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Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan: Zwei Männer in Not

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE vor 1 Tag Maxim Kireev

Eine vollends harmonische Beziehung hatten die Türkei und Russland noch nie. Weil beide Länder in der Misere stecken, könnten sie einander nützlich sein.

Russlands Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdoğan – kein Riesentisch trennt sie, in Sotschi lassen sie schwierige Fragen außen vor. © Vyacheslav Prokofyev/​Pool/​Sputnik/​Reuters Russlands Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdoğan – kein Riesentisch trennt sie, in Sotschi lassen sie schwierige Fragen außen vor.

Kein Riesentisch, keine Verspätungen, rein gar nichts sollte an der russisch-türkischen Freundschaft zweifeln lassen. Nur knapp drei Wochen nach einem Treffen in Teheran saßen sich Russlands Präsident Wladimir Putin und sein türkischer Kollege Recep Tayyip Erdoğan an diesem Freitag in einem luxuriösen Hotel im südrussischen Urlaubsort Sotschi erneut gegenüber. "Mein lieber Freund", sagte Putin zur Begrüßung zu Erdoğan und bemühte sich gleich um Komplimente. Europa könnte der Türkei dankbar sein, dass durch das Land weiterhin ungebremst russisches Gas nach Europa fließe. Erdogan erwiderte, dass es nun an der Zeit sei ein neues Kapitel in den Beziehungen zwischen den beiden Staaten aufzuschlagen.

Fast vier Stunden hatten die Delegationen anschließend hinter verschlossenen Türen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit getagt. Unbequeme Fragen, so viel war vorweg schon klar, sollten das Treffen der beiden Präsidenten in Sotschi nicht stören. Noch bevor Recep Erdoğan ins Flugzeug nach Russland gestiegen ist, ließ die russische Seite durchsickern, dass weder Erdoğan noch Putin sich nach ihrem Treffen den anwesenden Journalisten stellen werden. 

Die Gründe liegen auf der Hand, denn in den vergangenen Wochen gab es genug Reizthemen, die nicht ins Bild einer soliden Partnerschaft passen. Erst vor wenigen Tagen war der Konflikt zwischen dem türkischen Alliierten Aserbaidschan und Russlands verbündetem Armenien um Bergkarabach beinahe eskaliert. Zuvor sorgte Erdoğan für reichlich Verwirrung mit einer Bemerkung, Putin habe eine Kooperation bei der Produktion der Kampfdrohnen Bayraktar angeregt, mit denen die Türkei eigentlich die ukrainische Armee beliefert. Streit gab es zuletzt auch um das Atomkraft Akkuyu, das der Staatskonzern Rosatom in Erdoğans Auftrag errichtet. Rosatom warf ein lokales Bauunternehmen aus dem Projekt, was für Kritik in der Türkei sorgte.

All das sollte in Sotschi bestenfalls unter vier Augen besprochen. Stattdessen standen für die Öffentlichkeit die wirtschaftlichen Beziehungen im Vordergrund. Tatsächlich sind beide Länder derzeit in einer schwierigen Situation. Russlands Wirtschaft ist durch massive Sanktionen unter Druck, während die Türkei mit einer Hyperinflation von bis zu 80 Prozent kämpft.


Video: Putin und Erdogan - zweites Treffen innerhalb weniger Wochen (Reuters)

NÄCHSTES
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Russische Delegation zufrieden

Beide Länder können sich in dieser Lage allerdings überaus nützlich sein. Für Russland ist die Türkei zu einem wichtigen Umschlagplatz für Güter aus Europa geworden. Allein im Juni sind die türkischen Ausfuhren nach Russland im Vergleich zum Vormonat um fast 50 Prozent auf knapp 700 Millionen Euro hochgeschnellt. Türkische Medien berichteten jüngst, dass die türkischen Häfen voll mit Gütern seien, um dort auf türkische Schiffe umgeladen und anschließend nach Russland gebracht zu werden. Die Washington Post berichtete dagegen von Gerüchten, Russland wolle sich an Ölraffinerien in der Türkei beteiligen, um sein Öl dort zu verarbeiten und es leichter auf dem Weltmarkt loszuwerden.

Sowohl Putin also auch Erdoğan äußerten sich zu solch konkreten Detailfragen nicht. Sie eilten nach den Verhandlungen davon. Doch zumindest die russische Delegation zeigte sich zufrieden. Russische Staatsmedien werteten die Länge der Gespräche als in gutes Zeichen im Hinblick auf die Verhandlungen.

Der bei den Gesprächen anwesende Vize-Regierungschef Alexander Novak erklärte anschließend, dass die beiden Staatschefs ausführlich über die russische Gaslieferungen in die Türkei gesprochen hätten. Diese sollen nicht nur ungehindert weiter fließen, sondern auch in Rubel bezahlt werden. Wohl auch ein Seitenhieb Richtung Europa. Zuletzt hatte Russland seine Lieferungen in die EU vor allem über die Ostsee-Pipeline Nordstream 1 deutlich heruntergefahren. Ein Schritt den Russland der Sanktionspolitik des Westens anheftete, an der sich die Türkei ausdrücklich nicht beteiligt. Auch der Zeitplan für den Bau des AKW Akkuyu sei noch einmal festgezurrt worden.

Kein Wort zum Ukraine-Krieg

Aus russischer Sicht wichtig war zudem das Thema der Banken. Weil die Kartenunternehmen Visa und Mastercard sich aus Russland zurückgezogen haben, können Russen in den meisten Ländern der Welt nicht mehr auf ihre Konten zugreifen. Offenbar versprach Erdoğan, dass nun mehr türkische Banken an das russische Bezahlsystem Mir angeschlossen werden sollen. Dies bestätigte Vize-Premier Novak vor russischen Journalisten.  In einer gemeinsamen russisch-türkischen Erklärung war anschließend von einer Vertiefung der wirtschaftlichen Kooperation die Rede und der "Berücksichtigung gegenseitiger Erwartungen".

Vor allem die letztere, etwas kryptische Formulierung meint insbesondere den Getreide-Deal, der in der vergangenen Woche unter türkischer Vermittlung in Istanbul unterzeichnet wurde. Das Abkommen von Istanbul müsse vollständig erfüllt werden, einschließlich des ungehinderten Exports von russischem Getreide und Düngemittels, hieß es in der Erklärung. Da die Türkei in diesen Bereichen ein wichtiger Kunde Russlands ist, dürfte dies ebenfalls ganz im Interesse sowohl von Putin als auch von Erdoğan sein.

Keine Erwähnung fand während des Treffens in Sotschi dagegen der Ukraine-Krieg. Offiziell unterstützt die Türkei die Ukraine im Kampf gegen Russland. In den vergangenen Monaten hatte sich Erdoğan jedoch mehrfach erfolglos als Vermittler angeboten. Im Frühjahr gab es gar ein erfolgloses Treffen der russischen und ukrainischen Delegationen in Istanbul. Eine Wiederholung scheint derzeit wohl nicht möglich.

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