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Bombenexplosionen: Nach dem Terror droht Sri Lanka eine schwere Krise

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 23.04.2019 Spohr, Frederic
Bei den insgesamt acht Bombenexplosionen in Sri Lanka wurden mindestens 290 Menschen getötet und mehr als 500 verletzt. © AP Bei den insgesamt acht Bombenexplosionen in Sri Lanka wurden mindestens 290 Menschen getötet und mehr als 500 verletzt.

Die Anschläge könnten die strategisch wichtige Insel im Indischen Ozean weiter destabilisieren und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten verstärken.

In den meisten Staaten rückt die Führung des Landes in einer Krisensituation für ein paar Stunden zusammen, oder sie tut wenigstens so. In Sri Lanka ist das anders. 24 Stunden nach dem Anschlag beschwerte sich ein Kabinettssprecher darüber, dass nicht alle Topbeamten der Einladung des Regierungschefs zur Sicherheitsratssitzung gefolgt waren.

Als Grund dafür machte er die Rivalität zwischen dem amtierenden Regierungschef Ranil Wickremesinghe und Präsident Maithripala Sirisena verantwortlich. Dass schon nach so kurzer Zeit Risse in der politischen Führung des Landes so offen zutage treten, lässt nichts Gutes für die Zukunft erahnen. Sri Lanka erlebt derzeit seine schlimmsten Tage seit dem Ende des Bürgerkriegs.

Am Ostermontag ist die Opferzahl des Anschlags vom Sonntag weiter angestiegen. Bei den insgesamt acht Bombenexplosionen wurden mindestens 290 Menschen getötet und mehr als 500 verletzt. Unter den Opfern sind auch Dutzende Ausländer, darunter drei Kinder des dänischen Milliardärs Anders Holch Povlsen, Chef des Modeunternehmens Bestseller (Vero Moda, Jack  &Jones).

Das Auswärtige Amt prüft noch, ob auch Deutsche unter den Opfern sind. Am Montag herrschte im Land weiterhin Ausnahmezustand. In Colombo explodierte eine Autobombe, als Sicherheitskräfte sie entschärfen wollten. Verletzt wurde bei dem Vorfall niemand.

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Die Gefahr einer größeren politische Krise ist groß. Der Terror könnte das multireligiöse Land schnell destabilisieren – und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes weiter verschärfen. Denn was sich auf der relativ kleinen Insel abspielt, hat nicht nur lokale Bedeutung, sondern ist von internationaler Tragweite. Sri Lanka gilt als geopolitisch wichtige Insel im Indischen Ozean und ist unter den Großmächten China, Indien und den USA hart umkämpft.

Indien und den Vereinigten Staaten ist vor allem der riesige Hafen bei Hambantota ein Dorn im Auge. Ein Großteil der Finanzierung kam von den Chinesen im Rahmen der Seidenstraße-Initiative. Sri Lanka konnte seine Schulden für das Milliardenprojekt nicht mehr begleichen. Als Entschädigung sicherten sich die Chinesen die Anlage für insgesamt 99 Jahre. Die Rivalität der Großmächte sorgt dabei auch innenpolitisch immer wieder für Unruhe.

Die Regierung macht derzeit die lokale islamistische Terrorgruppe National Thowheed Jamath für den Anschlag verantwortlich, mutmaßlich hatte sie dabei internationale Unterstützung. Zu ethnischen und religiösen Konflikten kommt es in Sri Lanka immer wieder. Die Mehrzahl der Bürger ist buddhistisch. 12,6 Prozent der Bevölkerung sind Hindus, 9,7 Prozent Muslime und 7,4 Prozent Christen.

Doch auch wenn es gelegentlich zu Zusammenstößen kommt, so war das Land seit dem Ende des Bürgerkriegs 2009 zwischen buddhistischen Singhalesen und den überwiegend hinduistischen Tamilen weitgehend befriedet.

Sollten extremistische Muslime hinter dem Anschlag stecken, wäre dies der erste größere islamistische Anschlag auf der Insel – und ein eindeutiges Zeichen dafür, dass ethnische und religiöse Konflikte brisanter sind, als viele dies bisher wahrhaben wollten.

Nun befürchten viele einen Rückfall in alte Zeiten, in denen der Bürgerkrieg jede wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung aufhielt. Schätzungen zufolge wurden zwischen 1983 und 2009 etwa 100.000 Menschen getötet. Aus Angst, dass sich die Stimmung weiter aufheizen könnte, blockierte die Regierung bereits soziale Medien. Falschnachrichten sollten nicht noch weiter Hass und Panik schüren.

Gleichzeitig läuft aber schon jetzt auch eine politische Debatte. Denn innerhalb der Sicherheitsdienste hatte es zuvor Hinweise auf einen bevorstehenden Anschlag gegeben. Diese Informationen wurden aber nicht ernst genommen oder erreichten nicht die richtigen Stellen. Regierungschef Wickremesinghe kündigte eine Untersuchung an, warum nicht entsprechend reagiert wurde.

Das könnte zu neuen Spannungen führen, denn die Führungsriege des Landes ist sich alles andere als einig – wie bereits die Schuldzuweisungen über den unvollständigen Sicherheitsrat kurz nach dem Anschlag zeigten. Im vergangenen Herbst hatte Präsident Sirisena kurzerhand mit Rajapaksa einen neuen Regierungschef eingesetzt. Der amtierende, vom Parlament gewählte Wickremesinghe wollte sich aber nicht so einfach absägen lassen. Die Anhänger der Politiker gingen auf der Straße aufeinander los.

Beide Lager verfolgen unterschiedliche außenpolitische Ziele: Rajapaksa ist China zugewandt; während einer früheren Amtszeit als Präsident trieb er zahlreiche durch die chinesische Seidenstraße finanzierte Infrastrukturprojekte voran. Wickremesinghe bemüht sich dagegen um bessere Beziehungen zu Indien, Japan und dem Westen.

Wickremesinghe setzte sich schließlich durch. Doch die wochenlange Unsicherheit versetzte der ohnehin schwachen Wirtschaft einen weiteren Schlag. Das Land leidet unter hohen Schulden und hat für ein asiatisches Schwellenland ein nur schwaches Wirtschaftswachstum. Zuletzt prognostizierte die Asiatische Entwicklungsbank für dieses Jahr immerhin eine kleine Beschleunigung von im Vorjahr 3,6 auf 3,8 Prozent.

Entwicklungsökonomen setzen ihre Hoffnung auch auf den Tourismus – auf ihn war in den vergangenen Jahren Verlass. Mit dem Ende des Bürgerkriegs 2009 erlebte das wunderschöne Land einen Boom in der Gästebranche. Viele Gäste beschreiben es als eine Art „Indien für Einsteiger“. Der bekannte Reiseführer „Lonely Planet” kürte Sri Lanka zur Topdestination 2019.

Hoffnung auf Tourismus

Der Sektor macht laut dem globalen Tourismus-Branchenverband WTTC mehr als elf Prozent der Wirtschaftsleistung aus – Tendenz steigend. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Gäste auf mehr als 2,3 Millionen pro Jahr etwa verdreifacht. Gäste aus Deutschland trifft man neben Chinesen, Indern und Briten am häufigsten.

Der Besucherstrom dürfte nach dem brutalen Terror am Ostersonntag zumindest gebremst werden. Es bleibt abzuwarten, wie schlagkräftig die Drahtzieher sind. Aber schon die Reisewarnungen mehrerer Staaten werden Gäste abschrecken. Australiens Regierung riet ihren Bürgern, bei geplanten Reisen nach Sri Lanka noch einmal zu überdenken, ob diese wirklich notwendig wären.

Die Bundesregierung empfiehlt Deutschen, belebte Plätze zu meiden. Doch auch die politischen Machtkämpfe könnten noch einmal heftiger werden. Es stehen richtungsweisende Wahlen an: Schon dieses Jahr wird ein neuer Präsident gewählt, im Jahr darauf dann ein neues Parlament.

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