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Wut und Trauer in Nordirland

SZ.de-Logo SZ.de vor 5 Tagen Von Cathrin Kahlweit, London
Der Blutsonntag ruft nach 47 Jahren noch Schmerz hervor: Angehörige der Opfer demonstrieren am Donnerstag in Nordirland. © Clodagh Kilcoyne/Reuters Der Blutsonntag ruft nach 47 Jahren noch Schmerz hervor: Angehörige der Opfer demonstrieren am Donnerstag in Nordirland.

1972 töteten britische Soldaten 13 unbewaffnete Demonstranten. Jetzt, nach fast einem halben Jahrhundert, muss nur ein einziger der damaligen Schützen vor Gericht.

Politisch, wenn auch vielleicht nicht juristisch, war die Entscheidung, welche die nordirische Staatsanwaltschaft am Donnerstag bekannt zu geben hatte, die Entscheidung zwischen zwei Übeln: Riskiert sie womöglich einen neuen Aufstand in Nordirland sowie massiven Ärger mit den Familien jener Opfer, die vor fast 50 Jahren im Kugelhagel britischer Soldaten umkamen - damals, am "Bloody Sunday" in Derry, wie irische Nationalisten die Stadt nennen, oder, wie sie offiziell heißt, in Londonderry? Oder handelt sie sich Ärger mit der britischen Öffentlichkeit ein, mit der Armeeführung, dem Verteidigungsministerium und der Konservativen Partei?

In jedem Fall, so viel war schon vorher klar, würde die Entscheidung die schrecklichen Zeiten der "Troubles" wieder präsent werden lassen. So wird der Jahrzehnte währende Bürgerkrieg in Nordirland zwischen republikanischen Katholiken und unionistischen, probritischen Protestanten in Großbritannien noch immer euphemistisch genannt. Er kostete mehr als 3500 Menschen das Leben. 1998 schlossen Katholiken und Protestanten sowie die Regierungen in London und Dublin ein Friedensabkommen. Seitdem ist das Morden jedenfalls vorbei. Groß aber ist die Angst, dass mit dem Brexit nun nicht nur die alten Grenzen zurückkommen, sondern auch die alten Konflikte aufleben könnten.

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Dutzende Fälle hatten Polizeiermittler in den letzten Jahren untersucht und geprüft, ob Fallschirmjäger der britischen Armee, die 1972 an dem Blutbad beteiligt waren, angeklagt werden sollen. Sie übergaben ihre Akten im vergangenen Jahr der Justiz. Die prüfte weiter, die Sache ist mehr als heikel. Am Donnerstag wurde in der Guildhall der Stadt (einer Art Rathaus) der Beschluss verkündet. Die Entscheidung war von den Angehörigen der Opfer sehnlichst erwartet, von Militärangehörigen aber gefürchtet worden. Nun wird sich nur ein einziger Soldat, der unter "Soldier F" firmiert, demnächst für Mord in zwei und versuchten Mord in vier Fällen vor Gericht verantworten müssen. Gegen die anderen 18 Armeeangehörigen, die eine Anklage befürchtet hatten, lägen nicht genug gerichtsverwertbare Beweise vor, so die Ermittler.

Die Polizei ist seit der Verkündung des Entscheids in Alarmbereitschaft

Er wisse, sagte der oberste Staatsanwalt von Belfast, dass sich vor der Bekanntgabe der Untersuchungsergebnisse hohe Erwartungen aufgebaut hätten und dass die Familien der Opfer nun enttäuscht seien. Dies sei sicher ein schwerer Tag für sie. Allerdings seien die Ermittler zu einer objektiven Herangehensweise an die Tatsachen gezwungen.

Tatsächlich sind Trauer und Ärger in Nordirland am Donnerstag groß. Man hatte sich mehr erwartet, späte Gerechtigkeit erhofft, darauf gesetzt, dass nicht nur IRA-Terroristen, sondern auch Armeeangehörige zur Rechenschaft gezogen würden. Die Angehörigen der Toten vom Bloody Sunday waren am Morgen gemeinsam in einer Art Prozession durch die Stadt gezogen und hatten die Bürgerrechtshymne "We shall overcome" gesungen. Die Polizei in Derry war nach der Veröffentlichung der Entscheidung in Alarmbereitschaft; zuletzt hatte es wieder vermehrt Ausschreitungen zwischen katholischen und protestantischen Jugendlichen gegeben sowie vereinzelte Attacken der "New IRA", der Nachfolgeorganisation der IRA, der katholischen Irisch-Republikanischen Armee.

Bisher hatte eine unausgesprochene Amnestie für Armeeangehörige gegolten

Bisher, schreibt der Guardian, habe für britische Soldaten, die in Nordirland eingesetzt waren, eine unausgesprochene Amnestie gegolten. Mit einer Ausnahme: Zwei Fallschirmjäger sind im vergangenen Jahr wegen des Mordes an einem IRA-Offizier angeklagt worden, das Verfahren läuft. Nun also sollte die moralische - und bisher unbeantwortete - Frage geklärt werden, ob sich Militärangehörige, die sich nach eigenem Empfinden im Kriegseinsatz befanden, dafür verantworten müssen, dass sie damals "wehrlose Demonstranten" getötet haben, wie eine unabhängige Untersuchung aus dem Jahr 2010 eindeutig feststellt. Die Soldaten sind nie namentlich genannt worden; in der Öffentlichkeit tragen sie, wie Soldat F, der nun vor Gericht soll, zur Kennzeichnung nur Buchstaben. Sie alle sind mittlerweile alte Männer.

Bloody Sunday oder Blutsonntag wird der 30. Januar 1972 genannt, an dem Tausende Demonstranten durch Derry zogen. In der Bogside, einem besonders armen, katholischen Viertel unterhalb der City, kam es zum Showdown. Soldaten schossen in die Menge, 13 Menschen starben, darunter sieben Teenager; ein weiterer Mann erlag später seinen Schusswunden. Die Opfer hatten sich einem Menschenrechtsmarsch angeschlossen, mit dem dagegen protestiert wurde, dass die Behörden kurz zuvor Haft ohne Gerichtsverfahren eingeführt hatten. Hunderte IRA-Kämpfer saßen hinter Gittern, ohne dass sie wussten, was ihnen vorgeworfen wird - und ohne Prozess. Die Stadt im Nordwesten Nordirlands war einer der Hauptschauplätze der "Troubles".

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