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Die Katastrophe nach der Katastrophe

SZ.de-Logo SZ.de 14.09.2017 Von Cathrin Kahlweit, London
Menschen gedenken am 14. August in London der Opfer des Feuers im Grenfell Tower. © dpa Menschen gedenken am 14. August in London der Opfer des Feuers im Grenfell Tower.

Mindestens 80 Menschen kamen beim Brand im Londoner Grenfell Tower ums Leben. Jetzt beginnt die staatliche Untersuchung. Überlebende und Experten sind misstrauisch - zu viel spricht gegen eine gründliche Aufarbeitung des Unglücks.

Auf den Tag genau drei Monate ist es jetzt her, dass ein Großfeuer im Londoner Stadtteil Kensington 80 Menschen in den Tod riss. Wie eine riesige Fackel stand der Grenfell Tower damals in der Nacht. Die Bewohner wurden im Schlaf überrascht, nur wer in den unteren Stockwerken lebte, konnte sich retten. Wenn Sir Martin Moore-Bick, ein weißhaariger, hagerer Jurist, an diesem Donnerstagmorgen die staatliche Untersuchung zu der Brandkatastrophe eröffnet, werden viele dieser Überlebenden im Raum sitzen und Angehörige von Menschen, die bei dem Feuer ums Leben gekommen sind. Er wird es nicht leicht haben - so viel hat sich in den vergangenen Wochen angedeutet. Bei ersten Treffen wenige Tage nach dem Feuer waren Dutzende Menschen zusammengekommen, die Grauenhaftes erlebt hatten, die ihre Wohnungen, teilweise ihre Existenzen verloren hatten, die traumatisiert und wütend waren, und Moore-Rick hatte nicht den richtigen Ton getroffen. Er wurde ausgebuht.

Der pensionierte Richter ist von der Premierministerin persönlich beauftragt, die Untersuchung zu leiten. Er wird ihr später seine Ergebnisse vorlegen. Berichte über frühere, harte Urteile, in denen er Sozialhilfeempfängern einiges zugemutet haben soll, schürten zusätzlich die Wut. Die örtliche Parlamentsabgeordnete forderte den Leiter der Enquete deshalb bereits zum Rücktritt auf, bevor er seine Arbeit überhaupt begonnen hatte.

Tatsächlich geht es bei der mit Spannung erwarteten Untersuchung um weit mehr als um die Persönlichkeit des Vorsitzenden. Misstrauen und Skepsis sind in der Öffentlichkeit riesig: Eigentlich soll die Grenfell Tower Inquiry die Frage beantworten, wie es zu der Katastrophe am 14. Juni in North Kensington kommen konnte, bei der sich das Feuer in Windeseile vom vierten Stock des Gebäudes nach oben ausbreitete und keine Flucht mehr zuließ. Tatsächlich, so fürchten Beobachter und Betroffene, dürfte die Untersuchung weit hinter dem zurückbleiben, was sie an Aufklärung leisten soll und will.

Am Anfang, als es noch eine Chance auf Rettung gegeben hätte, riet die Feuerwehr den von Todesangst gepeinigten Bewohnern, sie sollten in ihren Wohnungen bleiben. Ein wahrlich fataler Rat. Nun soll erkundet werden, welche Versäumnisse bei Rettungseinheiten, Behörden und Baufirmen lagen - und was geschehen muss, damit sich ein solches Unglück nicht wiederholt.

In den kommenden Monaten soll das Davor geprüft werden: Architektur und Konstruktion des Gebäudes, Bau- und feuerpolizeiliche Vorgaben. Aber auch das Danach: Haben die Behörden angemessen reagiert? Kam die Hilfe dahin, wo sie gebraucht wurde? Berichte von Polizei, Feuerwehr und Sicherheitsexperten sollen eingeholt, Zeugen gehört, Beweismaterial soll gesichtet werden, und all jene, die im und am Turm lebten, sollen zu Wort kommen.

Nur: Parallel laufen die polizeilichen Ermittlungen weiter, und viele Zeugen, die womöglich erklären könnten, warum bei den immerhin neun Millionen Pfund teuren Renovierungsarbeiten leicht entflammbares Material an den Außenwänden des Wohnturms angebracht wurde, warum jahrelange Warnungen der Bewohner ignoriert wurden, warum mehr auf Ästhetik als auf Sicherheit geachtet wurde - sie dürften schweigen, um sich nicht selbst zu belasten.

Bei einem Briefing im "Institute for Government", einem unabhängigen Londoner Think Tank, berichtete am Mittwoch der BBC-Reporter Chris Cook, er habe intensive Recherchen bei den zuständigen Behörden und Firmen angestellt - und selbst jene, die bei wichtigen Absprachen mit im Raum gewesen seien, ohne selbst Entscheidungen über Ausstattung und Ausrüstung, Bau- oder Sicherheitsmaßnahmen gefällt zu haben, hätten aus Angst vor Repressalien geschwiegen. Die Polizei ermittelt wegen gemeinschaftlich begangenen Mordes, und so könnte jeder, der in den vergangenen Jahren mit dem Grenfell Tower zu tun hatte, ins Visier geraten.

Es komme auf den Richter und seine Befragungsmethoden an, beschwichtigte der hochrangige Jurist Paul Jenkins, Spezialist für derartige Untersuchungen; in vergleichbaren Fällen sei über anonyme Aussagen, auch über Teil-Amnestien nachgedacht worden. Wichtig sei vor allem, dass mit der öffentlichen Debatte ein "Heilungsprozess" in Gang gesetzt werde.

An genau diesen Heilungsprozess glaubt Susie Symes nicht. Sie wohnt unweit des Grenfell Towers und kennt viele der traumatisierten Opfer, die Familienmitglieder verloren haben, die bis heute in Hotels wohnen, die zum Teil bis heute nicht gehört wurden - und die für eine politische Debatte über Zuständigkeiten und Verantwortungsketten nur schwer erreichbar sind. Diese Untersuchung sei viel zu akademisch, zu weiß, zu intellektuell, glaubt Symes schon jetzt; Richter Martin Moore-Rick, und vor allem die Betroffenen, bräuchten ein beratendes Gremium, das die ethnische Vielfalt, die Bildungsunterschiede spiegele, welche die Kommune ausmachen. Es fehlten Menschen, "die wie Menschen sprechen".

Und dann ist da noch die Tatsache, dass die Untersuchung nicht den politischen Ursachen des Feuers auf den Grund gehen wird. Moore-Rick hat das ausgeschlossen. Denn das würde in letzter Konsequenz bedeuten, neben behördlicher Schlamperei, notorischem Sparzwang und schlichtem Desinteresse an Sozialhilfeempfängern auch Größeres zu thematisieren: Deregulierung, Privatisierung, radikale Kürzung von öffentlichen Ausgaben, gelockerte Bauvorschriften, rasant steigende Mieten.

Eine Befürchtung einte alle Teilnehmer der Vorbereitungsrunde zur Grenfell Tower Inquiry, die sich am Vortag unweit des Regierungsviertels eingefunden hatten: Am Ende soll eine Liste von Vorschlägen dafür stehen, wie eine solche Katastrophe in Zukunft vermieden werden kann. Aber dass solche Ratschläge in die Tat umgesetzt werden, glaubt kaum jemand. Star-Jurist Paul Jenkins sagte dazu: "Wer sich lange in der Politik bewegt hat, kann bei diesem optimistischen Gedanken nur müde lächeln."

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