder rechtsextreme und rechtspopulistische Umtriebe öffentlich macht und die Wut vieler Bürger auf sich zog, erzählt er, dass es auch in Schleswig-Holstein unter den einzelnen Landkreisen große Animositäten gäbe und wie hart er da mitunter vermitteln musste. Als hätte das eine wirklich mit dem anderen zu tun. Er schätzt die Zahl der neuen Parteimitglieder in Leipzig viel zu niedrig ein und lacht, als die dortigen Grünen ihn schüchtern korrigieren. In Gorleben konnte er jede noch so kleine Verästelung des Standortauswahlgesetzes zur Endlagersuche referieren.

Hier wartet niemand mehr

In diesen Momenten zeigt er sich als ein typischer Westdeutscher. Mit der ostdeutschen Realität kommt so jemand in seinem Alltag 30 Jahre nach der Wiedervereinigung offenbar noch immer kaum in Berührung. Der Baggerfahrer findet nach der Veranstaltung in Cottbus jedenfalls nicht, dass Habeck ihm auf seine Frage, wo in der Lausitz nach dem Braunkohleausstieg neue Arbeitsplätze herkommen sollen, eine zufriedenstellende Antwort gegeben habe. Und der Berliner Intellektuelle aus der DDR-Umweltbewegung verneint, als ich ihn frage, ob die Partei eine Ost-Kompetenz besitzen würde. Aber sie scheinen ihm das nicht übel zu nehmen, eher freuen sie sich, dass er überhaupt kommt und Fragen stellt.

Darin zeigt sich ein größer gewordenes ostdeutsches Selbstbewusstsein. Im Jahr 2019 wartet wahrscheinlich niemand mehr darauf, von einem Westdeutschen verstanden zu werden. Man hat sich an die dauernden Missverständnisse gewöhnt, ist gewillt, sie im Zweifelsfall zu überhören und sucht eher nach konstruktiven Lösungen. Sieht in Habeck einen möglichen strategischen Partner. Dieser Pragmatismus ist das Gegenteil der Wut derer, die AfD wählen. Dass Angela Merkel das Land zusammenzuhalten versucht habe, würde er an ihr schätzen, hat Habeck einmal gesagt. Auch das klang wie ein Vorsatz.

In den Wahlkämpfen in Sachsen und Brandenburg hat sich dieser ostdeutsche Pragmatismus bereits gezeigt. Wo Habeck hinkommt, sei es in Leipzig, Zittau oder Bautzen, sind die Säle und Plätze gut gefüllt. Immer wieder beginnt er die Abende damit, von seiner Begeisterung über das hier noch so junge Interesse zu schwärmen. "Es ist für uns Grüne schon etwas Besonderes, wie viel Zuspruch wir hier erfahren. Wir spielen hier plötzlich eine Rolle", ruft er in Zwickau. Die Menschen im Saal reagieren darauf zwar freundlich, gehen aber sofort über, ihm Fragen zu stellen: Es geht um Glyphosat und das Artensterben, den Ausstieg aus der Braunkohle und Abrüstungsfragen, den Soli-Beitrag und die wahrscheinlich bevorstehende Rezession, um die Russland-Sanktionen und Elektroautos. Sie prüfen ihn sachlich, emotionslos und präzise, würde ich sagen.

Habecks Grenzen

Zu Anfang des Jahres hieß es immer wieder, dass der Höhenflug der Grünen, der Hype, wie manche sagen, spätestens in den ostdeutschen Landtagswahlen zu Ende sein würde. "Nun aber sieht es so aus, als würde das Gegenteil eintreten", sagt er wenige Tage vor der Wahl nicht ohne Stolz und Erleichterung in der Stimme. "Wir haben die Chance, diejenigen zu sein, die Brücken bauen – auch was eine mögliche Regierung angeht."

Umso bitterer muss sich der Wahlabend für die Grünen angefühlt haben. Viele Wählerinnen und Wähler haben sich schließlich entschieden, taktisch jener Partei ihre Stimme zu geben, die es am ehesten verhindern kann, dass die AfD stärkste Kraft wird. So gewann die CDU in Sachsen und die SPD in Brandenburg, so verloren eigentlich alle kleineren Parteien auf den letzten Metern an Stimmen. Und so wird womöglich auch die Linke in Thüringen am 27. Oktober gewinnen. Die Angst vor einer siegreichen AfD war bei vielen Menschen einfach zu groß. Eigentlich ein gutes Signal.

Aber ausgerechnet die Grünen, von denen Parteienforscher sagen, sie stünden der AfD diametral gegenüber, haben davon nicht profitieren können. Ist eine weltoffene und tolerante Gesellschaft, ist Klimaschutz doch etwas, wofür zwar das sogenannte linksliberale Milieu gern mit einem Glas Rotwein in der Hand streitet, worauf man aber, wenn es hart auf hart kommt, eben doch verzichten kann? So wie mein Sohn auf das biologische Essen in seinem Schulkiosk, obwohl er weiß, dass es besser für ihn wäre?

Am Wahlabend saß Robert Habeck in der Talkshow von Anne Will. Er hat sich dort nicht mehr dafür entschuldigt, westdeutsch zu sein, sondern klar beschreiben können, wie die ostdeutsche Erfahrungen der vergangenen 30 Jahre noch immer dabei sind, einen eigenen politischen Raum zu kreieren. So präzise können das nur wenige. Auf Twitter wurde bereits geunkt, ob er nun zum Ossi-Versteher mutiert sei. Und ich dachte, die beiden großen Erzählungen der vergangenen acht Monate, also der Osten und die K-Frage, sie haben sich im Leben des Robert Habeck weit aufeinander zubewegt. Gleichzeitig aber haben sie ihm auch wie noch nie zuvor seine Grenzen vorgeführt. 

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