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US-Wahlen: Besser kein Erdrutschsieg

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE vor 2 Tagen Lars Brozus

Enttäuschte Trump-Fans könnten verdeckt mit Joe Biden sympathisieren – und den Demokraten einen deutlichen Wahlsieg verschaffen. Das würde die Machtübergabe gefährden.

Donald Trump und seine Anhänger im Juni in Tulsa, Oklahoma © NICHOLAS KAMM/​AFP/​Getty Images Donald Trump und seine Anhänger im Juni in Tulsa, Oklahoma

Donald Trump öffentlich zu unterstützen, war 2016 gesellschaftlich verpönt. Umgekehrt riskiert heute Freunde und Bekannte zu verlieren, wer ihm offen den Rücken kehrt. Solche verdeckten Präferenzen ehemaliger Trump-Fans können im November zu einem deutlichen Sieg Joe Bidens führen – und Trump noch aggressiver werden lassen, meint unser Gastautor Lars Brozus von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Mit den näher rückenden Präsidentschaftswahlen in den USA wächst die Sorge, dass Donald Trump sich weigern könnte, eine Niederlage hinzunehmen. Viele Beobachter fürchten ein politisches und juristisches Chaos bis hin zu gewalttätigen Auseinandersetzungen, wenn es zu einem knappen Ergebnis kommt. Nur ein Erdrutschsieg Joe Bidens würde sicherstellen, dass Trump das Weiße Haus tatsächlich räumt. Allerdings könnte auch ein klarer Wahlerfolg der Demokraten angezweifelt werden.

Wichtig für die Akzeptanz dürfte sein, wie weit das Ergebnis von den Wahlumfragen abweicht. Wenn es zu einer überraschend hohen Diskrepanz zwischen Ergebnis und Umfragen kommt, wird die Versuchung für das Trump-Lager groß sein, die Demokraten zu bezichtigen, die Wahlen manipuliert zu haben.

Dass Umfragen deutlich vom Wahlergebnis abweichen, ist kein neues Phänomen. Erklärt wird es oft mit verdeckten Präferenzen. Darunter werden Abweichungen zwischen der öffentlich geäußerten Meinung, etwa mit Blick auf den bevorzugten Präsidentschaftskandidaten, und der privaten Überzeugung verstanden (siehe auch "Schweigespirale"). Verdeckte Präferenzen werden meist auf zwei Motive zurückgeführt: Scham und Angst. In einem autoritären Staat bezieht sich Angst auf Repression und Unterdrückung, unter demokratischen Bedingungen hingegen auf öffentliche Ausgrenzung. Scham bezieht sich demgegenüber auf Schuldgefühle als Reaktion auf frühere Überzeugungen und Handlungen, die mittlerweile bereut werden.

Trump-Wähler müssten ihren Meinungswandel rechtfertigen

Vor vier Jahren profitierte Trump von verdeckten Präferenzen. Der damalige Präsidentschaftskandidat verstieß massiv gegen politische und soziale Konventionen, angefangen bei seinem Wahlkampf gegen politische Überzeugungen der eigenen Partei bis hin zu frauenverachtenden und rassistischen Äußerungen. Trump offen zu unterstützen war gesellschaftlich verpönt. Bis zum Wahltag lag er bei praktisch allen Demoskopen deutlich hinter Hillary Clinton: Von 61 nationalen Umfragen im Oktober 2016 sahen nur sechs Trump in Front. Als am 9. November klar wurde, dass Trump die Mehrheit der Wahlmännerstimmen gewonnen hatte, begann die Ursachenforschung. Sie führte schnell zu den sogenannten Hidden Trump Voters – Wählern, die ihre Präferenz im Vorfeld nicht geäußert hatten.

Diesmal könnte es umgekehrt laufen. Denn die Hinweise verdichten sich, dass die Unterstützung für Trump massiv nachgelassen hat. Über einen plötzlichen Umschwung der Präferenzen bei republikanischen Mandatsträgern wird seit Längerem spekuliert. Auch bei den Wählergruppen, die die Wahl vor vier Jahren für Trump entschieden, verliert er: Ältere, Evangelikale und jüngere Weiße mit einem niedrigen formalen Bildungsgrad. Es ist jedoch fraglich, ob sich dies in den Wahlumfragen vollständig spiegelt.

Zwar liegt Trump deutlich zurück, sein Anteil stagniert bei etwa 40 Prozent, während Biden bei etwa 50 Prozent gesehen wird. Aber etliche Wahlkampfbeobachter gehen davon aus, dass die tatsächliche Unterstützung für den Präsidenten weit niedriger ausfällt. Teilweise wird von erdrutschartigen Verlusten gesprochen und eine "blaue Welle" prophezeit. Sie könnte dazu führen, dass die Demokraten nicht nur das Weiße Haus erobern, sondern auch ihre Mehrheit im Repräsentantenhaus ausbauen und womöglich sogar den Senat zurückgewinnen würden.

Den Trump-Wählern dürfte es jedoch schwer fallen, ihren Meinungswandel vor sich selbst und gegenüber anderen zu rechtfertigen. Die Scham darüber, 2016 die falsche Wahl getroffen zu haben, und Angst vor sozialer Isolation könnte viele Befragte daran hindern, ihren Meinungswandel öffentlich zu äußern: in der Kirchengemeinde, im Golfclub oder auf der Baustelle. Denn in den hochgradig polarisierten USA drückt sich die kulturelle Identität immer stärker in der parteipolitischen Identifikation aus.

Wer seiner Partei offen den Rücken kehrt, riskiert, Freunde und Bekannte zu verlieren. Das würde erklären, weshalb das öffentliche Bekenntnis zu Trump abseits der großen Städte kaum nachgelassen zu haben scheint. Aber womöglich vermittelt dies ein falsches Bild, das bei der geheimen Stimmabgabe im November massiv korrigiert wird. Verdeckte Präferenzen könnten so dazu führen, dass das Ergebnis noch viel deutlicher von den Vorhersagen abweicht als vor vier Jahren – nur diesmal zulasten von Trump.

Sollte es zu einer unerwartet deutlichen Wahlniederlage Trumps kommen, drohen schwerwiegende politische Folgen. Je stärker das Ergebnis von den Vorhersagen abweicht, desto größer wird die Versuchung für das Trump-Lager sein, Wahlbetrug und unsaubere Methoden anzuprangern. In der Tat sind Wahlen in den USA schon unter Normalbedingungen mit vielen Mängeln behaftet. Das beginnt bei der Zulassung und Registrierung der Wahlberechtigten, die insbesondere für sozial Schwache und Angehörige von Minderheiten – die oft den Demokraten zuneigen – häufig deutlich schwieriger ist. Berüchtigt sind auch die Manipulationen beim Zuschnitt von Wahlkreisen, die sogar einen eigenen Fachbegriff hervorgebracht haben: Gerrymandering.

Unter Corona-Bedingungen wählen zu müssen, erhöht die Wahrscheinlichkeit von Fehlern und Unregelmäßigkeiten jedoch signifikant. So ist die Wählerregistrierung bislang hinter den Erwartungen zurück geblieben. Bereits bei den Vorwahlen hat es viele Probleme gegeben, von der Einhaltung von Abstandsregeln vor Wahllokalen bis zu einer erheblich gestiegenen Nachfrage nach Briefwahl, die oft von Anhängern der Demokraten ausgeübt wird – und von Trump prompt als manipulationsanfällig kritisiert wurde.

Dass Trump eine Niederlage als Ergebnis von Wahlmanipulation darstellen könnte, wird in der amerikanischen Debatte fast schon als gegeben angenommen. Denn wie vor vier Jahren ist unter Republikanern das Narrativ weit verbreitet, es handele sich um eine Schicksalswahl, deren Ausgang entscheidend für das Überleben der Republik sei. Wieder wird an den Enthusiasmus der Republikaner appelliert. Und der Präsident selbst hofft darauf, dass es wie schon 2016 die verdeckten Präferenzen seiner Anhänger sein werden, die einen erneuten Wahlsieg im November sichern: "[M]ost people agree with me. And many won't say it, and they might not even say it in a poll, but I think they'll say it in an election".

All dies sind keine guten Aussichten, weder für einen halbwegs ordnungsgemäßen Wahlverlauf noch für die Akzeptanz des Wahlergebnisses. Viele Szenarien sind denkbar, die einer geordneten Machtübergabe im Weg stehen könnten. Womöglich würden nur friedliche Massendemonstrationen helfen, die die politischen Präferenzen der Mehrheit der US-Bürger eindeutig klarstellen. Besser wäre es, wenn es erst gar nicht zu einer großen Diskrepanz zwischen Umfragen und Wahlergebnis kommt. Darauf arbeiten republikanische (!) Dissidenten hin, die eine zweite Amtszeit Trumps um jeden Preis verhindern wollen. Sie erklären Wählern, die 2016 für Trump gestimmt haben: "It's OK to change your mind" – es ist in Ordnung, die Meinung zu ändern. Hinzuzufügen bleibt, dass dies auch öffentlich vor der Wahl bekundet werden sollte.


Video: Trump spekuliert über Verschiebung der Wahlen (Euronews)

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