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Zölibat: Papa emeritus taugt nicht zum Revoluzzer

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 15.01.2020 Raoul Löbbert

Benedikt XVI. hat seinen Nachfolger Franziskus indirekt kritisiert – und sich gegen eine Lockerung des Zölibats ausgesprochen. Er hätte lieber schweigen sollen.

Der damalige Papst Benedikt XVI. geht nach seiner letzen Generalaudienz auf den Petersplatz in Rom vom Podium (2013). © Michael Kappeler/​dpa Der damalige Papst Benedikt XVI. geht nach seiner letzen Generalaudienz auf den Petersplatz in Rom vom Podium (2013).

Gehorsam ist im Katholizismus Pflicht – also eigentlich und im Prinzip. Der oberste Lehrer, stellte Papst Leo XIII. in seiner Enzyklika Sapientiae christianae von 1890 ein für alle mal fest, ist der Papst. Entsprechend ist in dem Schreiben von einer "vollkommenen Unterwerfung" und dem Gehorsam des Willens gegenüber der Kirche und dem Papst ebenso wie gegen Gott selbst die Rede. Doch ein gutes Jahrhundert später ist es mit dem Gehorsam in der katholischen Kirche nicht mehr weit her. Die Unterwerfung kam aus der Mode und wurde praktisch ersetzt durch das individuelle Gewissen als Richtschnur des Glauben und Handelns. Bestes Beispiel dafür: Ex-Papst Benedikt XVI., der zum wiederholten Male sein nach dem Rücktritt selbst auferlegtes Schweigegelübde gebrochen hat. 

Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass sich Benedikt mit Kurienkardinal Robert Sarah aus Guinea, dem neben ihm selbst wohl prominentesten Vertreter des konservativen Lagers in der Weltkirche, lange über den beklagenswerten Zustand der Kirche unterhalten hat. Das Ergebnis erscheint am Mittwoch als Buch unter dem Titel Des profondeurs des nos coeurs (dt.: Aus der Tiefe unserer Herzen) beim französischen Verlag Fayard. Und auch wenn sich Benedikt XVI. nach starker Kritik von der Autorschaft mittlerweile distanziert hat, ohne zu bestreiten, dass das Gespräch so stattgefunden hat, ist das Buch der Versuch, alle seit der Missbrauchskrise immer vehementer und ergebnisoffener geführten Reformdebatten innerhalb des Katholizismus, wenn schon nicht von oben, zumindest von der Seitenlinie zu beenden.

Bekanntlich will Papst Franziskus bald ein Dokument zur Frage vorlegen, ob das Priesteramt für verheiratete Männer geöffnet werden soll. Doch eine Öffnung des Zölibats für verheiratete Männer, wie es etwa die Amazonas-Synode im vergangenen Jahr unter bestimmten Bedingungen nahelegte, ist für die Autoren im wahrsten Wortsinne undenkbar, vom Frauenpriestertum ganz zu schweigen. Wer anderes behaupte, verbreite "abwegige Einlassung, Theatralik, diabolische Lügen und im Modetrend liegende Irrtümer", heißt es in dem Buch.

Es ist eine Provokation

Hiermit meinen Kurienkardinal Sarah und Benedikt XVI. die breite Mehrheit nicht nur der Bischöfe in Deutschland, sondern in weiten Teilen der katholischen Welt. Und natürlich und vor allem meinen sie damit den amtierenden Papst Franziskus, der wie kein anderer für den aktuellen Reformprozess steht. Harter Tobak also, und das auch noch vorgetragen von Franziskus' Vorgänger, der mit seinem spektakulären und in der Form kirchenrechtlich eigentlich nicht vorgesehenen Rücktritt die Kirche wahrscheinlich nachhaltiger verändert hat als Franziskus in den sieben Jahren seitdem.

Allerdings darf man sich nicht blenden lassen von der an Luther erinnernden Hier-stehe-ich-ich-kann-nicht-anders-Rhetorik der Autoren. Das Buch kaschiert bei aller Schärfe zahlreiche Inkonsequenzen und Ungenauigkeiten. Zwar brodelt zwischen den Zeilen ganz mächtig der gewissensbedingte Ungehorsam, nur sind die Autoren zu vorsichtig und zu feige, um sich frank und frei dazu zu bekennen. Ein Augustinus-Zitat, das dem Ganzen voransteht, ist da schon der Gipfel des konservativ-revolutionären Gefühls: "Silere non possum" (dt.: Ich kann nicht schweigen).

Dass Franziskus selbst "diabolische Lügen" verbreitet, ergo ein Häretiker ist, trauen sich die Autoren nicht zu behaupten, obwohl sie genau das meinen. Man will ja nicht selbst in den Ruch kommen, ein Spalter zu sein, obwohl man die eh bereits vorhandene Spaltung in der Kirche natürlich durch so ein Buch noch vertieft. Um auf Nummer sicher zu gehen, raunen Sarah und Benedikt deshalb etwas von einer "sonderbaren Mediensynode", die die "wahre Synode" überlagert habe. Das klingt dann fast so, als solle die "wahre Kirche" in aller Öffentlichkeit gemeuchelt werden. Von wem bleibt unklar.

Wie immer, wenn verschwörungstheoretisch rumgeraunt wird, haben Journalisten auch diesmal angeblich die Hand mit am Dolch. Anders aber als im politischen Kontext, wo Verschwörungstheoretiker gerne vorgaukeln, im Besitz der Wahrheit zu sein und sie gegen das System und die Medien zu verteidigen, können Sarah und Benedikt das System, also die katholische Hierarchie, jedoch nicht vollends verteufeln. Schließlich ist das System Teil der katholischen Wahrheit. Man muss es umarmen der Form halber, selbst wenn man dem Papst im Subtext gegens Schienbein tritt. Andernfalls gilt man am Ende selbst als Häretiker. Und das will wirklich keiner sein. Schon gar kein Ex-Papst, der es aus seiner aktiven Zeit gewohnt ist, der Hierarchie nicht nur anzugehören, sondern sie zu verkörpern.

Zu schweigen wäre eine gute Idee gewesen

Um die Hierarchie des Amtes im Allgemeinen und die seines Nachfolgers im Besonderen nicht zu beschädigen, wäre es für den Ex-Papst, Papa emeritus oder was auch immer Benedikt heute kirchenrechtlich ist, deshalb eine gute Idee gewesen, tatsächlich zu schweigen. So, wie Benedikt es eigentlich versprochen hat. Anscheinend aber nimmt er die Beschädigung der Wahrheit, an die er selbst zu glauben vorgibt, aus Gewissensgründen in Kauf. Dass er als Papst wenig Toleranz für die Gewissensgründe anderer aufbrachte, diese Toleranz aber nun für sich selbst einfordert, gehört zu den vielen Inkonsequenzen und Brüchen in seiner Biografie, die Benedikt XVI. heute ignoriert oder nachträglich gerne korrigiert hätte.

So verfassten im Jahre 1970 etwa neun Theologen ein Memorandum, in dem sie angesichts der "notvollen Situation der Kirche" eine "eindringliche Überprüfung", "differenzierte Betrachtung" und letztlich Öffnung des "Zölibatgesetzes" forderten. Einer dieser Theologen war Joseph Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI.

Natürlich hat jeder Mensch das Recht, seine Meinung im Laufe des Lebens zu ändern. So zu tun, als sei man nie anderer Meinung gewesen, höchstens falsch verstanden worden, wirkt hingegen mutlos, kraftlos, verantwortungslos. Nein, der deutsche Papst taugt nicht zum Revoluzzer. Jetzt sogar noch weniger als früher.

Papst Franziskus hat zu den Einlassungen seines Vorgängers bislang geschwiegen. Er tut gut daran. Im Kampf um die Wahrheit kann Schweigen eine mächtige Waffe sein. Benedikt XVI. hat das nie verstanden.

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