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Türkische Offensive setzt Kurden unter Druck

SZ.de-Logo SZ.de 09.10.2019 Von Paul-Anton Krüger
Rauch weht nach einem türkischen Bombardement über eine Stadt im Nordosten Syrien. © AFP Rauch weht nach einem türkischen Bombardement über eine Stadt im Nordosten Syrien.

• Die Kurden haben angekündigt, die von ihnen kontrollierten Gebiete mit allen Mitteln gegen die militärisch überlegenen Türken zu verteidigen.

• Es gibt Meldungen, dass auch das Syrische Regime und Russland Truppen in der Nähe der bisherigen Trennlinie zu den von den kurdisch kontrollierten Regionen zusammenziehen.

• Nach Angaben der kurdischen YPG-Milizen attackierten mehrere Dutzend IS-Kämpfer Kontrollpunkte in Raqqa.

Türkische Offensive setzt Kurden unter Druck

Es waren türkische Kampfjets, die am Mittwochnachmittag Ziele in der nordsyrischen Grenzstadt Ras al-Ain bombardierten. Präsident Recep Tayyip Erdoğan aber sprach von einer gemeinsamen Operation des türkischen Militärs und der syrischen Nationalarmee. Das ist ein von der Türkei unterstütztes und finanziertes Bündnis überwiegend syrisch-arabischer Milizen, eine Nachfolgeorganisation der Freien Syrischen Armee, die eigentlich zum Kampf gegen das syrische Regime von Baschar al-Assad gegründet worden war. Die Freischärler waren zum Teil mit Bussen von der türkischen Armee aus anderen grenznahen Gebieten in Syrien in das Einmarschgebiet gebracht worden. Unter ihnen sind einige islamistische Milizen.

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Der Vorstoß dürfte zunächst Gebieten entlang der syrischen Grenze mit starkem oder mehrheitlichem arabischem Bevölkerungsanteil gelten, in denen die kurdischen YPG-Milizen wenig Rückhalt hat, etwa den beiden etwa 120 Kilometer voneinander entfernten Städte Tel Abiad und Ras al-Ain. Damit will Erdoğan auch den Vorwurf entkräften, sein eigentliches Ziel sei es, die Kurden zu vertreiben und die Zusammensetzung der Bevölkerung dauerhaft zu verändern. Der türkische Präsident hat angekündigt, in einer sogenannten Sicherheitszone entlang der Grenze, die bis zu 30 Kilometer tief in syrisches Gebiete reichen soll, bis zu zwei Millionen Syrer anzusiedeln, die in die Türkei geflohen sind. Diese stammen allerdings nicht aus jenen Gebieten, die jetzt die Türkei besetzen will.

Die Kurden haben angekündigt, die von ihnen kontrollierten Gebiete mit allen Mitteln zu verteidigen. Ohne militärische Unterstützung durch die USA dürften sie der überlegenen Feuerkraft der türkischen Luftwaffe und Armee aber nicht dauerhaft widerstehen können. Die Kurden versuchen deshalb, von anderer Seite Unterstützung zu erlangen. Sie riefen die russische Regierung auf, Gespräche mit der syrischen Regierung von Präsident Baschar al-Assad zu vermitteln, die ebenfalls einen Einmarsch der Türkei abwehren will.

Allerdings gibt es auch Meldungen, dass das Regime und Russland Truppen in der Nähe von Tabqa zusammenziehen. Sie könnten den Euphrat überschreiten, bisher die Trennlinie zu den von den Kurden kontrollierten Gebieten und Richtung Raqqa vorstoßen. Die Kurden werden ihre Kämpfer im Norden konzentrieren müssen, um den türkischen Vormarsch aufzuhalten. Das schwächt sie in weiter südlich gelegenen Gebieten, die das Regime in Damaskus schon lange zurückerobern wollte. Erdoğan soll entsprechende Vereinbarungen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin getroffen haben.

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) versucht offenbar ebenfalls die Schwächung der Kurden durch die türkische Offensive für sich zu nutzen. Nach Angaben der kurdischen YPG-Milizen attackierten in der Nacht zum Mittwoch mehrere Dutzend IS-Kämpfer das Hauptquartier der kurdischen Sicherheitskräfte in Raqqa und mehrere Kontrollpunkte. Drei Selbstmordattentäter zündeten Bomben, andere Angreifer waren mit Granatwerfern und Maschinengewehren ausgerüstet. Die YPG werteten den Angriff als koordinierten und geplanten Versuch von IS-Kämpfern, Teile der Stadt zu übernehmen. Raqqa war eine Hochburg des IS und ist bei der Rückeroberung durch die Kurden durch die Kämpfe und auch Luftangriffe der von den USA geführten internationalen Militärkoalition schwer beschädigt worden.

Das überwiegend aus den kurdischen YPG bestehende Milizenbündnis Syrische Demokratische Kräfte (SDF), das bislang von den USA unterstützt wurde, hält Tausende ehemalige IS-Kämpfer und Zehntausende ihrer Angehörigen gefangen. Eine große Sorge westlicher Regierungen ist, dass diese im Zuge der Kampfhandlungen freikommen könnten oder die Kurden aus militärischen Erwägungen die Bewachung der Lager reduzieren oder gar aufgeben müssen. Ein SDF-Sprecher hatte bereits angekündigt, die Verteidigung des eigenen Volkes müsse im Falle einer türkischen Invasion Vorrang haben vor dem Kampf gegen den IS. Noch immer gibt es zahlreiche Schläferzellen des IS vor allem im mittleren Euphrattal bis hin in die Wüste der angrenzenden irakischen Provinz Anbar.

US-Präsident Trump hat der Türkei die Verantwortung für den Kampf gegen den IS überantwortet, jedoch ist nicht klar, ob Ankara willens und in der Lage ist, dies zu leisten. Das Lager al-Hol etwa mit etwa 70 000 Insassen, das westlichen Geheimdiensten als IS-Keimzelle gilt, liegt etwa 60 Kilometer von der Grenze entfernt und damit weit außerhalb der Gebiet, die Ankara unter seine Kontrolle bringen will. In einem abgezäunten Gebiet sind dort 12 000 Ausländer untergebracht, die weder irakischer noch syrischer Herkunft sind, unter ihnen viele IS-Sympathisanten oder ehemalige Kämpfer. Bisher bewachen die SDF dieses Lager.

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