Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Welcher Islam wird in Deutschland gelehrt?

WELT-Logo WELT 04.12.2019 Joachim Wagner
Der deutsche Staat will künftig zusammen mit islamischen Verbänden Imame in Deutschland ausbilden. Das passiert bisher meist im Ausland. Ein entsprechendes Pilotprojekt startet nun an der Uni-Osnabrück. Quelle: WELT/Isabell Finzel © WELT/Isabell Finzel Der deutsche Staat will künftig zusammen mit islamischen Verbänden Imame in Deutschland ausbilden. Das passiert bisher meist im Ausland. Ein entsprechendes Pilotprojekt startet nun an der Uni-Osnabrück. Quelle: WELT/Isabell Finzel

Kommentar:

Nachdem sich Berliner Senat, Humboldt-Universität und muslimische Verbände auf „Eckpunkte“ für ein Zentrum für islamische Theologie geeinigt hatten, schien alles klar: Dem islamischen Beirat, der über Berufungen und Studieninhalte mitentscheidet, sollten fünf Vertreter muslimischer Vereinigungen angehören, unter ihnen je ein Vertreter der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) und des gleichfalls türkisch verwurzelten Verbands der Islamischen Kulturzentren (VIKZ).

Das interessiert andere MSN-Leser: 

Angriff auf Pearl Harbor und Co.: Der historische Wochenrückblick

Streit um Steuerunterlagen: Neue Niederlage für Trump

Studie: Immer mehr Thüringer mit rechtsextremen Ansichten

Während der Gespräche gewann Professor Michael Borgolte, der Gründungsdirektor des Zentrums für islamische Theologie, den Eindruck, dass der Berliner Landesverband der Ditib ein starkes Interesse an einer Mitwirkung an diesem Zentrum hatte. Deshalb fiel er aus allen Wolken, als Ditib und VIKZ bei der letzten Gesprächsrunde aus dem Projekt ausstiegen – offenbar unter dem Einfluss eines aus der Kölner Ditib-Zentrale angereisten „Aufpassers“.

Da die Gründe für die Absage „nie offen kommuniziert“ wurden, kann Borgolte über sie nur spekulieren. Sein Eindruck: Zum Schluss sei der Ditib wohl bewusst geworden, dass sie die ihr eigentlich angemessenen Machtansprüche im Beirat nicht hätte durchsetzen können. Nach dessen Geschäftsordnung können nämlich alle Beschlüsse nur mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit gefasst werden. Aufgrund dieser Regel waren die fünf konservativen muslimischen Verbände im Beirat immer auf die Stimme mindestens eines unabhängigen Hochschullehrers angewiesen.

© picture alliance/dpa

„Ankara wird das Institut nicht steuern“

Diese Machtverteilung war für den Berliner Senat und die Humboldt-Universität nicht verhandelbar, um sich im Beirat wenigstens einen Rest von staatlichem Einfluss zu sichern. Oder, wie es der Berliner Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung Steffen Krach (SPD) formulierte: „Ankara wird das Institut nicht steuern.“

Die Absage von Ditib und VIKZ in Berlin ist ein Beispiel für Machtkämpfe zwischen Landesregierungen, konservativen muslimischen Verbänden und neuerdings auch liberalen muslimischen Vereinigungen, die von staatlicher Seite unterstützt werden. Sie haben sich in den letzten Monaten zugespitzt. Schauplätze sind die Mitwirkungsgremien beim bekenntnisgebundenen islamischen Religionsunterricht (IRU) und bei den Zentren für islamische Theologie.

An den Universitäten in Münster, Tübingen und Osnabrück ist die Welt in den Zentren für islamische Theologie aus der Sicht der konservativen muslimischen Verbände noch in Ordnung. Dort dominieren sie weiter die „konfessorischen Beiräte“ bei Berufungen und der Bestimmung der Studieninhalte. In ihnen hat die Ditib zwei oder drei Stimmen.

Aber schon in den Zentren für islamische Theologie an den Universitäten Nürnberg-Erlangen, Gießen und Frankfurt am Main haben die konservativen Vereinigungen jeden Einfluss verloren. Hier haben die „wissenschaftlichen Beiräte“ nur noch eine „beratende Funktion“.

Die Landesregierungen verteidigen diese Strukturen mit dem Argument, dass die muslimischen Vereine keine Religionsgemeinschaften seien, und sie deshalb aus verfassungsrechtlichen Gründen keine Kooperationspartner für eine theologische Ausbildung sein könnten.

Bei der Organisation des bekenntnisgebundenen islamischen Religionsunterrichts in Schulen verlaufen die Fronten ähnlich. In Baden-Württemberg hat das Kultusministerium den bisherigen Beirat durch eine Stiftung mit dem Namen „Sunnitischer Schulrat“ ersetzt. In ihm hat das Ministerium durch weitreichende Mitbestimmungsrechte bei der Besetzung des Vorstandes und der Schiedskommission staatlichen Einfluss gesichert.

Die Mehrheit der konservativen Vereinigungen boykottiert deshalb den Rat – bei der Ditib nach heftigem Streit zwischen dem mitwirkungswilligen Landesverband und der Kölner Zentrale. Erdogans langer Arm hält den „Sunnitischen Schulrat“ für „verfassungswidrig“, weil er die „Neutralitätspflicht des Staates“ aushebele und „massiv … in das Selbstbestimmungsrecht der Religionsgemeinschaften“ eingreife.

Ganze zwei Verbände wollen bisher in der Stiftung mitarbeiten: die Islamische Glaubensgemeinschaften der Bosniaken und der Verband der Islamischen Kulturzentren.

Während der Berliner Senat absichtlich keine liberalen muslimischen Verbände in den Beirat des Zentrums für islamische Theologie eingeladen hat, weil sie keine relevante Zahl von Muslimen vertreten, ist das Düsseldorfer Ministerium für Schule und Bildung den umgekehrten Weg gegangen. Um die „Vielfalt des Islam“ abzubilden, hat es ausdrücklich auch liberale Vereinigungen aufgefordert, sich an der „Kommission“ beim IRU zu beteiligen, um die Dominanz der konservativen Verbände zu brechen.

Diese Kommission ist staatsfern und entscheidet mit der Mehrheit der Stimmen. Da jede Vereinigung unabhängig von ihrer Größe in ihr eine Stimme hat, kann es künftig passieren, dass kleinere Verbände größere wie die Ditib oder den Zentralrat der Muslime majorisieren. Das ist für die Mehrzahl der konservativen Verbände eine Zumutung.

Die Folge: Zu den ersten Gesprächen über Kooperationsvereinbarungen sind nur drei Verbände erschienen: das Bündnis marokkanischer Gemeinden, der Liberal-Islamische Bund um Lamya Kaddor und die vom liberalen Hochschullehrer Mouhanad Khorchide gegründete Muslimische Gemeinde in NRW.

Allerdings haben die konservativen Verbände die Tür bisher nicht endgültig zugeschlagen. Sie sprechen weiter mit der Landesregierung. Zekeriya Altug, Leiter der Abteilung für Auslandsbeziehungen bei der Ditib, will den „bekenntnisgebundenen islamischen Religionsunterricht“ retten und eine „bekenntnisneutrale Islamkunde vermeiden“, aber nicht um jeden Preis, etwa einer „willkürlichen Auswahl muslimischer Verbände“ für die Kommission.

Wer den Zickzackkurs von Ditib und Co. analysiert, kommt zu dem Ergebnis, dass sie überall dort den Bettel hinwerfen, wo sie in den Mitwirkungsgremien nicht mehr die Mehrheit und damit die Macht haben, in einigen Fällen nach erbitterten Auseinandersetzungen zwischen Ditib-Landesverbänden und der Kölner Zentrale mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet auf dem Kommandositz.

Die Führungsetagen haben nämlich begonnen, bei der Ausbildung von Imamen und Islamlehrern neue eigene Wege zu gehen. Diese Pläne sind Reaktionen auf das Bemühen der Bundesregierung und der Landesregierungen, den Einfluss Ankaras auf die Ausbildung von Imamen und Islamlehrern einzuschränken; auf die Erkenntnis, dass der Widerstand gegen die Entsendung von Imamen aus der Türkei ohne Deutsch- und Kulturkenntnisse hierzulande weiter wachsen wird; und auf die neue Herausforderung durch einen aufgeklärten Islam.

Die Grundgedanken des eigenen neuen Weges hat der Ditib-Stratege Altug in der Zeitschrift „IslamiQ“ skizziert. Er geht davon aus, dass die „Ausbildung von Religionsbeauftragten in erster Linie eine Angelegenheit der Muslime“ ist und weiter Imame aus dem „Pool gut ausgebildeter Religionsbeauftragter“ aus der Türkei nach Bochum oder Offenbach kommen sollen.

Neu ist dagegen die Einsicht, dass für Gemeindemitglieder der „dritten oder vierten Generation“ Imame „nötig“ sind, die in Deutschland „sozialisiert“ sind. Die Konsequenz: Wir müssen „Qualität und Tradition der Ausbildung der Herkunftsländer auch nach Deutschland transferieren“: „Es geht uns am Ende nicht darum, wo die Religionsbeauftragten ausgebildet werden.“

Die Glaubensschule der Erdogan-Autokratie

Diese teilweise Verlagerung der Ditib-Ausbildung von Imamen und Religionslehrern nach Deutschland bedeutet dreierlei.

Erstens: ein Festhalten an der islamistisch-nationalistischen Glaubensschule der Erdogan-Autokratie, auch wenn die Ausbildung zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen stattfindet.

Zweitens: eine Kampfansage an die deutschen Zentren für islamische Theologie, die den Einfluss ausländischer Regierungen begrenzen sollten.

Und, drittens, liefert dieser neue Weg eine Erklärung dafür, dass es die Ditib in einigen Fällen ablehnt, an Mitwirkungsgremien beim bekenntnisgebundenen islamischen Religionsunterricht und bei den Zentren für islamische Theologie teilzunehmen.

Welche Auswirkungen hat dieses neue Konzept nun auf die Praxis? Das von der türkischen Religionsbehörde Diyanet vor zwölf Jahren entwickelte internationale Theologie-Programm (UIP) wird ausgebaut. Es soll in Deutschland geborenen und aufgewachsenen Jugendlichen ein Theologiestudium in der Türkei ermöglichen, um anschließend in Berlin oder Duisburg als Imam predigen oder als Islamlehrer unterrichten zu können.

Im Januar 2020 startet erstmals ein zweijähriges Ausbildungsprogramm für Imame in der Eifel mit 50 Studienplätzen – ähnlich dem Priesterseminar der katholischen Kirche und dem Vikariat der evangelischen Kirche. Unterrichten werden dort in erster Linie Ditib-Vertreter, zunächst auf Türkisch, später auf Deutsch. Die meisten der neu immatrikulierten Studenten sind in Deutschland geboren und haben in der Türkei ein fünfjähriges Studium in islamischer Theologie absolviert.

Außerdem plant die türkische Regierung an der Deutsch-Türkischen Universität in Istanbul einen Bachelorstudiengang in islamischer Theologie für künftige Religionslehrer in Berlin-Neukölln oder Essen.

Das Ziel dieser Neugründungen in der Türkei und Deutschland ist klar: Die Ditib will ihre Imame weiter selbst ausbilden und sich am Markt künftiger Islamlehrer behaupten. Der Verband will sicherstellen, dass hierzulande nur Pädagogen und Geistliche mit dem „richtigen“ Religionsverständnis und Bekenntnis zum Glauben wirken.

Wie die Machtkämpfe zwischen dem deutschen Staat und der Türkei sowie anderen muslimischen Herkunftsländern um die Ausbildung von Islamlehrern und Imamen ausgehen wird, ist offen. 

Joachim Wagner ist Jurist, Journalist und Autor. Er war unter anderem Leiter und Moderator des NDR-Magazins „Panorama“ Quelle: pa/dpa/Horst Galuschka © pa/dpa/Horst Galuschka Joachim Wagner ist Jurist, Journalist und Autor. Er war unter anderem Leiter und Moderator des NDR-Magazins „Panorama“ Quelle: pa/dpa/Horst Galuschka

Mehr auf MSN

Video wiedergeben
| Anzeige
| Anzeige

Mehr von WELT

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon