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Holocaust: Franziskus sagt, er schämt sich

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 14.09.2021 Andreas Englisch

Der katholische Priester Jozef Tiso paktierte als slowakischer Präsident mit Hitler und organisierte die Deportation der Juden. Jetzt endlich entschuldigt sich ein Papst.

Papst Franziskus betet am Montag auf seinem Slowakei-Besuch bei einem Treffen mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde. © Gregorio Borgia/​dpa Papst Franziskus betet am Montag auf seinem Slowakei-Besuch bei einem Treffen mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde.

Diese Reise ist eine der schwierigsten Etappen seines Pontifikats: In der Slowakei musste sich Franziskus der Schuld stellen, die die katholische Kirche im Zweiten Weltkrieg auf sich geladen hat. Die Reise, die noch bis Mittwoch dauert, hatte ihn am Sonntag zunächst ins ungarische Budapest geführt, aber wirklich gewichtig sind die slowakischen Stationen, vor allem der Besuch bei den Juden in Bratislava.

Denn nur in der Slowakei leitete ein katholischer Priester, Jozef Tiso, während des Zweiten Weltkriegs als Präsident die Geschicke des Staates – und organisierte für die Nazis die Massendeportation von Juden in die deutschen KZs. Mehr als 100.000 slowakische Juden wurden ermordet.

Was die katholische Kirche während des Zweiten Weltkriegs in der Slowakei angerichtet habe, sorge dafür, dass er sich "schäme", sagte der Papst wörtlich. Konservative Kreise der Kirche in der Slowakei hatten den Vatikan im Vorfeld darum gebeten, über Tiso zu verschweigen, doch Franziskus weigerte sich.

Der Vatikan beließ ihn im Priesterstand

Jozef Tiso, der 1887 geborene Metzger-Sohn, hatte zunächst Karriere als Priester und Theologieprofessor gemacht, bevor er eine steile Karriere in der Politik begann. Schließlich wurde er zum slowakischen "Führer" nach dem Vorbild Adolf Hitlers. Tiso bewunderte Hitler vor allem wegen dessen antibolschewistischer Haltung und half Heinrich Himmler bei der "Endlösung", also der planmäßigen Ermordung des jüdischen Volkes. Der Priester sprach öffentlich von "jüdischen Schädlingen" und rechtfertigte gern deren offene Beraubung durch seinen Staat, mit der Begründung, die Juden hätten "durch ihren Geschäftssinn" zuvor die Slowaken beraubt.  

Jozef Tiso stimmte im Sommer 1944 dem Einmarsch deutscher Truppen in die Slowakei zu, um den sich anbahnenden Aufstand gegen die Machthaber in seinem deutschen Vasallenstaat niederzuschlagen. Als das nach tödlichen Gefechten auch gelang, feierte Jozef Tiso eine Dankesmesse, in der er den Mut der Soldaten der SS lobte. Obwohl Jozef Tiso während der Jahre als Staatspräsident auch als Pfarrer in einer Gemeinde diente, dachte der Vatikan nie daran, ihn aus dem Priesterstand zu entlassen oder ihn in ein Kloster zu zwingen – auch nicht, seit in Rom die Einzelheiten über die Massendeportationen der Juden in Konzentrationslager bekannt wurden. 

Nach Kriegsende floh Tiso nach Altötting in Bayern und versteckte sich im Sankt-Anna-Kloster, mit Wissen des damaligen Münchner Kardinals Michael von Faulhaber. Die Alliierten entdeckten ihn allerdings bald und lieferten ihn an die Tschechoslowakei aus, wo er im April 1947 nach einem umstrittenen Prozess gehängt wurde.  

"Der Papst hat gezeigt, dass er ein jüdisches Herz hat"

In der Slowakei nun sprach der argentinische Papst am Montag schonungslos über die Mitschuld der Kirche am Judenmord. In einer Rede in Bratislava, am Holocaust-Mahnmal, erinnerte Franziskus unter anderem daran, dass der Priester Jozef Tiso die Nazis als Beschützer der Christen sah, und dass dieser Wahn ihn zum Verbrecher machte: "Hier angesichts der Geschichte des jüdischen Volkes, das von dieser tragischen und unsagbaren Schmähung gezeichnet wurde, schämen wir uns zuzugeben: So oft ist der Name des Höchsten für unbeschreiblichen Akte der Unmenschlichkeit benutzt worden! So viele Unterdrücker haben erklärt, Gott sei mit ihnen – aber sie selbst waren es, die nicht mit Gott waren."

Auf dieses Eingeständnis reagierte der Chef der jüdischen Gemeinde der Slowakei, Richard Duda, mit einer Dankesbezeugung. So empfing er den Papst an der Holocaust-Gedenkstätte in Bratislava. Nach dem Besuch sprach Duda mit ZEIT ONLINE über seine gemischten Gefühle angesichts des Besuches aus Rom. Er sagte: "Der Papst hat gezeigt, dass er ein jüdisches Herz hat. Wir haben uns gegenseitig Rosch ha-Schana (frohes neues Jahr) gewünscht und viele gute Jahre. Wir haben das Gefühl, dass er uns wirklich versteht und sind wirklich froh, dass er hier war."  

Allerdings verschwieg Duda auch nicht die bleibende Trauer und Bitterkeit angesichts der Opfer der Shoah: "Natürlich hat Tiso mit den Deutschen kooperiert und ich weiß nicht, ob wir den Deutschen je werden vergeben können. Aber es waren Slowaken, die meine jüdischen Schwestern und Brüdern in die Züge eingesperrt haben auf dem Weg in die Lager. Den ersten Deutschen sahen sie erst in den Konzentrationslagern."

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