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Der Klimawandel ist wie der Einschlag eines Asteroiden

SZ.de-Logo SZ.de 14.05.2018 Von Alex Rühle
Die Schlote des RWE-Kraftwerks Bergheim-Niederaußem: © imago/Future Image Die Schlote des RWE-Kraftwerks Bergheim-Niederaußem:

Seit 25 Jahren warnt Hans Joachim Schellnhuber vor den Folgen des Klimawandels. Im SZ-Interview erklärt der Forscher, warum er trotz des großen Desinteresses nicht verbittert ist.

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Gründungsdirektor des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. Vater der Zwei-Grad-Grenze. Ach ja, und die für die Klimawissenschaften so zentrale Theorie der Kippelemente (Tipping Points) ist ja auch von ihm. Hans Joachim Schellnhuber könnte mittlerweile als Denkmal seiner selbst herumwandeln.

Stattdessen sitzt in seinem Potsdamer Büro ein agiler, kämpferischer, sehr nachdenklicher Mann, der in herrlich weich federndem Bayrisch (Schellnhuber stammt aus der Nähe von Passau) ein wissenschaftliches Lebensresümee zieht - und sich mittlerweile nur noch wundert über die merkwürdige Gelassenheit, mit der etwa die Medien über den Klimawandel berichten: "Wir steuern im Irrsinnstempo auf eine unbeherrschbare globale Situation zu, die Risiken erhöhen sich quasi stündlich, aber viele Medien berichten nur noch mit gequälter Beiläufigkeit darüber. Gerade kam ein Weltbankbericht heraus: 140 Millionen Klimaflüchtlinge bis 2050, und zwar allein schon innerhalb der betroffenen Länder, ohne die grenzüberschreitende Migration. Klar, da gibt es eine Meldung in der SZ und im Guardian, aber das war's dann auch."

Man muss schon schlucken, wenn Schellnhuber beim Vergleich mit dem größten Massenaussterben der Erdgeschichte, an der Perm-Trias-Grenze, als sich das Klima um fünf Grad erwärmte, nüchtern sagt: "Das dauerte damals Zehntausende Jahre. Heute erwärmt sich die Erde hundertmal so schnell. 90 Prozent aller marinen Arten sind damals ausgestorben, 70 Prozent der terrestrischen. Die Biosphäre hat sich nach und nach komplett neu organisiert. Was der Mensch heute anstellt, ähnelt eher dem Asteroideneinschlag an der Kreide-Paläogen-Grenze. Dass so etwas jetzt geschieht, in diesem Tempo, auf einem überbevölkerten, übernutzten Planeten, gleicht einem kollektiven Suizidversuch."

Das Beeindruckende ist, dass Schellnhuber, der seit Anfang der neunziger Jahre laut und deutlich warnt und der seit Jahren die Politik berät, nichts von einem Defätisten oder Pessimisten hat. Im Gegenteil, auf die Frage, was man denn tun könne, ist er so engagiert wie kämpferisch: "Ich dachte früher immer, es sei unpolitisch, den Einzelnen in die Pflicht zu nehmen. Aber jeder sollte verdammt noch mal tatsächlich etwas beitragen. Wir haben uns alle viel zu lange aus der Verantwortung gestohlen. Ja, wir müssen alle Kohlekraftwerke schließen, ja, Deutschland muss auf 100 Prozent erneuerbare Energien gehen, aber Sie und ich können von heute auf morgen beschließen, kein Fleisch mehr zu essen und keine Langstreckenflüge mehr zu machen."

Auf der anderen Seite erklärt er in einem sehr guten Bild, warum der Klimawandel zum zentralen Thema der Weltpolitik werden müsste: "Man könnte die Situation mit einem leckgeschlagenen Schiff auf hoher See vergleichen. Natürlich gibt es auch neben dieser Havarie Probleme: Das Essen in der dritten Klasse ist miserabel, die Matrosen werden ausgebeutet, die Musikkapelle spielt deutsche Schlager, aber wenn das Schiff untergeht, ist all das irrelevant. Wenn wir den Klimawandel nicht in den Griff bekommen, wenn wir das Schiff nicht über Wasser halten können, brauchen wir über Einkommensverteilung, Rassismus und guten Geschmack nicht mehr nachzudenken."

Ein Gespräch über 25 Jahre politischen und wissenschaftlichen Kampf, über den Optimismus der neunziger Jahre und die fiese Falle, in die die Wirtschaftslobbyisten die Klimaforscher gelockt haben.

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