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Türken missachten Erdogans Appell

WELT-Logo WELT 23.02.2019

HANDOUT - Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hält am frühen 16.07.2017 eine Rede an das Volk vor dem Präsidentenpalast in Ankara bei der Einweihung eines Denkmals im Gedenken an die Opfer des gescheiterten Putschversuchs am 15.07.2016. (ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur bei Nennung Foto: Uncredited/Presidency Press Service POOL/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ © dpa HANDOUT - Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hält am frühen 16.07.2017 eine Rede an das Volk vor dem Präsidentenpalast in Ankara bei der Einweihung eines Denkmals im Gedenken an die Opfer des gescheiterten Putschversuchs am 15.07.2016. (ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur bei Nennung Foto: Uncredited/Presidency Press Service POOL/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Erdogan appellierte im vergangenen Jahr an seine Landsleute, ausländisches Geld in türkische Lira zu tauschen. Doch die Menschen machen genau das Gegenteil. Das ist auch klug, denn die Regierung Erdogan doktert nur an Symptomen herum.

Als die Währungskrise in der Türkei im August ihren Höhepunkt erreichte, richtete Präsident Recep Tayyip Erdogan einen dringlichen Appell an seine Landsleute. Sie sollten ihre Fremdwährungen, vor allem Dollar, in Lira tauschen, um so deren Kurs zu stützen. Fernsehbilder zeigten dann auch Menschen, die das demonstrativ taten, mancher verbrannte gar seine Dollarscheine öffentlich.

Doch staatliche Propaganda ist das eine. Die Realität ist das andere. Dies zeigen nun bekannt gewordene Zahlen der türkischen Zentralbank. Demnach haben die Türken ihr Geld nämlich keineswegs in Lira getauscht, ganz im Gegenteil. Sie haben derzeit so viele Fremdwährungen auf der hohen Kante wie nie zuvor. Damit wappnen sie sich vor einer Rückkehr der Währungskrise – und das ist durchaus weise.

Seit Anfang 2017 hatte die türkische Lira immer schneller an Wert verloren. Kostete ein Euro vor zwei Jahren noch weniger als vier Lira, waren es im Mai 2018 dann schon fünf Lira, und von da an ging es mit dem Wert der türkischen Währung immer schneller abwärts. Im August mussten fast acht Lira pro Euro bezahlt werden.

Ursache dafür war, dass die Notenbank die Zinsen viel zu lange viel zu niedrig gehalten hatte – auf Erdogans Geheiß. Denn durch die niedrigen Zinsen wurde das Wirtschaftswachstum hoch gehalten, was der Präsident dringend brauchte, um im Juni 2018 wiedergewählt zu werden.

Die Kehrseite war jedoch, dass sich Unternehmen und Privathaushalte aufgrund des billigen Geldes immer mehr verschuldeten, weit über ein gesundes Maß hinaus. Zum anderen kletterten auch die Preise schneller. Hatte die Inflationsrate bis Anfang 2017 jahrelang unter zehn Prozent gelegen, stieg sie nun auf elf, zwölf, 15 Prozent, im Oktober erreichte sie sogar 25 Prozent.

In Kombination mit einem heftigen Streit zwischen Ankara und Washington, bei dem Präsident Donald Trump mit wirtschaftlichen Strafmaßnahmen drohte, führte all dies zur Krise der Lira. Seither hat sich die Lage etwas beruhigt. Das liegt weniger daran, dass die Präsidenten der USA und der Türkei wieder miteinander reden und derzeit offensichtlich auch häufig miteinander telefonieren.

Viel entscheidender war, dass die Notenbank die Zinsen in einer radikalen Aktion schließlich doch erhöht hat. Die Rate für einwöchiges Zentralbankgeld stieg in drei Schritten von acht auf 24 Prozent. In der Folge erholte sich die Lira wieder ein wenig, heute kostet ein Euro nur noch etwa sechs Lira.

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Flucht in Fremdwährungen folgt ökonomischer Logik

Doch das Vertrauen der Türken in ihre Währung scheint stark beschädigt. Traditionell halten sie schon immer einen erheblichen Teil ihrer Guthaben in Fremdwährungen – bei Inflationsraten um zehn Prozent ist das nur logisch.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hätte gerne stabileres Geld. Doch bisher sieht seine Bilanz diesbezüglich ernüchternd aus © AFP/Getty Images Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hätte gerne stabileres Geld. Doch bisher sieht seine Bilanz diesbezüglich ernüchternd aus

Doch während der Anteil der Fremdwährungen an den Ersparnissen in den vergangenen Jahren meist zwischen 30 und 40 Prozent lag, erreichte er nun einen neuen Rekordwert von 46,6 Prozent. Fast die Hälfte ihres Geldes bunkern die Türken also in Dollar, Euro oder anderen Währungen, die sie für stabiler halten als ihre eigene.

Das ist letztlich auch nur rational. Denn die aktuelle Stabilisierung ist nicht die Folge wirtschaftspolitischer Korrekturen. Es ist einfach die Reaktion darauf, dass sich die Türken wegen des Wertverfalls der Lira weniger ausländische Produkte leisten können und die Importe eingebrochen sind. Dadurch hat sich die Handelsbilanz verbessert. Lag das Außenhandelsdefizit im Dezember 2018 noch bei 6,6 Prozent, wurde es seither auf 3,6 Prozent fast halbiert. Und als Folge davon haben sich auch die Devisenreserven der Zentralbank stabilisiert.

"Dennoch machen wir uns weiter Sorgen um die ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen", sagt Dennis Shen, leitender Analyst bei der Ratingagentur Scope. "Viele der strukturellen Schwächen, von der Abhängigkeit der Wirtschaft von ausländischem Kapital über die hohe Inflation bis zu Fragen der politischen Führung bleiben ungelöst."

Staatliche Preiskontrollen sollen Inflation bremsen

Hinzu kämen neue Probleme, wie die Diskussion um eine Teilverstaatlichung der größten Bank des Landes, die Işbank. Diese gehört zu 28,1 Prozent der größten Oppositionspartei des Landes, der CHP. Präsident Erdogan ist dies jedoch ein Dorn im Auge und er will diesen Anteil in staatlichen Besitz überführen.

Daneben belasten die Türkei geopolitische Risiken, wie der Krieg im benachbarten Syrien. Aber auch staatliche Preiskontrollen, die den Preisauftrieb künstlich verlangsamen sollen, beunruhigen Ökonomen. So sollen Händler, die aus Regierungssicht zu hohe Preise verlangen, bestraft werden. Und in einigen Städten übernimmt inzwischen sogar der Staat die Funktion eines Zwischenhändlers, der Nahrungsmittel direkt von den Bauern aufkauft. Dies hebelt letztlich die freie Marktwirtschaft aus.

Auch die Analysten der Ratingagentur S&P kritisieren dies. Die Reaktionen der Regierung auf die Probleme "fokussieren darauf, die Symptome zu mildern statt die grundlegenden wirtschaftlichen Schwächen zu lösen." Gerade was den Finanzsektor angehe, seien dabei auch die schwachen Institutionen des Landes ein Problem.

"Es gibt nur ein begrenztes System der gegenseitigen Kontrolle unter den staatlichen Institutionen, was Fragen hinsichtlich der Fähigkeit der Türkei aufwirft, sich mit der herausfordernden Lage ihres Finanzsektors und der breiteren Wirtschaft zu befassen."

Shen fürchtet daher, dass die Lira auch schnell wieder verwundbar sein könne. "Die Investoren könnten ihre Aufmerksamkeit schnell wieder auf die sich verschlechternde Finanzlage der Türkei richten", warnt er, gerade vor den im März anstehenden Kommunalwahlen. In solch einer Lage ist es nur klug, sein Erspartes in einer stabilen Währung zu halten – egal, was die staatliche Propaganda rät.

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