Durch Nutzung dieses Diensts und der damit zusammenhängenden Inhalte stimmen Sie der Verwendung von Cookies für Analysezwecke, personalisierte Inhalte und Werbung zu.
Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Salafismus: Terroristen sind theologische Analphabeten

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE vor 4 Tagen Hazim Fouad

Alle islamistischen Attentäter der letzten Jahre entstammten salafistischen Milieus. Sinn, Halt, Identität: Was genau verspricht der Salafismus?

In der Debatte über islamistisch motivierte Terroranschläge in Europa wird immer wieder die Frage aufgeworfen, welche Rolle der Islam bei der Radikalisierung von jungen Menschen spielt. Islamfeinde sehen Terrorgruppen wie den selbst ernannten "Islamischen Staat" (IS) als Ausdruck einer ihrer Meinung nach gewaltbereiten Natur des Islams. Auf der anderen Seite hört man jene, die jeden Bezug zur Religion reflexartig abstreiten. Beide Sichtweisen erklären nicht, woher die Gewaltbereitschaft von islamistischen Terroristen rührt. Um das zu verstehen, sollte man religiöse und nichtreligiöse Komponenten gleichermaßen berücksichtigen.

Gemeinhin schreibt man militanten Gruppen wie Al-Kaida und dem IS ein salafistisches Islamverständnis zu. Doch wofür steht das eigentlich? Dem wollen wir hier nachgehen.

Theologisch gesehen lassen sich einzelne Elemente des salafistischen Islamverständnisses auf einzelne Personen und Entwicklungen in der Geschichte des Islams zurückführen. Da wäre zum einen eine wortwörtliche Auslegung der heiligen Quellen des Islams, des Koran und der Überlieferungen der Aussagen und Taten des Propheten (Hadithe). Diese Lesart wurde so allerdings nicht von Mohammed selbst gepredigt, sondern entwickelte sich erst im 9. Jahrhundert. Grund war der zunehmende Einfluss von Gelehrten, die durch die altgriechische Philosophie inspiriert waren und versuchten, die Texte rational zu deuten.

Die Anhänger der Gegenbewegung zu den Rationalisten um den Gelehrten Ahmad ibn Hanbal nannten sich ahl al-hadith, also Anhänger der Überlieferung, und gaben vor, über ihren buchstabengetreuen Ansatz dem Islamverständnis der ersten Muslime, den salaf, zu folgen. Mehrheitsfähig wurden diese Positionen nie. Die aus dem Wirken Ibn Hanbals hervorgegangene Rechtsschule milderte ihre Positionen im Laufe der Zeit deutlich ab. Die meisten heutigen Muslime folgen anderen theologischen Schulen, die den Gebrauch des Verstandes für die Exegese klar befürworten. 

Aufgegriffen und verfeinert wurde Ibn Hanbals theologisches Erbe erst mehr als 400 Jahre später durch den Gelehrten Ahmad ibn Taymiyya. Der Kontext für seine Überlegungen war jedoch ein völlig anderer. Als Zeitzeuge der letzten Nachwirkungen der Kreuzzüge und des Mongolensturms sah er die islamische Welt von Feinden umgeben und außerstande, sich derer effektiv zu erwehren. Den Grund dafür sah er in der Nachlässigkeit seiner Zeitgenossen bei der korrekten Ausübung ihrer Religion sowie im Einfluss der mystischen Orden und ihrer vermeintlich unislamischen Praktiken.

Heutige Salafisten versuchen gern, eine nahtlose ideologische Linie vom Propheten Mohammed zu sich selbst zu ziehen. Allerdings gibt es außer Ibn Hanbal und Ibn Taymiyya nur wenige Gelehrte, auf die sie sich beziehen können. Der Salafismus hat also insofern mit dem Islam zu tun, als dass es sich um eine von Dutzenden Strömungen innerhalb der Religion handelt. Bis heute machen Salafisten aber nur einen Bruchteil der Muslime aus.

Vorläufer des modernen Salafismus war die nach ihrem Gründer Mohammed ibn Abdel Wahhab benannte wahhabitische Bewegung. Sie kam im 18. Jahrhundert auf der Arabischen Halbinsel auf und wurde zu einer Massenbewegung. Ein Grund für die weite Verbreitung der theologischen Positionen Wahhabs war sein Bündnis mit dem einflussreichen Stamm der Al-Saud, das dem Vorhaben Wahhabs den militärischen Rückhalt sicherte. Nach der Gründung des Königreichs Saudi-Arabien 1932 wurde der Wahhabismus dort zur Staatsdoktrin. Auf diese wahhabitische Bewegung bezieht sich der Salafismus, der aber ein Produkt des 20. Jahrhunderts ist.

Keine Religion ist mit so vielen Vorurteilen behaftet wie der Islam. In Deutschland ist die Stimmung spätestens seit der Ankunft der Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan aufgeheizt. Muslime sind für viele zum Feindbild geworden. In vielen Kommentaren, die auch ZEIT ONLINE erreichen, zeigen sich unverhohlen Ressentiments.

Zugleich scheinen die wenigsten zu wissen, was der Islam eigentlich ist. Lässt sich mit ihm die Gewalt von Terroristen legitimieren? Begründet er die Benachteiligung der Frau? Unterdrückt er die Sexualität? Diesen Fragen gehen wir in dieser Serie nach.

Wir lassen Wissenschaftler, Autoren und Experten zu Wort kommen, die sich intensiv mit dem Islam befassen und sich um eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Religion bemühen.

In den Essays und Interviews dieser Serie steht die Frage im Mittelpunkt, ob und inwieweit der Islam mit der Moderne vereinbar ist, welche liberalen Zugänge es gibt – und welche es künftig braucht, um eine zeitgemäße Annäherung an diesen Glauben zu ermöglichen.

Alle Teile der Serie Islam heute finden Sie hier.

Konzeption: Andrea Backhaus

Wahhabs radikales Islamverständnis war gekennzeichnet von einem rigorosen Freund-Feind-Schema, dessen Zielscheibe in erster Linie andere Muslime waren. Seine streng konservative Lesart des Islams vertrat eine wortwörtliche Auslegung des Koran und der Sunna, also der Überlieferungen über das Leben, die Taten und Aussagen des Propheten. Wer ein anderes Verständnis vom Islam hatte als die Wahhabiten, galt ihnen als Ungläubiger, der bekämpft werden musste. Es sollte daher nicht verwundern, dass sich die Wahhabiten heftiger innermuslimischer Kritik ausgesetzt sahen. Vermutlich wäre die wahhabitische Bewegung alsbald in der Versenkung verschwunden, hätten nicht politische Entwicklungen ihr Fortbestehen gesichert.

Während zu Anfang des 20. Jahrhunderts europäische Kolonialmächte nahezu die gesamte arabische Welt besetzten, gelang es dem jungen saudischen Königreich über Bündnispolitik mit westlichen Partnern, seine Unabhängigkeit zu wahren. Die Entdeckung von gigantischen Erdölreserven und die dadurch generierte Finanzkraft waren ein weiterer Baustein, der Saudi-Arabien half, zur Regionalmacht aufzusteigen und sein Islamverständnis weltweit zu propagieren.

Allerdings hat der Wahhabismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nochmals einen fundamentalen Wandel durchlaufen, weswegen der gegenwärtige Salafismus von der historischen wahhabitischen Bewegung unterschieden werden muss. Der Wahhabismus war zunächst eine innerislamische Reformbewegung, die sich auf die Purifizierung der Glaubenslehre konzentrierte. Der heutige Salafismus definiert sich hingegen meist als Gegenmodell zu westlichen Vorstellungen von Säkularismus, liberaler Demokratie und Menschenrechten. Der Wahhabismus war also eine Form des religiösen Fundamentalismus, der Salafismus ist darüber hinaus eine moderne Politideologie.

Seine Politisierung erfolgte durch die Aufnahme islamistischer Oppositioneller durch Saudi-Arabien aus den umliegenden arabischen Staaten seit etwa 1950. Diese Intellektuellen waren oft Mitglieder islamistischer Gruppen und fanden in den Bildungseinrichtungen Saudi-Arabiens eine Beschäftigung. Das Ergebnis war eine unter dem Namen sahwa (Wiedererweckung) bekannt gewordene neue Generation von Aktivisten, die das revolutionäre Moment des Islamismus mit dem theologischen Fundament der Wahhabiyya verknüpfte.

Erst jetzt kann vom Salafismus als einer gegen den Westen gerichteten politischen Ideologie gesprochen werden, wobei ironischerweise der Islamismus, insbesondere dessen Forderung nach einem wertebasierten Staat, durch europäische revolutionäre Denker beeinflusst wurde. Nicht zufällig entwickelte einer der Hauptdenker des modernen Islamismus, Abul Ala Maududi, seine Überlegungen zu einer Zeit, als die totalitären Ideologien Kommunismus und Faschismus um globale Vorherrschaft rangen. Politische Entwicklungen wie der sowjetische Einmarsch in Afghanistan 1979 führten dazu, dass einige Salafisten auch den Einsatz von politischer Gewalt als legitim ansahen. Wie viele fundamentalistische Gruppen anderer Religionen ist der Salafismus also sowohl Produkt der westlich geprägten Moderne als auch ihr Gegenmodell.

Der heutige Salafismus ist eine heterogene und dynamische Bewegung mit diversen Strömungen, die sich zum Teil erbittert bekämpfen. Sogenannte puristische oder quietistische Salafisten, wie der 1999 verstorbene Gelehrte Al-Albani, lehnen jegliche Form von politischem Aktivismus ab und plädieren für die Beschäftigung mit rein religiösen Themen. Im Unterschied zu den Wahhabiten, die sich an der hanbalitischen Rechtsschule orientierten, begreifen heutige puristische Salafisten unter dem Einfluss Al-Albanis jegliche Rechtsschulanbindung als Häresie. Auf den Internetseiten deutscher Anhänger dieser Richtung findet man nicht nur Kritik an politisch aktiven Salafisten, sondern auch deutliche Stellungnahmen gegen dschihadistische Gruppen und Terroranschläge. Sie sind daher weniger eine sicherheitspolitische als eine integrationspolitische Herausforderung. Ihr Gedankengut, vergleichbar mit Sekten und fundamentalistischen Strömungen innerhalb anderer Religionen, fördert Polarisation und soziale Abschottung und gefährdet somit den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Politische Gewalt geht von ihnen jedoch nicht aus. 

Problematischer wird es beim politischen Salafismus, der sich in mindestens zwei Hauptflügel aufteilt. Der missionarische Flügel predigt zwar keine Gewalt, doch widersprechen seine Forderungen vielen elementaren Bestandteilen des Grundgesetzes. Seine Beobachtung durch die Sicherheitsbehörden ist daher gerechtfertigt. Der zweite Flügel übt zwar selbst keine Gewalt aus, äußert aber Sympathien für dschihadistische Gruppen. Letztere wiederum sind dann diejenigen, die nicht mehr reden, sondern handeln und politische Gewalt als legitim und notwendig erachten. Die Übergänge zwischen den verschiedenen Zweigen sind dabei fließend. 

Das Paradebeispiel hierfür ist die im November 2016 durch das Bundesinnenministerium verbotene Vereinigung Die wahre Religion. Nach außen trat sie vor allem durch missionarische Aktivitäten wie Koranverteilung auf. Ihre Prediger rechtfertigten jedoch in ihren Videos die Taten dschihadistischer Gruppierungen. Eine Studie des BKA ergab zudem, dass fast ein Fünftel der nach Syrien oder in den Irak ausgereisten Personen zuvor bei Koranverteilaktionen aktiv gewesen war.

Salafismus befördert also nicht per se politische Gewalt. Nach wie vor gehören die meisten Salafisten dem missionarischen Zweig an. Doch es gibt darin ein militantes Spektrum, alle islamistischen Attentäter der letzten Jahre entstammten salafistischen Milieus. Zudem eignet sich seine Freund-Feind-Dichotomie zur Rechtfertigung von Gewalthandlungen gegen Andersdenkende. Ob Gewalt als sinnvoll erachtet wird, hängt jeweils vom Kontext der handelnden Akteure ab. Genuin religiöse Motive spielen dabei oft eine untergeordnete Rolle. Der Salafismus ist vor allem in der europäischen Diaspora eher als eine Form der radikalen Jugendsubkultur zu verstehen.

Über das Internet, Asyl-, Arbeiter- und Studentenmigration sowie ausländische Finanzierung kam der Salafismus aus der islamischen Welt nach Europa. Da es einen großen Anteil von Konvertiten ohne Migrationshintergrund unter Salafisten gibt, aber auch muslimische Jugendliche, die vor ihrer Hinwendung zum Salafismus oft kaum Berührungspunkte mit der Religion hatten, muss man bei dieser Frage sozioökonomische Faktoren berücksichtigen.

Einige dieser Faktoren wurden durch den Islamwissenschaftler und Pädagogen Jochen Müller mit der Formel WWGGG auf den Punkt gebracht. Der Salafismus vermittle leicht akquirierbares Wissen, dessen Erwerb als Voraussetzung für den Aufstieg innerhalb der Gruppe angesehen wird. Das vermittelte Wissen stehe dabei für nichts Geringeres als die reine Wahrheit. Der Salafismus fordere zudem Gehorsam gegenüber den Geboten und Verboten des Islams und gebe somit Orientierung in einer zunehmend unübersichtlichen, als wertefrei empfundenen Welt. Dafür biete er die Aufnahme in eine exklusive Gemeinschaft, die sozialen Zusammenhalt schaffe und offen für jeden sei, der sich ihren Vorgaben fügt. Durch das Gefühl, auf der Seite der Guten zu stehen, werde das Verlangen nach Gerechtigkeit gestillt, welches viele Jugendliche bewegt.

Sinn, Orientierung und eine vermeintlich eindeutige Identität scheinen demzufolge maßgebliche Gründe für die Hinwendung zum Salafismus zu sein. Vor allem bei den gewaltaffinen Salafisten fällt auf, dass ihre theologischen Kenntnisse oft gegen null tendieren. Ein Großteil der sogenannten Foreign Fighters hat eine kriminelle Vergangenheit und sieht in der Ideologie des IS wahlweise die Möglichkeit, Gewalt mit neuer Legitimation fortzuführen oder sich vermeintlich von seinen bisherigen Sünden reinzuwaschen. 

Von einer "Islamisierung von Radikalität" spricht daher der französische Politologe und Islamexperte Olivier Roy statt von der "Radikalisierung des Islams". Der Dschihadismus habe sich zu der globalen Gegenkultur zum aktuellen Status quo entwickelt und dabei die radikale Linke abgelöst. Um das Phänomen der Radikalisierung junger Menschen zu verstehen und mögliche Gegenmaßnahmen zu entwickeln, dürfen historische, soziologische, ökonomische und politische Faktoren bei der Betrachtung nicht ausgeklammert werden. Der Blick auf die Religion allein reicht nicht aus.

Den IS scheint die mangelnde theologische Qualifikation seiner Rekruten keineswegs zu stören. Im Gegenteil, er rekrutiert in den prekären Vierteln europäischer und arabischer Großstädte und nicht in den theologischen Zentren der islamischen Welt. Ein offener Brief, verfasst und unterschrieben von über hundert muslimischen Gelehrten, der die religiöse Legitimation des IS herausfordert, blieb bis heute unbeantwortet.

Insgesamt, so scheint es, ist eine Kombination aus repressiven Maßnahmen, theologischen Gegenargumenten sowie Methoden aus der sozialen Arbeit Erfolg versprechend. Eine einseitige Fokussierung auf den Islam hingegen trägt keine Früchte. 

Zusammenfassend kann man sagen: Der Salafismus hat insofern mit dem Islam zu tun, als dass es sich beim ihm um eine fundamentalistische Strömung innerhalb des sunnitischen Islams handelt. Gleichzeitig wird er nur von einer deutlichen Minderheit vertreten, deren Islamverständnis die meisten Muslime ablehnen. Dies anzuerkennen, würde uns in der Debatte um Terrorismus schon ein ganzes Stück weiterbringen.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE
ZEIT ONLINE
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon