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Warschau spielt die antideutsche Karte

DIE WELT-Logo DIE WELT 13.09.2017

Die polnische Forderung nach deutschen Reparationen gehört zur Strategie der Regierung gegen Berlin und Brüssel. Fast zwei Drittel der Polen sind dafür. Kritik kommt überraschend von der katholischen Kirche.

Polens Medien haben ein hoch emotionales Thema gefunden: mögliche Reparationen von Deutschland für Krieg, Besatzung und Terror vor mehr als 70 Jahren. Die Regierung hat das Thema aufgebracht, ein Gutachten des Sejms (Unterhaus) hält das Anliegen für berechtigt. Das letzte Wort der Regierung – ein Brief nach Berlin, eine Klage vor einem Gericht – steht noch aus.

"Es hat doch seit dem Mittelalter immer Kontributionen gegeben, wenn ein König einem anderen im Krieg unterlag", sagt Pani Grazyna in Warschau. Von Haus aus Chemikerin arbeitete sie in der Verwaltung einer Hochschule und ist gerade in Rente gegangen.

"Ich finde, Polen stehen Reparationen zu. Von Deutschland und eigentlich auch von Russland, für die sowjetische Besetzung. Schauen Sie, Deutschland hat nach dem Krieg diesen tollen Marshall-Plan bekommen. Aber Polen war im Krieg in der Anti-Hitler-Koalition und gehörte hinterher doch zu den Verlierern. Ich finde, dafür müsste es einen Ausgleich geben."

"600 Euro, viel ist das nicht, oder?"

Dann erzählt Grazyna von ihrem Onkel Jerzy. "Er wurde als Minderjähriger als Zwangsarbeiter nach Deutschland verschleppt. Dafür hat er vor paar Jahren im Rahmen der Entschädigung 2500 Zloty (etwa 600 Euro) bekommen. Er hat sich gefreut, aber viel ist das nicht, oder? Und die Familie meines Mannes hatte vor dem Krieg ein Haus in Warschau, das im Krieg zerbombt wurde. Die hat nichts bekommen, dafür gab es nichts."

Deutschland habe nach dem Krieg seine wirtschaftliche Macht wiedergewonnen, "das spüren ja alle in der EU ganz deutlich". Grazyna, politisch sehr interessiert, weiß nicht, ob die polnische Regierung mit ihrem Anliegen erfolgreich sein wird. "Aber sie sollte es ansprechen." Allerdings sei die Reparationsfrage in ihrem privaten Umfeld bisher kein Thema gewesen.

Gleiches gilt für den jungen Rechtsanwalt aus Danzig, der seinen Namen allerdings nicht in der Zeitung lesen möchte. "Ich kenne das Thema aus den Medien. Aber in Gesprächen in meinem Bekannten- und Kollegenkreis ist es kein einziges Mal aufgetaucht. Ich weiß nicht, was diese Forderung bezwecken soll. Sie steht sicher in einem Zusammenhang damit, dass die Regierung jetzt stark die antideutsche Karte spielt: Die EU ist gleich Merkel, und Merkel ist gleich EU, und Polen muss da hart sein."

Starke Opposition im eigenen Land

Eine Meinungsumfrage zum Thema erbrachte ein Ergebnis, mit dem die Regierung nur halbwegs zufrieden sein kann. Die Frage lautete: "Sollte Deutschland für die Schäden, die es in unserem Land während des Zweiten Weltkriegs verursacht hat, eine Entschädigung zahlen?" Darauf antworteten 63 Prozent der Befragten mit Ja, 31 Prozent mit Nein.

Außenminister Witold Waszczykowski kommentierte: "Die Ergebnisse wundern mich nicht, ich finde sogar, sie hätten höher ausfallen sollen." Beim Problem der Entschädigungen habe es jahrzehntelang "Versäumnisse" gegeben. "Es wird aber sehr schwer sein, mit Deutschland darüber zu sprechen, wenn man eine derartige Opposition im eigenen Land hat", sagte der Minister.

In this Aug. 24, 2017 photo a woman walks past posters in Warsaw, Poland, calling on Germany to pay reparations for World War II to Poland. Poland's government is calling on Germany to pay it reparations for World War II, when more than five years of brutal Nazi occupation killed nearly a fifth of the population and wiped out industry and cultural wealth. But Germany says the matter was settled long ago and experts say there is no legal basis for Poland to demand reparations. That leaves government critics saying the real aim must be to create an external enemy as Poland's ties with Western Europe sour. (AP Photo/Czarek Sokolowski) © AP In this Aug. 24, 2017 photo a woman walks past posters in Warsaw, Poland, calling on Germany to pay reparations for World War II to Poland. Poland's government is calling on Germany to pay it reparations for World War II, when more than five years of brutal Nazi occupation killed nearly a fifth of the population and wiped out industry and cultural wealth. But Germany says the matter was settled long ago and experts say there is no legal basis for Poland to demand reparations. That leaves government critics saying the real aim must be to create an external enemy as Poland's ties with Western Europe sour. (AP Photo/Czarek Sokolowski)

Das hält einige Abgeordnete der Regierungsfraktion nicht davon ab, das Thema auf ihre Weise weiterzuverfolgen. Einer von ihnen twitterte: "Deutschland hat schlechte Beziehungen zu den USA, der Türkei, Großbritannien, Griechenland. Will Deutschland jetzt auch noch Polen beleidigen, indem es behauptet, für den Zweiten Weltkrieg stehe ihm NICHTS zu?"

Von Griechenland lernen?

In einem weiteren Tweet schrieb der PiS-Parlamentarier, jene Kritiker in Polen, die gegen Reparationen aufträten, seien zumeist ehemalige IMs (Inoffizielle Mitarbeiter) der Staatssicherheit, die außerdem in den Genuss westlicher Stipendien gekommen seien.

Das Magazin "Wprost", das politisch schwer einzuordnen ist, widmet dem Thema in seiner aktuellen Ausgabe fünf Seiten. "Viele Beispiele zeigen: Auch 70 Jahre nach dem Krieg kann man von Berlin viel gewinnen", heißt es zum Auftakt. Zwar seien Griechenlands Entschädigungsforderungen abgewiesen worden. Doch es gebe einen Zusammenhang zur EU-Politik gegenüber Athen in den vergangenen Jahren, zu den milliardenschweren Hilfspaketen und zur großzügigen Umstrukturierung der griechischen Schulden.

Ein heftiger Streit habe oft positive Auswirkungen, nicht nur im Falle Griechenlands. So könne auch Warschau die Karte der Kriegsfolgen spielen, "zum Beispiel in der Diskussion über den Entzug von EU-Mitteln für Polen". Damit bezieht sich die Zeitschrift auf die Drohungen von EU-Politikern, Länder, die keine Mittelmeerflüchtlinge aufnehmen wollen, zu "bestrafen".

Mit jüdischen Gruppen verbünden

Noch einen Zusammenhang sieht "Wprost": zu den Entschädigungen für jüdische Opfer. So sei Polens Vizepremier Mateusz Morawiecki, der führende Wirtschaftspolitiker in Warschau, kürzlich in den USA nach dem Schicksal des jüdischen Eigentums in Polen befragt worden.

Morawiecki habe geantwortet: "Polen kann nicht für fremde Sünden zahlen. Deutschland hat nie für die materiellen Schäden gezahlt, und so meine ich, wenn es Reparationen gäbe, könnte ein Teil davon den Erben der jüdischen Opfer (aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs) überwiesen werden."

Daher sollte laut "Wprost" Polens Regierung, "zweifellos eine der am stärksten proisraelischen der Welt", versuchen, die Erfahrungen jüdischer Gruppen für sich zu nutzen oder sich mit ihnen zu verbünden. Seit August verhandele Berlin mit der Jewish Claims Conference über Entschädigungen für algerische Juden, die in Frankreich unter der Herrschaft des mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regimes in Schule und Beruf benachteiligt worden seien. "Berlin fühlt sich verantwortlich für ihr Schicksal."

Sorge um deutsch-polnische Versöhnung

Einen ganz anderen Akzent setzte die mächtige katholische Kirche in Polen, die bisher mit der Regierung oft einer Meinung war. Das scheint sich aber neuerdings zu ändern. Sechs Bischöfe, die alle zur Kontaktgruppe mit dem deutschen Episkopat gehörten oder gehören, warnten in einem Appell vor einer gefährlichen Entwicklung.

"Versöhnung ist jenes Wort, das seit mehr als einem Vierteljahrhundert die polnisch-deutschen Beziehungen bestimmt", heißt es darin. "Wir sind uns jedoch bewusst, dass man sie durch undurchdachte Entscheidungen, sogar durch unüberlegte Worte verspielen kann", warnen die Geistlichen, darunter der frühere Primas von Polen, Henryk Muszynski, und der heutige Erzbischof von Warschau, Kazimierz Kardinal Nycz.

Es waren die katholischen Bischöfe, die 1965 mit dem (damals heftig umstrittenen) Brief an ihre deutschen Amtsbrüder aussprachen: "Wir vergeben und wir bitten um Vergebung". Erst kürzlich hatten die polnischen Bischöfe in einem Text über die "christliche Gestalt des Patriotismus" diesen klar gegen Nationalismus abgegrenzt. Mit einer öffentlichen Reaktion der Regierung auf den Appell der Bischöfe wird allerdings nicht gerechnet.

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