Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Russlands Krieg kommt nun bei der eigenen Bevölkerung an

Berliner Zeitung-Logo Berliner Zeitung 22.09.2022 AFP, Sebastian Ahlefeld
© Bereitgestellt von Berliner Zeitung

Angesichts der von Präsident Wladimir Putin angeordneten Teilmobilmachung haben bereits zahlreiche russische Männer das Land verlassen, um einem Einsatz an der ukrainischen Front zu entgehen. Von den Grenzen zu mehreren Nachbarländern wurden am Donnerstag lange Warteschlangen gemeldet. Wie viele es geschafft haben Russland den Rücken zu kehren, ist unbekannt. Die Flucht wird vom russischen Grenzschutz verhindert.

Gegen eine Flucht der eigenen Staatsbürger hat das russische Regime vorgesorgt: Für russische Staatsangehörige gelten weiterhin die Regelungen des Erlasses Nr. 763-r vom 27. März 2020, welches die Ausreise auf dem Landweg stark reglementiert. Russische Grenzschutzbehörden lassen keine Ausreise russischer Staatsangehöriger zu, wenn diese nicht über einen notwendigen Aufenthaltstitel (Visum oder Daueraufenthaltstitel) verfügen.

Die Mobilmachung hat zu einem Ansturm auf Tickets für Auslandsflüge geführt. Laut der in Russland beliebten Buchungsseite Aviasales.ru waren alle Direktflüge in die nächstgelegenen ehemaligen Sowjetrepubliken, Armenien, Georgien, Aserbaidschan und Kasachstan, am Mittwoch ausgebucht.

Lange Zeit waren Flüge in die Türkei beliebt, um dann nach Europa weiterzureisen. Gerade bei reichen Russen war dies eine beliebte Möglichkeit, um nach Monaco oder Paris zu kommen. Diese Route ist wegen dem Ausverkauf von Flugtickets nicht mehr machbar. Zugleich sind die Ticketpreise massiv angestiegen. Flüge nach Georgien kosten das Zehnfache des regulären Preises. Die preisgünstigsten Flüge nach Dubai kosten 300.000 Rubel (5000 Euro), und entsprechen damit dem Fünffachen eines durchschnittlichen Monatsgehaltes.  

Auf dem Flughafen von Eriwan in Armenien sagten Russen der AFP, vor der Mobilisierung geflohen zu sein. Der 45-jährige Dmitri ließ nach eigener Schilderung Frau und Kinder in der Heimat zurück. „Ich will nicht in diesem sinnlosen Krieg sterben. Es ist ein Bruderkrieg“, sagte er.

Die Situation in Russland würde jeden dazu bringen, das Land zu verlassen, sagte ein 44-Jähriger. Sein 17-jähriger Sohn fügte hinzu: „Wir wollen nicht warten, bis wir eingezogen werden.“

„Im 21. Jahrhundert in den Krieg zu ziehen, ist – gelinde gesagt – falsch“, sagte ein 39-Jähriger, der sich nicht sicher war, ob er jemals wieder nach Russland zurückkehren können würde.

Armenien ist seit Kriegsbeginn zu einem wichtigen Exilland für flüchtende Russen geworden – armenische Behörden haben seitdem mindestens 40.000 Ankünfte aus Russland in der ehemaligen Sowjetrepublik verzeichnet. Rund 50.000 Menschen sollen ins benachbarte Georgien geflohen sein.

In einem Video, was in den sozialen Medien umhergeht, ist eine Traube von schätzungsweise hundert Männern zu sehen. Diese stehen vor einer Meldestelle des russischen Militärs. Hier sollen sich die eingezogenen Männer melden. Ein Protest von Söhnen und Vätern, die sich mit einer Militär-Beamtin streiten.

Die Beamtin der Registrierungsstelle versucht, die Männer davon zu überzeugen, dass der russische Krieg gegen die Ukraine richtig ist. „Mein Sohn ist schon seit Februar im Krieg und wenn es sein muss, dann bin ich bereit auch zu gehen. Dies ist meine Pflicht“, so die Frau. Ein Mann mit einer weißen Mütze widerspricht: „Ich werde nicht gehen.“ Die Beamtin versucht mit einer historischen Parallele zum Zweiten Weltkrieg zu überzeugen und sagt: „Dein Großvater hat auch schon (für unser Land) gekämpft, damit du Brot essen kannst.“ Ein Argument, was ihrem Gegenüber nicht zählt, denn: „Sie haben in einem Krieg gekämpft. Jetzt ist es kein Krieg, sondern Politik.“ Und weiterhin sagt der Mann mit der weißen Mütze: „Mein Großvater hat für unsere Heimat gekämpft. Wofür sollen unsere Kinder kämpfen?“ Die Staatsdienerin antwortet: „Für ihre Zukunft.“

Ein weiterer Mann ruft dazwischen: „Welche Zukunft, da wir nicht einmal eine Gegenwart haben.“

Nachdem sie merkt, dass patriotische Worte nicht reichen, nimmt sie ein finanzielles Argument, was blanker Hohn für die anwesenden Väter sein muss: Da der russische Staat den Familien „Kindergeld“ gegeben hat, sollen die Bürger bereit sein, ihre Kinder für den Staat zu opfern. Ein Kindergeld-Betrag von 100 Rubel, was zwei Euro entspricht.

Seit Wochen gibt es Diskussion darüber, ob russische Staatsbürger in die EU einreisen dürfen. Kanzler Olaf Scholz argumentierte damit, dass es der Krieg Putins in der Ukraine sei – nicht der Krieg des russischen Volkes. Unter den EU-Partner hat dies Äußerungen für Ärger gesorgt. Die Linke in Deutschland hat Scholz dafür gelobt und nutzt nun die Fluchtversuche russischer Männer, um die Grenzöffnung zu zementieren. So äußert sich der Fraktionsvorsitzende der Linken im Abgeordnetenhaus, Carsten Schatz:  

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) verspricht Asyl für russische Deserteure: „Wer sich dem Regime von Präsident Wladimir Putin mutig entgegenstellt und deshalb in größte Gefahr begibt, kann in Deutschland wegen politischer Verfolgung Asyl beantragen.“

Nach Angaben von Verteidigungsminister Sergej Schoigu sollen rund 300.000 Reservisten zur Verstärkung der russischen Kriegskräfte in den Osten und Süden der Ukraine entsandt werden. Diese Zahl kann auf bis zu einer Millionen aufgestockt werden. Dies geht aus dem Diskret des russischen Machthabers hervor.

Nach Angaben des russischen Militärs sollen sich angeblich binnen 24 Stunden rund 10.000 Menschen freiwillig gemeldet haben, um in der Ukraine zu kämpfen. Sie seien „freiwillig und ohne auf die Vorladung zu warten in die Rekrutierungsbüros gekommen“, sagte ein Militärsprecher am Donnerstag der russischen Nachrichtenagentur Interfax.

Ob freiwillig oder gezwungen, die Söhne und Väter hinterlassen weinende Mütter und Frauen. Wie in einem Video zu sehen ist. An einem Registrierungsbüro in Moskau nehmen Familien von ihren Söhnen Abschied.

Wie es für die neuen russischen Frontkämpfer weitergehen kann, zeigt eine Aufnahme vom Flughafen in Magadan. Die russische Stadt Magadan liegt am östlichen Ende des Landes, direkt am Ochotskischem Meer. Die angetretenen Männer bekommen eine Einweisung, wie sie sich im Flugzeug zu verhalten haben. Ein Militärtransportflugzeug, was die Masse der Menschen nur aufnehmen kann, wenn die Männer dichtgetränkt auf dem Boden sitzen. Als Orientierung: Die Flugzeit zwischen Magadan und Moskau beträgt ungefähr sieben Stunden. Wo es für die Männer hingeht, ist ungewiss. Ob in ein russisches Ausbildungslager oder doch direkt ins Kampfgebiet in die Ukraine.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Berliner Zeitung

Berliner Zeitung
Berliner Zeitung
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon