Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Sahra Wagenknecht: Doch noch ein bisschen Aufstehen

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE vor 4 Tagen Annika Lasarzik

Sahra Wagenknecht ist erstmal nach ihrem Rückzug aus der Aufstehen-Bewegung und von der Fraktionsspitze aufgetreten. Sie traf auf trotzig optimistische Anhänger.

Sahra Wagenknecht ist erstmal nach ihrem Rückzug aus der Aufstehen-Bewegung und von der Fraktionsspitze aufgetreten. Sie traf auf trotzig optimistische Anhänger. © Axel Schmidt/Reuters Sahra Wagenknecht ist erstmal nach ihrem Rückzug aus der Aufstehen-Bewegung und von der Fraktionsspitze aufgetreten. Sie traf auf trotzig optimistische Anhänger.

Kerzengerade steht sie da. Lässt den Blick durch den Saal wandern; winkt, einmal nur; lächelt, aber nicht zu sehr – und setzt sich nach wenigen Sekunden auch schon wieder hin. Als Sahra Wagenknecht am Donnerstagabend unter großem Applaus die Bühne der Hamburger Fabrik betritt, wirkt sie so, wie man sie eben kennt: kontrolliert, zurückhaltend, sichtlich entspannt.

Hunderte Zuschauer drängen sich in den kleinen Saal, die paar Stuhlreihen vor der Bühne sind alle besetzt. Überall stehen Leute, einzelne schwenken weiße Fahnen, auf denen in roter Schrift "Aufstehen" steht. Es gibt Bier und Limo, es ist laut, kribbelige Spannung liegt in der Luft, lange bevor Wagenknecht auf die Bühne kommt. Viele Männer sind heute gekommen, nur wenige junge Gesichter sind zu sehen, geschätzter Altersdurchschnitt: um die 50.

Wüsste man es nicht besser, hätte man all den Aufruhr der vergangenen Tage einfach nicht mitbekommen, man könnte Wagenknechts Auftritt an diesem Abend für einen Routinetermin halten. Doch am Wochenende war bekannt geworden, dass sie sich aus der Spitze der von ihr mitgegründeten Sammlungsbewegung Aufstehen zurückziehen will. Eine Ankündigung, die für ihre Anhänger überraschend kam, die meisten erfuhren erst aus einem Zeitungsinterview davon. Am Montag dann die nächste Nachricht, von der selbst enge Parteifreunde bis dato nichts ahnten: Nach vier Jahren als Vorsitzende der Bundestagsfraktion wird Wagenknecht im Herbst nicht wieder für das Amt kandidieren. Als Gründe führte sie Stress und Überlastung an, zuletzt war sie zwei Monate lang krankheitsbedingt ausgefallen. 

"So kann es doch nicht bleiben!"

Die Rückzugspläne der mit Abstand beliebtesten Politikerin der Linken befeuern Spekulationen um die Zukunft der Bewegung und der Partei. Von internen Machtkämpfen, gar "Schlammschlachten", in der Linken ist die Rede. Ihr Mandat im Bundestag will Wagenknecht allerdings behalten. Und so lässt sich ihr erster, demonstrativ gelassener öffentlicher Auftritt nach einer turbulenten Woche auch als klares Signal deuten: Seht her, ich bleibe kämpferisch – auch ohne Spitzenposten.

"Aufstehen für ein soziales Land" ist auf einem Banner zu lesen. Es ist das übergreifende Thema an diesem Abend. Geladen hat die Bewegung selbst. Vom Trubel um die eigene Person und der langen Krankheit, die hinter hier liegt, ist Wagenknecht nichts anzumerken. Sie wirkt frisch, ausgeruht und steigt sofort in die Debatte ein, nein, sie referiert: über Wohnungsbau in den Städten, über Leiharbeit, Altersarmut, soziale Spaltung. Und verliert dabei kein Wort über parteiinterne Querelen, zumindest nicht direkt. Dass die Führungen der "Parteien im linken Spektrum" – ergo auch der eigenen – die Aufstehen-Bewegung von Anfang an als eine Totgeburt dargestellt hätten, empört sie. "Viele haben doch nur gehofft, dass das Projekt schnell stirbt. Dabei brauchen wir doch linke Mehrheiten! So kann es doch nicht bleiben!"

Die 49-Jährige redet wie stets rhetorisch versiert, setzt viele Ausrufezeichen und Pausen an den besonders wirkungsvollen Stellen. Die Zuhörer hängen geradezu an ihren Lippen. Ein Effekt, der auffällt, auch im Vergleich zu den anderen Rednern auf dem Podium, darunter der Linke-Wirtschaftsexperte Fabio De Masi und der Hamburger SPD-Abgeordnete Mathias Petersen.

Buhrufe für den SPD-Mann, Jubel für Wagenknecht

Ohnehin lässt sich schnell erahnen, wie die politischen Sympathien an diesem Abend gelagert sind. Während der Sozialdemokrat für seine wiederholten Appelle ans Publikum, sich doch mal in der SPD zu engagieren, abfälliges Gelächter und Buhrufe kassiert, trifft Wagenknecht offenbar immer wieder einen Nerv. Sobald sie nur einen Satz beendet, brandet Applaus auf, von allen Seiten. Ihre Forderung, "skrupellose Miethaie" zu enteignen: Jubel. Diverse Seitenhiebe auf politische Gegner, die allen Bemühungen für eine linke Lagerbildung zum Trotz dann doch meistens die SPD treffen: Jubel.

In manchen Momenten klingt Wagenknecht mehr nach linker Fraktionsvorsitzender als nach linker Integrationsfigur. Das geht so weit, dass Petersen verstimmt einwirft: "Sind wir hier, um SPD-Bashing zu betreiben?" Nach einer Stunde glätten sich die Wogen wieder. Wagenknecht räumt ein, dass sowohl Linke als auch SPD von einem "starken linken Lager" profitieren könnten: Die eine als starke Partei, die andere als "noch linkeres Korrektiv". Beide könnten in einem solchen Szenario durchaus mit Wählerstimmen rechnen, friedlich koexistieren. "Wir würden alle gewinnen!" Es folgt, richtig: Jubel.

Hat Aufstehen auch ohne Wagenknecht eine Zukunft? Auf diese Frage angesprochen reagieren besonders jene eher genervt, die das Logo der Bewegung heute schon auf dem T-Shirt tragen, an Infoständen stehen und Flyer verteilen. So wie Eva, 41 Jahre, Webdesignerin. Sie ist Teil einer Aufstehen-Ortsgruppe in Hamburg-Eimsbüttel. Zum ersten Treffen im Oktober, zu dem ein Nachbar über das Nachbarschaftsnetzwerk nebenan.de aufgerufen habe, seien mehr als 400 Leute gekommen. "Ich verstehe nicht, warum die Bewegung immer wieder als Rohrkrepierer dargestellt wird. Das entspricht gar nicht der Realität, wie ich sie in Hamburg wahrnehme. Das Interesse ist riesig und nimmt auch nicht ab", sagt sie.

Acht Ortsgruppen gebe es inzwischen in der Stadt, dazu elf Arbeitsgruppen, die sich etwa alle zwei Wochen treffen und zu Themen wie Frieden, Klimawandel, Wohnen, Postkapitalismus "nach Lösungen suchen", wie Eva sagt. Sie selbst sei zuvor nie politisch interessiert gewesen, habe auch nicht immer gewählt. Sie interessiere sich für Klimaschutz, fühle sich bei den meisten etablierten Parteien nicht aufgehoben und sympathisiere mit der Ökologisch-Demokratischen Partei. Einer Partei beitreten würde sie trotzdem nie. "Ich will mich da nicht festlegen. Ich finde es besser, über alle ideologischen Gräben hinweg zusammenzuarbeiten."

Solche oder ähnliche Stimmen sind an diesem Abend oft zu hören. Wer schon bei Aufstehen aktiv ist, gibt sich zuversichtlich, sieht den Erfolg der Bewegung nicht an die Prominenz einer Sahra Wagenknecht geknüpft. Und resignieren will hier niemand. "Sahras Rückzug ist nicht das Ende, jetzt geht es erst so richtig los", sagt Sabine, 53 Jahre, Krankenschwester und SPD-Mitglied. Sie ist zum ersten Mal bei einem Aufstehen-Event. An der Bewegung reize sie, dass diese die soziale Frage in den Fokus rücke. "Auf Umweltschutz können sich heutzutage ja alle einigen. Nichts gegen die Fridays-for-Future-Demos, eine tolle Sache. Aber warum gehen die jungen Leute nicht gegen hohe Mieten oder Leiharbeit auf die Straße?" 

Das interessiert MSN-Leser auch:

Nach Anschlägen: Im Nahostkonflikt droht die Eskalation

Brexit: Großbritanniens Demokratie im Stresstest

"Ruhig auch zum rechten Spektrum hin öffnen"

Und doch, die Frage, ob Wagenknechts Rückzug aus der ersten Reihe für Aufstehen nun Chance oder Risiko bedeutet, ließ sich auch an diesem Abend nicht wegapplaudieren. Zumal es Zuhörer gab, die nur kamen, um endlich einmal die prominente Linke mit eigenen Augen zu sehen. "Wagenknecht ist einfach ein Popstar, die wollte ich unbedingt live erleben", erzählt ein Mann, 65 Jahre, adrett gekleidet, der hier nur "Herr Frank" genannt werden möchte. Er sei FDP-Mitglied, habe von der Idee hinter Aufstehen bislang nichts gehalten. "Aber dann habe ich die Frau Wagenknecht immer wieder in Fernsehtalkshows gesehen und war schwer beeindruckt. Leider gibt es sonst ja nur ganz wenige charismatische Politiker hierzulande", sagt Herr Frank. Christian Lindner sei da eine der wenigen Ausnahmen. Links würde er auch jetzt nicht wählen, meint Herr Frank noch, dennoch habe er "ein paar interessante Denkanstöße" mitgenommen.

Ähnlich sehen es Corinna und Thomas, 58 und 54 Jahre, beide Angestellte in einem Medienhaus. Politisch aktiv waren sie noch nie. Sie sind spontan gekommen, weil sie ein Plakat mit dem Konterfei von Wagenknecht in der Stadt sahen, erzählt Corinna. "Frau Wagenknecht ist einfach eine ganz tolle Frau. Ähnlich beeindruckt mich nur Frauke Petry. Das ist auch eine hochintelligente und sehr charismatische Frau. Schade, dass die nicht hier ist. Die gehört zwar zu einer ganz anderen politischen Richtung, aber so sehr rechts war die doch gar nicht. Wenn Frau Wagenknecht und Frau Petry einmal miteinander auf einer Bühne diskutieren könnten, das wäre ein Traum."

Kurz zuvor, im Laufe der Diskussion, hatte Wagenknecht noch erklärt, dass Aufstehen auch jene Wähler erreichen solle, die "aus lauter Wut" die AfD wählen. Ein guter Ansatz, findet Thomas. Überhaupt könne sich die Bewegung "ruhig auch zum rechten Spektrum hin öffnen", sagt Herr Frank, "auch zur AfD, warum nicht?" Doch solche Gedanken werden an diesem Abend nur selten laut ausgesprochen, sie bleiben die Ausnahme. Während Wagenknechts Rückzug auch in weiten Teilen der Linken für Debatten sorgt, üben sich ihre Anhänger in geradezu trotzigem Optimismus. Oder, wie die Aktive Eva eben noch sagte: "Irgendwie muss es ja weitergehen." 

Mehr auf MSN

NÄCHSTES
NÄCHSTES

Friedrich Merz (CDU) Nächste Geschichte

Verteidigungsausgaben: Merz gibt Trump recht

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE
ZEIT ONLINE
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon