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Söder weiß nicht recht, wohin mit sich

SZ.de-Logo SZ.de 18.04.2019 Von Katja Auer, Addis Abeba
Markus Söder besucht in Addis Abeba mit Marianne Wille von Dallmayr Kaffee ein Lagerhaus. Der Münchner Feinkosthändler importiert seit fast 60 Jahren Kaffee aus Äthiopien. © Peter Kneffel/dpa Markus Söder besucht in Addis Abeba mit Marianne Wille von Dallmayr Kaffee ein Lagerhaus. Der Münchner Feinkosthändler importiert seit fast 60 Jahren Kaffee aus Äthiopien.

Während seiner Reise nach Äthiopien trifft der Ministerpräsident auf Menschen, die weder ihn noch Bayern kennen. Er übt sich tapfer in der Kunst der Empathie.

Ein "neues Kapitel in der bayerischen Politik" will er aufschlagen, drunter macht es Markus Söder nicht. Bayern macht jetzt Afrikapolitik, der Ministerpräsident ist nach Äthiopien gereist. Weil "alles mit allem zusammenhängt", Wirtschaft, Demokratie, Migration, die Chinesen und der FC Bayern. Und weil Söder jetzt endgültig zu den Guten gehören will.

Er hat ein paar solcher Sätze dabei, knapp und eingängig, sie sollen die Botschaft sein dieser Reise. Bayern will helfen, Bayern kann helfen - und soll am Ende auch davon profitieren. Söder hat einen Baum gepflanzt für den Klimaschutz, der deutschen Kirchenschule einen Sonnenkollektor spendiert, die neue Fußballschule des FC Bayern München eröffnet, ein Kaffeelagerhaus besucht, das von Kleinbauern beliefert wird. Schöne Projekte, schöne Fotos.

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Im Flüchtlingscamp Nguenyyiel im Westen Äthiopiens bekommt die neue Afrikapolitik noch mehr Gesichter. Und die alte Flüchtlingspolitik der CSU, denn da trifft Söder auf die Menschen, die er und seine Partei zur Bedrohung stilisierten während der Flüchtlingskrise und noch danach. Das ist eine Wahl und einen rigorosen Imagewandel her, Söder hat das Wort "Asyltourismus" zurückgenommen und auch sonst die Schärfe aus der Debatte. Das hat er, das hat die CSU aus dem schlechten Wahlergebnis gelernt.

Das Flüchtlingscamp liegt nahe der Grenze zum Südsudan, eineinhalb Stunden Fahrt sind es vom Flughafen Gambela über Sandpisten durch die Savanne. Ein paar Hütten, Plastikmüll am Wegesrand, in dem Marabus herumstaksen. Sonst lange nichts. Dann stehen Kinder bereit, sie singen aus vollem Hals, Frauen tanzen, "we are happy to see you today". Fröhlich wirkt das, auf den ersten Blick. Aber die Menschen leben in einfachen Strohhütten, Hilfsorganisationen haben Toiletten aufgestellt. Die Kinder tragen zerrissene Klamotten oder gar keine, in der Schule drängen sich mehr als hundert in einem Klassenzimmer. Söder spricht von der beeindruckenden Lebensfreude, die sei "typisch afrikanisch". Es ist sein erster Besuch in einem Flüchtlingslager. Er war schon öfter in Afrika, zum Urlaub in Tunesien, Marokko, Ägypten, in Kenia, Tansania und zu seinem 50. Geburtstag auf Safari in Südafrika.

Das ist kein touristischer Besuch. Söder weiß nicht recht, wohin mit sich. Klar, für das Foto zwischen die Kinder gestellt. Aber lächeln oder ernst schauen, wie reagieren auf die vielen Menschen? Die wissen nichts vom Asyltourismus, nicht einmal von Bayern und schon gar nicht, wer der Mann im hellen Sakko überhaupt ist. Aber dass er vielleicht helfen kann, das scheint sich herumgesprochen zu haben, ein Mann greift zum Mikrofon. "We need your support", sagt er. 100 000 Euro spendet Bayern an das Kinderhilfswerk Plan International, das im Camp eine Schule für 5000 Kinder betreibt. Eine Bibliothek mit Mobiliar und Büchern soll davon eingerichtet werden, außerdem bekommen auch vier andere Schulen in der Umgebung Geld für neue Klassenzimmer.

Gut 84 0000 Menschen leben nach der jüngsten Berechnung des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) derzeit in dem Lager, die meisten sind vor dem Bürgerkrieg in Südsudan geflohen. Äthiopien ist das zweitgrößte Aufnahmeland für Flüchtlinge in Afrika, mehr als 900 000 Menschen vor allem aus Südsudan, Sudan, Eritrea und Somalia leben in dem armen Land.

Er sei beeindruckt von der "Inner-Solidarität", sagt Söder, also davon, dass afrikanische Länder afrikanische Flüchtlinge aufnehmen. Wovon Europa profitiert, weil sich die Menschen dann vielleicht nicht auf den gefährlichen Weg machen über das Mittelmeer. Deswegen müsse Europa, müsse Bayern helfen. "Alles, was hier verpasst wird und hier an Fehlern gemacht wird, betrifft irgendwann Europa", sagt Söder. Deswegen sei deutsches Steuergeld in Äthiopien gut angelegt.

Er sei "beeindruckt", sagt Söder mehrmals, viel mehr Emotionen sind ihm nicht anzumerken. Imagewandel hin oder her, Empathie gilt nicht als seine stärkste Eigenschaft. Das weiß er vermutlich, er sagt, er müsse alles erst mal sacken lassen. Ganz anders Jörg Wacker, Vorstandsmitglied beim FC Bayern München, der die Delegation begleitet, weil der Verein in Addis Abeba seine sechste Fußballschule eröffnet. "Boah, das muss man erst mal verarbeiten", sagt er und wirkt ehrlich betroffen. "Das ist schon was anderes, als wenn man das nur im Fernsehen sieht."

Die Unternehmen sind noch nicht in Goldgräber-Stimmung

Eineinhalb Stunden dauert der Besuch, mehr als ein grober Eindruck kann da nicht entstehen. "Sie brauchen eine stabile Demokratie, am Ende kann es dann eine neue Gesellschaft und neue Perspektiven für die junge Generation geben", sagt Söder zu den Flüchtlingen. Dass Äthiopien zu einem Stabilitätsanker für Ostafrika werden könnte, wegen seines politischen Wandels, eingeläutet durch den seit knapp einem Jahr amtierenden Premierminister Abiy Ahmed, ist ein Grund für das Reiseziel. Der Besuch führe "ins richtige Land zur richtigen Zeit", das ist auch eine zentrale Botschaft dieser Tage.

Den Premierminister trifft Söder nicht, wohl aber Staatspräsidentin Sahle-Work Zewde, das einzige amtierende weibliche Staatsoberhaupt Afrikas. Der Ministerpräsident bringt einen großen Nymphenburger Löwen mit, aus Porzellan, das Tier ist in Äthiopien ebenso symbolträchtig wie in Bayern. Da weicht die Staatspräsidentin kurz vom Protokoll ab und führt Söder in den Garten des Nationalpalastes. Da hält sie nämlich zwei echte Löwen.

"Es wird sehr begrüßt, was wir hier machen", sagt Söder hernach über das Gespräch. Besonders wichtig sei der Staatspräsidentin das wirtschaftliche Engagement Bayerns, also Investitionen, von denen Äthiopien profitieren könne. Denn die Demokratie könne nur funktionieren, wenn die jungen Leute Perspektiven hätten im eigenen Land.

Beim Besuch in einem Flüchtlingscamp wurde der Konvoi des Ministerpräsidenten streng bewacht. © Peter Kneffel/dpa Beim Besuch in einem Flüchtlingscamp wurde der Konvoi des Ministerpräsidenten streng bewacht.

Alles hängt mit allem zusammen, da ist es wieder, Söders Reise-Mantra. Er hatte sich heftig gewehrt gegen die Kritik der Grünen am wirtschaftlichen Schwerpunkt der Reise. Eine Wirtschaftsdelegation ist gleichzeitig unterwegs, 40 Unternehmensvertreter unter der Führung von Staatssekretär Roland Weigert (Freie Wähler). Eine starke Wirtschaft stärke die Demokratie, sagt Söder wieder und wieder. Bayern könne da helfen, Bayerns Unternehmen vor allem, und nach ersten Gesprächen zeigt er sich optimistisch. Das Interesse sei groß, das bayerisch-äthiopische Wirtschaftsforum mit etwa 300 Teilnehmern ein guter Austausch gewesen.

Die Unternehmer sind da zurückhaltender. "Es herrscht nicht gerade Goldgräberstimmung", fasst der designierte Präsident der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft, Wolfram Hatz, die Stimmung zusammen. Noch sei vielen zu unsicher, ob die junge Demokratie hält, dazu kommen Devisenprobleme und andere Unwägbarkeiten. In einem aber sind sich Unternehmer mit der Politik einig: "Wir dürfen nicht alles den Chinesen überlassen", sagt Hatz. Die investieren in Afrika und erschließen sich so nicht nur Märkte, sondern schaffen Abhängigkeiten. Und hängen in der Söderschen Arithmetik folglich auch mit allem zusammen.

Das Münchner Feinkostunternehmen Dallmayr war schon vor dem chinesischen Investitionsboom da, seit bald 60 Jahren importiert die Firma äthiopische Kaffeebohnen. "70 Millionen Dollar lassen wir im Jahr da", sagt Mit-Inhaberin Marianne Wille, Dallmayr nimmt zehn Prozent der 200 000 Tonnen Kaffee ab, die Äthiopien im Jahr produziert. Damit ist das Land Afrikas größter Kaffeeproduzent.

Sie könne anderen Unternehmen nur raten, in Afrika zu investieren, sagt Wille, Dallmayr habe in all den Jahren nur gute Erfahrungen gemacht. Vor allem Kleinbauern liefern die Bohnen und haben damit ein sicheres Auskommen. Das Unternehmen engagiert sich auch sozial, gerade wird eine Schule gebaut, eine Kaffee-Kooperative in Zusammenarbeit mit dem Hilfswerk "Menschen für Menschen" soll folgen. Die Staatsregierung spendiert 150 000 Euro, solche Projekte stellt sich Söder für seine neue Afrikapolitik vor.

Die soll jetzt erst richtig losgehen, die Reise nur der Auftakt sein. Und ein weiterer Schritt für Markus Söder weg von der dunklen Seite der Macht.

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