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Vermutlich hatte Salman Rushdie damals Recht

WELT-Logo WELT 12.08.2022 Hannes Stein
Salman Rushdie auf einer Archivaufnahme: Neun Jahre lebte der Autor im Untergrund und unter Polizeischutz Quelle: AFP/JOE KLAMAR © AFP/JOE KLAMAR Salman Rushdie auf einer Archivaufnahme: Neun Jahre lebte der Autor im Untergrund und unter Polizeischutz Quelle: AFP/JOE KLAMAR

Noch wissen wir gar nichts. Wir wissen nicht, ob der Mann, der in dem Städtchen Chautauqua im Westen des Bundesstaates New York auf eine Bühne rannte und mit einem Messer auf den Romancier Salman Rushdie einstach, einfach ein Irrer, ein Rassist oder ein fanatischer Muslim war. Wir kennen weder den Namen des Angreifers, der sofort verhaftet wurde, noch seinen Wohnort. Wir wissen nicht, ob er in Chautauqua wohnt oder seinem Opfer hinterher gereist ist; ob er seine Tat geplant hat oder spontan handelte. Vor allem wissen wir nicht, ob Salman Rushdie, der mehrere Verletzungen am Hals erlitt, schwer oder nur leicht verwundet wurde, ob er morgen eine Pressekonferenz geben oder sterben wird.

Allerdings wissen wir das Folgende: Salman Rushdie ist ein großer Schriftsteller. Das zeigte schon sein zweiter Roman „Mitternachtskinder“, in dem es um jenes Ereignis ging, das beschönigend „die Teilung Indiens“ genannt wird — und in Wirklichkeit ein grauenhaftes Gemetzel war. Mit Recht gewann Rushdie dafür den Booker Prize, den höchsten Literaturpreis, den es im englischen Sprachraum gibt. Aber nicht wegen dieses Buches wird Rushdie im Gedächtnis der Nachwelt bleiben, sondern wegen seines vierten Romans.

Jener vierte Roman trug den Titel „Die satanischen Verse“ und war ein urkomischer, fantastischer, vor Einfällen aus allen Nähen platzender Schelmenroman über Einwanderer in Großbritannien. Teile des vierten Romans handelten vom Leben des Propheten Mohammed — im Buch „Mahound“ oder „der Bote“ genannt —, dem der Teufel mit Erfolg Verse diktiert, in denen der Prophet sich zum Polytheismus bekennt. Das Ganze war schön verrückt, inspiriert vom magischen Realismus der Lateinamerikaner, aber eindeutig orientalisch; Kritiker und Leser waren begeistert.

Doch dann fingen britische Muslime an, den Roman öffentlich zu verbrennen und gegen den Autor zu demonstrieren. In Pakistan kam es zu Massenprotesten. Und der Ajatollah Khomeini, der Diktator des Iran, der schon auf dem Sterbebett lag, verhängte im Februar 1989 eine Fatwa gegen Salman Rushdie: Der Autor müsse getötet werden. Rushdie — damals 42 Jahre alt — musste sich verstecken, und er blieb neun Jahre lang im Versteck. Eine Summe von 2,8 Millionen Dollar wurde auf seinen Kopf ausgesetzt, die 2016 noch einmal um 600.000 Dollar erhöht wurde. Rushdies japanischer Übersetzer wurde erstochen. Sein italienischer Übersetzer wurde mit einem Messer angegriffen. Seinen norwegischen Verleger trafen Pistolenkugeln. Am schlimmsten war der Angriff auf Rushdies türkische Übersetzer im Sommer 1993 – ein fanatischer Mob setzte ein Hotel in Brand, in dem sich der Übersetzer aufhielt, 37 Menschen (die meisten von ihnen alewitische Muslime) kamen in den Flammen um.

„Joseph Anton“ sicherte Salman Rushdie das Überleben im Untergrund


Video: Salman Rushdie - ein Leben in Angst (AFP)

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2012 veröffentlichte Salman Rushdie eine Art Autobiografie mit dem Titel „Joseph Anton“. Es ist ein tragikomisches Buch, das vor allem von der Spannung zwischen dem öffentlichen Rushdie und dem privaten Salman handelt. Der eine heiratet, lässt sich scheiden, heiratet wieder, kümmert sich um seine Kinder, schreibt Bücher; der andere steht im Rampenlicht, jeder hat eine Meinung zu seinem Fall, und mitunter kommt es ihm vor, als laste eine umgedrehte Gizeh-Pyramide mit ihrer Spitze in seinem Genick. Der Buchtitel erklärt sich so, dass „Joseph Anton“ das Pseudonym war, das Rushdie im Untergrund trug. Joseph Anton musste überleben, wenn Salman Rushdie nicht untergehen wollte.

In „Joseph Anton“ hielt Salman Rushdie auch fest, was verschiedene Zeitgenossen über ihn und seinen Skandalroman äußerten. Das ist nicht immer eine angenehme Lektüre, denn nicht nur brüllende Muslime mit Fundamentalistenbärten forderten seinen Tod. Als Khomeini seine Fatwa erließ, war Rushdie gerade eben nach Südafrika eingeladen worden, wo damals noch das weiße Rassistenregime herrschte. Rushdie wurde umgehend wieder ausgeladen, weil südafrikanische Muslime seine Gegenwart als Affront verstanden hätten. Es wurde befürchtet, dass Rushdie die Anti-Apartheid-Koalition sprengen könnte; ein Mitglied des „African National Congress“ äußerte, Rushdies Roman sei ein Angriff auf die gesamte Dritte Welt. Die britische Labour Party, der Rushdie angehörte, war gespalten, was ihn betraf — viele hatten Angst, die Muslime zu verärgern. Neil Kinnock, der damalige Labour-Chef, traf Rushdie nur in aller Heimlichkeit. Ein linker schwarzer Parlamentsabgeordneter meinte im Unterhaus allen Ernstes, Bücherverbrennungen seien für Leute wie ihn „kein großes Thema“. Rushdie hielt ihm entgegen: „Sie, Sir, stehen für die inakzeptable Variante des Multikulturalismus, nämlich ihren Abstieg in eine Ideologie des kulturellen Relativismus. Der kulturelle Relativismus ist der Tod des ethischen Denkens; er unterstützt das Recht tyrannischer Priester, ihre Tyrannei auszuüben“.

Aber es waren keineswegs nur Linke, die sich auf die Seite des islamischen Regimes im Iran stellten. Der angesehene rechte „Daily Telegraph“ schrieb, Rushdie solle sich ein stilles Plätzchen suchen, am besten in Schottland oder Kanada, und dort für den Rest seines Lebens den Mund halten. Rushdie replizierte ironisch, leider könne er das Leben auf dem Lande nicht aushalten, er sei nun einmal ein Großstadtjunge. Und er möge weder Kälte noch Regen. Lebenslanges Schweigen sei für ihn schon aus Berufsgründen unmöglich. Immanuel Jakobovits, der damalige Oberrabbiner von Großbritannien — ein Mann, der für seine stockkonservativen Ansichten berühmt war — äußerte in einem Interview, sowohl Rushdie als auch der Ajatollah Khomeini hätten ihr Recht auf Meinungsfreiheit missbraucht. Ein Roman war nach Ansicht des frommen Mannes also dasselbe wie ein Aufruf zum Mord.

Ein Marxist von der Groucho-Fraktion

Ein Jahr nachdem die Fatwa verhängt worden war, versuchte Rushdie, sich gütlich mit seinen Henkern zu einigen: Er erklärte, eigentlich sei er ein gläubiger Muslim. Aber erstens beeindruckte das die Fundamentalisten in Teheran nicht, die ihn als Feindbild brauchten, und zweitens war es gelogen. Rushdie ist Atheist, und wenn er seine Wurzeln auch in der muslimischen Kultur Indiens hat — er wurde 1947 als Sohn einer liberalen Familie in Bombay geboren —, hatte er als Erwachsener doch längst jeden Gottglauben verloren.

Es war New York, das es Rushdie ermöglichte, aus der Versenkung wieder aufzutauchen, jene Stadt, die 2001 selber Opfer eines islamischen Terroranschlags wurde und in der es trotzdem nicht gelang, den Religionsfrieden zu zerstören: In New York stehen Moscheen neben Kirchen, Synagogen und Einrichtungen der atheistischen „Ethical Culture Society“. Nach dem Anschlag vom 11. September stellte Rushdie eine Liste all der Dinge auf, die im Kampf gegen den islamistischen Terror verteidigt werden mussten. Nämlich: „Küsse auf öffentlichen Plätzen, Speckbrote, Streit, die neueste Mode, Literatur, Freigebigkeit, Wasser, eine gerechtere Verteilung der Ressourcen in der Welt, Filme, Musik, Gedankenfreiheit, Schönheit, Liebe.“

Vor ein paar Jahren hat Rushdie gesagt, dass ein Roman wie „Die satanischen Verse“ heute nicht mehr veröffentlicht werden könnte. Zu groß sei heute der Konformitätsdruck, die Ideologie des kulturellen Relativismus habe gesiegt. Das Schreckliche ist, dass er Recht haben könnte. Aber niemand soll glauben, Salman Rushdie habe das Lager gewechselt und sei zum Rechtsradikalen geworden. Er war für Barack Obama, er wählte 2016 selbstverständlich Hillary Clinton, er verabscheut den 45. Präsidenten. Sein politischer Leitsatz bleibt: „Je suis Marxiste, tendance Groucho“ – ich bin ein Marxist von der Groucho-Fraktion, ein Linker mit Sinn für Ironie und (noch wichtiger) Selbstironie. Wir freuen uns auf seine Pressekonferenz.

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